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Facebook Mark Zuckerberg und seine Freunde verändern die Gesellschaft

21.03.2008 ·  Facebook baut eine neue Welt im Netz. Dort kann man Freunde treffen, einkaufen und sogar Scrabble spielen. Kein Wunder, dass viele pfiffige Unternehmen jetzt dort andocken.

Von Patrick Bernau
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Die Geschichte von Jayant und Rajat Agarwalla klingt wie ein Märchen: Es waren einmal zwei Brüder in Indien. Die hatten in ihrer Familie gerne Scrabble gespielt, seit sie denken konnten. Und weil sie auch programmieren konnten, schrieben sie ein Scrabble-Spiel und stellten es ins Internet. Sie nannten es Scrabulous. Bald kam ein Scrabble-Spieler zu ihnen und fragte sie: Wollt ihr bei dem Spiel nicht auch die Leute der Internet-Gemeinde Facebook mitspielen lassen? Das taten sie.

In wenigen Monaten fand Scrabulous Millionen Fans, die immer und immer wieder Scrabble spielten. Die Brüder begannen, Werbung auf ihrem Scrabble-Spiel zu verkaufen. Und so dauerte es nicht lange, bis Jayant und Rajat 25 000 Dollar verdienten. Im Monat.

Neues Feld für Gründer

Dass dieses Märchen für die Brüder ein Happy End hat, ist noch nicht sicher, denn sie haben wahrscheinlich gegen die Urheberrechte der Scrabble-Spieleverlage verstoßen. Derzeit verhandeln die Anwälte. Trotzdem sind die beiden Brüder aus Indien ein Beispiel dafür, dass in diesen Monaten eine ganz neue Branche entsteht - aufbauend auf Internet-Gemeinschaften wie Facebook, StudiVZ, Xing. Obwohl diese Gemeinschaften selbst erst wenige Monate alt sind, versuchen derzeit Hunderte von Gründern ihr Glück, indem sie diese Websites auf eigene Faust mit zusätzlichen Funktionen bereichern. Die Unternehmen, die hinter den Internet-Gemeinschaften stecken, lassen das gerne zu, denn es garantiert ihnen Aufmerksamkeit und Klicks.

Gemeinschaften wie StudiVZ und Facebook sind der große Internet-Erfolg der vergangenen Monate. Auf ihren Seiten präsentieren die Mitglieder einander ihr Leben. Sie geben an, wen sie kennen, finden neue Freunde. Sie tauschen mit ihren Bekannten Grüße und kurze Nachrichten aus, zeigen Fotos und erzählen Alltäglichkeiten. "Man stilisiert sich selbst, um mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben", sagt der Hamburger Soziologe Jan Schmidt.

Online-Gemeinschaften statt E-Mail

Das ist beliebt. Zwei Drittel aller Internet-Nutzer weltweit haben im Januar eine Online-Gemeinschaft besucht, hat die Marktforschungsfirma Comscore ermittelt. Diese Leute verbringen jeden Monat im Durchschnitt knapp vier Stunden dort. Mit E-Mail verbringen die Internet-Nutzer nur rund drei Stunden und mit Suchmaschinen nicht einmal eine.

Das reicht dem Gründer der Internet-Gemeinschaft Facebook, Mark Zuckerberg, aber nicht. Am liebsten wäre es dem 23 Jahre alten Unternehmer, wenn seine Mitglieder gar keine andere Seite mehr besuchen würden. Nachrichten lesen, Bücher bestellen, Musik hören - das alles sollen sie in Zukunft innerhalb von Facebook tun. Zuckerbergs Idee: Menschen wie Jayant und Rajat sollten dabei helfen. Sie können neue Bausteine für die Facebook-Website schreiben, die Facebook dann einbaut. "Applikationen" nennt man diese Bausteine. Und wer will, darf darin auch Werbung verkaufen. Das lohnt sich für beide Seiten.

Nach der Ankündigung dieser Öffnung dauerte es nur ein paar Tage, dann waren die ersten Applikationen fertig. Anfangs waren sie ganz einfach: Statt einander nur zu grüßen, konnten die Mitglieder ihren Freunden ein Bild von einer Rose oder einen Smiley schicken. Dann wurden sie komplexer: Ein Frage-Antwort-Spielchen sagte jedem Facebook-Mitglied auf Wunsch, ob es lieber nach New York, Paris oder Sydney ziehen sollte. Ein anderer Baustein half, Unterstützer für gute Zwecke wie den Klimaschutz zu sammeln - und Geld dafür.

650 000 Mitglieder in zwei Wochen

Rosenbilder & Co. wurden zum Renner, Millionen von Facebook-Mitgliedern nutzen die neuen Angebote. Die Universität Stanford bot einen Kurs darüber an, wie Facebook-Applikationen programmiert werden. Inzwischen meldet Facebook, nahezu 200 000 Entwickler hätten fast 20 000 Applikationen programmiert. Die Facebook-Manager sehen diese Funktionsvielfalt als ihren großen Wettbewerbsvorteil im Kampf gegen die einheimischen Netzwerke wie etwa StudiVZ in Deutschland. Zwei Wochen nach dem Start von Facebook in Deutschland hat die Gemeinschaft hier 650 000 aktive Mitglieder. Wenn mehr Applikationen aus Deutschland kommen, soll Facebook richtig beliebt werden. Die ersten Entwickler haben schon begonnen.

Doch die Konkurrenten ziehen nach. Die deutschen Gemeinschaften Xing, StudiVZ und Lokalisten arbeiten schon daran, ebenfalls Bausteine zuzulassen. Vergangene Woche hat die größte Internet-Gemeinschaft der Welt, das amerikanische Myspace, die ersten Bausteine eingebunden. Und Google will sogar eine Programmiernorm schaffen, so dass die Applikationen in allen Gemeinschaften gleichzeitig funktionieren.

Risiken nach außen verlagern

Wozu der ganze Aufwand? Ist es nicht einfacher, wenn Facebook & Co. die Rosenbilder und die Frage-Antwort-Spielchen selbst programmieren? Nein, glaubt Tobias Kollmann, Professor für E-Business an der Universität Duisburg-Essen. Und zwar aus drei Gründen: Erstens könnte Facebook gar nicht so schnell 200 000 Entwickler anstellen, das Unternehmen hat selbst gerade einmal 500 Mitarbeiter. Zweitens, sagt Kollmann, hätten diese vielen Entwickler mehr Ideen für neue Dienste, als ein einzelnes Unternehmen je haben könnte: "Tausend Leute sehen mehr als zwei." Drittens probierten diese vielen Entwickler ihre eigenen Ideen auch gerne selbst aus und würden damit ein Risiko übernehmen, das Facebook selbst nie tragen könnte. Experten wie Kollmann und der Internet-Investor Peter Schüpbach sind sich einig, dass es mit den Facebook-Bausteinen so enden wird wie mit anderen Internet-Start-ups auch: Von den 18 000 entwickelten Applikationen wird nur ein Bruchteil Erfolg haben. Dieses Risiko nach außen zu verlagern ist durchaus sinnvoll.

Zu Anfang lohnte sich das auch für die Entwickler. Ihre Applikationen bekamen viel Aufmerksamkeit, weil es nur wenige von ihnen gab und jeder Baustein seine Nutzer um eine Empfehlung an deren Freunde bat. Doch nach einer Zeit wurde es den Facebook-Nutzern zu viel, und die Regeln wurden enger gefasst.

Nun müssen sich die Entwickler mehr einfallen lassen, um erfolgreich zu sein. Gerade lernen sie, mit dem zweiten Pluspunkt der Online-Gemeinschaften umzugehen: dem Wissen darüber, wer wen kennt. Dieses Wissen ermöglicht ganz neue Dienste - zum Beispiel die Reisehilfe "Trip-Advisor". Die fängt sehr spaßig an: Jedes Mitglied bekommt eine Weltkarte und kann Stecknadeln auf die Orte setzen, die es schon besucht hat - große Stecknadeln für Orte, die es besonders gut kennt, kleine für weniger bekannte. So zeigt jeder seinen Freunden, wie weit er schon gereist ist.

Richtig nützlich wird der "Trip-Advisor" aber, wenn einer eine Reise plant - zum Beispiel nach Rio de Janeiro. Dann erfährt er vom Trip-Advisor innerhalb von Sekunden, welcher seiner Freunde schon dort war und Hotels empfehlen kann. Wenn das so weitergeht, kann Facebook wirklich das Tor zum Internet werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 42
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