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Echtzeit-Internet Sie wurden gefunden

12.12.2009 ·  Die Internetsuche wird immer schneller, jetzt ist sie sogar in „Echtzeit“ möglich. Wer twittert, auf der Zugspitze sei das Wetter schön, teilt das in der nächsten Sekunde der ganzen Welt mit. Auch Facebook wird zum offenen Buch. Das ist eine Revolution.

Von @carstenknop und @HolgerSchmidt
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Die Orte, an denen sich die Welt der Technik verändert, sind häufig unscheinbar. Es kann sich um einen kleinen Vortragssaal in der Hauptverwaltung des Computerherstellers Apple handeln, zum Beispiel dann, wenn dort der erste digitale Musikspieler des Hauses vorgestellt wird, der iPod. Das war im Jahr 2001. Seither ist der Konsum von Musik sowohl mobil als auch digital geworden – und in der Musikindustrie ist nichts mehr so, wie es früher war. In dieser Woche ist nur wenige Kilometer von jenem Vortragssaal entfernt, in der kalifornischen Silicon-Valley-Gemeinde Mountain View, etwas angekündigt worden, was möglicherweise noch bedeutender ist: Das Internet kann jetzt in Echtzeit, also ohne jede Zeitverzögerung, zwischen der Veröffentlichung einer Nachricht und der jeweiligen Abfrage durchsucht werden.

Der Internetkonzern Google hatte sich als Veranstaltungsort für diese Ankündigung ein Museum ausgesucht, das Museum der Computergeschichte. In dem Haus kann man erleben, wie sich die Technik von Mikroprozessoren in den Jahren zwischen 1971 und heute weiterentwickelt hat. Keine vierzig Jahre sind die ältesten Chips in diesem Museum alt, und jetzt schicken sich ihre hochleistungsfähigen Nachfolger an, unser Leben vollends digital zu vernetzen.

Der zunächst abstrakte Begriff Echtzeit-Internet gibt Antworten auf ganz konkrete Schwierigkeiten des Alltags: Denn auf Fragen wie „Woher kommt jetzt die laute Musik im Park?“ oder „Scheint oben auf dem Berg gerade die Sonne?“ wusste bisher noch nicht einmal Google die Antwort. Die Suchmaschine durchsuchte bisher zwar schon Milliarden Internetseiten in Sekundenschnelle, aber für die aktuell spannendste Entwicklung im Netz, eben das Echtzeit-Internet, war selbst Google zu langsam. Dass jemand schneller als Google ist, hat die Chefs, die sich bei jeder persönlichen Begegnung stets unglaublich locker geben, mächtig nervös gemacht.

Google ist wieder auf Augenhöhe

Niemals zuvor haben der Google-Vorstandsvorsitzende Eric Schmidt und der Unternehmensmitbegründer Larry Page ihre Mannschaft so stark angetrieben wie bei diesem Thema. Mit Erfolg. Seit dieser Woche, seit der Ankündigung ihres „Google Fellow“ Amit Singhal und ihrer Vorzeige-Softwareingenieurin Marissa Mayer im Museum in Mountain View ist Google wieder auf Augenhöhe mit dem Internet.

Denn das Echtzeit-Internet ist zurzeit das Topthema aller Internetkonferenzen. Es besteht aus den vielen Millionen Statusaktualisierungen in sozialen Netzwerken wie Facebook, MySpace oder StudiVZ und den 140 Zeichen langen Tweets auf Twitter. Das sind allesamt Namen, die schon die meisten derjenigen in ihrer Bedeutung nicht mehr erfassen können, die zu der Zeit geboren wurden, als Intel seine ersten Mikroprozessoren auf den Markt brachte. Doch schon die Kinder dieser Generation werden in einer Welt aufwachsen, in der Twitter & Co. Selbstverständlichkeiten des Alltags sind, so, wie es früher das Fernsehen war.

Twitter zum Beispiel könnte man als Kurznachrichtendienst bezeichnen. Das Unternehmen ist quasi der Erfinder des Echtzeit-Internets. Dort senden die Nutzer jeden Tag knapp 30 Millionen Nachrichten, machen sich gegenseitig auf interessante Informationen aufmerksam oder schreiben einfach nur, dass sie im Moment auf einem Heavy-Metal-Konzert im Stadtpark sind oder bei strahlendem Sonnenschein auf dem Berg Ski fahren. Bisher haben diese Informationen bestenfalls die Freunde, neudeutsch die „Follower“, also die Abonnenten der jeweiligen individuellen Nachrichtenkanäle auf Twitter interessiert; allerdings können daraus schnell relevante Informationen werden. So war die Entscheidung von General Motors, Opel doch zu behalten, schon eine gute halbe Stunde auf Twitter zu lesen, bevor das „heute journal“ auf Sendung ging – aber an jenem Tag von dieser Entwicklung noch nichts berichtete.

Twitter, der Turbo des Nachrichtengeschäfts

Nach solchen Erlebnissen kann niemand mehr daran zweifeln, dass Twitter einen höchst ernsthaften Nutzen stiften kann. Noch fällt es Google zwar schwer, die relevanten Tweets (das ist der Name für jede einzelne 140-Zeichen-Nachricht auf Twitter) herauszufiltern. „Das Sortieren der Inhalte aus den sozialen Medien ist eine unserer größten Herausforderungen“, sagte Schmidt jüngst. Die Entwicklung leistungsfähiger sozialer oder maschineller Filter wird die Informationsflut aber nach allgemeiner Branchenansicht sehr bald beherrschbar machen; Angst muss niemand davor haben, der ein Mindestmaß an Lernbereitschaft mitbringt.

Das Echtzeit-Internet hat das weltumspannende Datennetz schon heute grundlegend verändert. Informationen fließen in hohem Tempo durchs Netz, werden als persönliche Empfehlungen weitergeleitet. Die Notlandung des Flugzeugs auf dem Hudson River in New York hat die Mechanismen im Echtzeit-Web gezeigt: Ein Augenzeuge bringt die Information – das Foto des notgelandeten Flugzeugs – per Twitter ins Netz; seine Follower leiten den Link zum Foto weiter, und binnen weniger Minuten geht die Geschichte um die Welt. Dieser Informationsstrom hat das klassische Nachrichtengeschäft enorm beschleunigt. Seit es Twitter gibt, ist die Zeitspanne zwischen dem Ereignis und den ersten Berichten in den Online-Medien deutlich kürzer geworden, womit sich klassische „schnelle“ Medien wie zum Beispiel das Fernsehen einer besonderen Herausforderung gegenübersehen: Twitter ist als Informationsverteiler der Turbo im globalen Nachrichtengeschäft geworden.

Doch Echtzeit hat noch viel mehr Facetten. Sie zeigen sich in einer Erfindung, die Google inmitten der historischen Museumscomputer zeitgleich zur Twitter-Integration vorstellte: Google „Goggles“. Dabei handelt es sich um ein mobiles Bilderkennungssystem, das in Sekundenschnelle Informationen zum fotografierten Produkt liefert. Mit Hilfe des Satellitennavigationssystems GPS (Global Positioning System), das schon heute in allen Auto-Navis steckt, und einem eingebauten Kompass können moderne Handy-Programme zum Beispiel Gebäude erkennen und über die mobile Datenleitung relevante Informationen dazu besorgen. Unter dem Schlagwort der „erweiterten Realität“ (Augmented Reality) werden Verfahren entwickelt, die zu einem Motiv, das von der Handy-Kamera anvisiert wird, passende Informationen aus dem Internet holt und über das Bild einblendet. Das würde übrigens auch mit menschlichen Gesichtern und ihrer mobilen Erkennung funktionieren, doch diese – für viele Menschen gewiss beängstigende – Funktion haben die Programmierer von Google bisher nicht vorgesehen.

Keine Warterei auf Antworten, keine überflüssigen Informationen mehr

Fest steht aber so oder so, dass die Mobilität den größten Entwicklungssprung hervorrufen wird. Die mobilen Datennetze werden in einigen Jahren wie das heutige Festnetz genutzt werden. Die Übertragungsgeschwindigkeiten werden ähnlich hoch, die Pauschaltarife ebenso erschwinglich sein. Mit der vierten Mobilfunkgeneration LTE steht ein noch schnellerer Datenübertragungsnachfolger in den Startlöchern. Das mobile Internet wird damit in einem Echtzeit-Modus enden: In Echtzeit wissen, ob sich hinter der Kuppe ein Stau gebildet hat, ist nur eine nützliche Anwendung, an der gerade geforscht wird. Befinden sich viele Handys hintereinander bewegungslos auf einer Straße, kann es sich nur um einen Stau handeln.

Diese Information rechtzeitig an die anderen Autofahrer zu senden, die ebenfalls auf dieser Straße unterwegs sind, ist nur eine Frage der Rechenleistung und der Übertragungskapazität der Mobilfunknetze. Die Autofahrer zuverlässig um den Stau herumzulotsen ist dann nicht mehr schwer; „normale“ Navigation mit dem Handy gibt es von Google schon heute. Ohnehin wird die gesamte elektronische Kommunikation von Mensch zu Mensch künftig in Echtzeit ablaufen. Und wieder hat Google als Innovator mit Google Wave gezeigt, wie es funktionieren kann. Die klassische E-Mail wandelt sich automatisch in einen Live-Chat um, wenn der Gesprächspartner gerade online ist. Wenn mehr als zwei Menschen eine Konversation haben, hat die E-Mail bisher meist unzählige Kopien, die ironischerweise als Carbon Copy (CC) bezeichnet werden, und gewaltige Ineffizienzen produziert. Künftig wird die Kommunikation in Echtzeit mit mehreren Menschen ablaufen können, ohne ständige Warterei auf Antwort, ohne überflüssige Informationen.

In Amerika sagen Branchenkenner voraus, dass mit den Echtzeit-Daten aus dem Netz ein Milliardenmarkt erwachsen könne. Für Google ist der Vorteil klar: Die Suchmaschine liefert jetzt noch viel mehr Antworten auf die Fragen der Menschen, wird noch häufiger genutzt und kann noch mehr passende Werbung einblenden. Denn der Weg zur ortsbezogenen „Echtzeit-Werbung“ ist nicht mehr weit. Eric Schmidt sagte schon im vergangenen Jahr: Die nächste große Welle in der Werbung ist das mobile Internet. Dass die Echtzeit dazukommen würde, konnte er damals noch nicht wissen. Dass Echtzeit ein perfektes Google-Thema ist, hat er inzwischen verstanden. Und so würde es auch niemanden überraschen, wenn Google Twitter doch noch kaufen würde.

Der Mensch ist im Netz sein größtes Risiko

Dass diese Entwicklungen auch Risiken mit sich bringen, steht außer Frage. So locken die sozialen Netzwerke, die jetzt in Echtzeit durchsucht werden können, Cyber-Kriminelle an. Der amerikanische Netzwerkausrüster Cisco Systems hat in seinem jüngsten Sicherheitsbericht festgestellt, dass die Nutzer dieser Netzwerke in der Regel keinerlei Vorsichtsmaßnahmen treffen, um die Ausbreitung von schadhafter Software oder Viren zu verhindern. Das ist für Kriminelle attraktiv, denn allein Facebook verdreifachte seine aktive Nutzerzahl im Laufe dieses Jahres auf 350 Millionen: Schlechtes Nutzerverhalten, potentielle Schwachstellen und veraltete Software könnten sich in Kombination verheerend auf die Netzwerksicherheit auswirken, sagt Patrick Peterson, der oberste Sicherheitsforscher von Cisco: Dabei sei der Mensch oft der größte Risikofaktor.

Was der Mitarbeiter von Cisco nicht sagt: Die Datensammlungen werden zugleich für den Menschen zu einem Risiko, mit dem die Gesellschaft umzugehen lernen muss. Die Gefahr einer digitalen Spaltung der Gesellschaft in die „Digital Natives“ und die Außenstehenden wird mit steigendem Tempo des technischen Fortschritts nicht kleiner, sondern größer. Die Entwicklung der Informationsgesellschaft ist kein Automatismus, sondern erfordert viel Lernbereitschaft.

Unterschätzen sollte man das Echtzeit-Internet auf keinen Fall. Schon zum Börsengang von Google hatte es von den Skeptikern geheißen, das Unternehmen mit den coolen Jungs habe gegen den etablierten Softwarekonzern Microsoft keine Chance. Bisher ist es genau umgekehrt, auch wenn Microsofts Suchmaschine Bing das Internet sogar schon etwas früher in Echtzeit durchsuchen konnte als Google. Nur: Wen interessiert heute noch so recht, was Microsoft im Internet macht? Und Tweets in Echtzeit stellt Twitter künftig sowieso jedem zur Verfügung, der sie nutzen möchte, nicht nur Microsoft und Google.

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Logisches Ende

Von Susanne Preuß

Die Schlecker-Filialen werden geschlossen, die Mitarbeiter stehen auf der Straße. Eine bittere Nachricht für die Beschäftigten. Aber es gibt auch ein gutes Fazit aus dem Ende der Drogeriekette. Mehr 5 28

01.06.2012 16:09 Uhr
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