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E-Books : Amazons nächster Coup

  • -Aktualisiert am

Spottpreise für E-Books soll neue Leser gewinnen Bild: dpa

Mit E-Books zum Spottpreis und einer Flatrate erobert Amazon neue Leser. Die Verlage und viele Autoren sind empört und passen sich an. Dabei steht eine Frage im Mittelpunkt.

          Schon mal den Namen Poppy J. Anderson gehört? Nein? Dann haben Sie wohl keinen Kindle, das E-Book-Lesegerät von Amazon. In der Kindle-Welt ist Poppy J. Anderson ein Star, eine Bestsellerautorin. 600 000 E-Books hat sie nach eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren verkauft; ihr aktueller Kurzroman „Ein Hinterwäldler zum Verlieben“ steht oben in den Kindle-Charts. Kostenpunkt 89 Cent, längere Romane von ihr kosten 2,99 Euro.

          Hinter dem Pseudonym Poppy J. Anderson steckt eine deutsche Historikerin aus Essen, 31 Jahre alt, die eigentlich ihre Doktorarbeit schreiben wollte über Amerika und den deutsch-israelischen Dialog nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit Ende 2012 produziert sie stattdessen eine Liebesschnulze nach der anderen und macht sie im Eigenverlag über Amazon den Lesern zugänglich. Kindle Direct Publishing heißt das Portal vom Amazon, das sie dazu nutzt. Acht E-Books hat sie allein dieses Jahr schon herausgebracht und beteuert: „Vieles kommt aus der Schublade, ich schreibe Romane, seit ich 14 bin.“

          Erschreckend sind die niedrigen Preise

          Atemberaubend ist das Tempo trotzdem. Und erschreckend sind die niedrigen Preise. Nicht für Poppy Anderson, die, wie sie sagt, trotzdem an jedem Buch im Schnitt einen Euro verdient (also schon eine halbe Million Euro verdient hat, wenn das alles stimmt). Wohl aber für die etablierte Konkurrenz. Denn gewöhnliche Verlage verlangen für die E-Books ihrer Autoren viel mehr. Auf der aktuellen Kindle-Bestsellerliste taucht erst auf Platz sieben das erste normale Buch auf: der neue Ken Follett für 22,99 Euro. Die sechs davor sind aus dem Kindle-Eigenverlag und kosten alle unter fünf, vier sogar weniger als einen Euro.

          Amazon hat einen neuen Markt geschaffen für kurze, schnell geschriebene, unglaublich billige Bücher. Die Folge ist, dass Leser mit Kindle deutlich mehr Bücher lesen als Leser ohne Kindle. Es ist zudem ein Markt, der es unbekannten Autoren auf einfache Art ermöglicht, ihre Bücher zu veröffentlichen - ganz ohne normale Verlage.

          Am Anfang steckte dahinter vor allem der Wille von Amazon, den Kindle durchzusetzen - dazu musste man den Lesern viel Stoff bieten. Das ist geschafft, Bücher gibt es für den Kindle jetzt genug. Und Amazons Marktanteil bei E-Book-Verkäufen liegt bei 40 Prozent.

          Der Markt für E-Books in Deutschland
          Der Markt für E-Books in Deutschland : Bild: F.A.Z.

          Schon bereiten die Amerikaner den nächsten Schritt vor. Der Versandhändler wird laut einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ auch in Deutschland eine Flatrate für elektronische Bücher einführen. Der Konzern plane den Start von „Kindle Unlimited“ zur Frankfurter Buchmesse, die am 8. Oktober beginnt. Gegen einen festen monatlichen Betrag können Kunden dann beliebig viele E-Books (elektronische Bücher) auf ihr Lesegerät laden. In Amerika verlangt Amazon dafür 9,99 Dollar pro Monat (7,80 Euro).

          Das passt bestens in die Strategie des amerikanischen Konzerns, der in Deutschland, dem Land der Buchpreisbindung, niedrige Preise durchzusetzen versucht. Dazu verhandelt er seit einiger Zeit knallhart. In Deutschland hat Amazon sich den Bonnier Verlag herausgepickt, zu dem unter anderem Carlsen gehört, wo Harry Potter erscheint. Von Bonnier will Amazon in Sachen E-Books beides: einen höheren Rabatt für sich selbst und zusätzlich niedrigere Verkaufspreise. Am Donnerstag haben die Verhandlungen mal wieder ohne Einigung geendet.

          Die Leser müsste das alles nicht kümmern. Verhandlungen gibt es überall, auch der Lebensmittelhandel verhandelt knallhart mit Herstellern oder Bauern über die Preise für Nudeln und Äpfel. Am Ende profitieren die Kunden meist von günstigeren Preise.

          Verlagen passt Amazons neues Verhalten gar nicht

          Doch den Verlagen passt Amazons neues Verhalten gar nicht - und sie haben viele bekannte Autoren auf ihre Seite gezogen. Großformatig wettern sie allüberall gegen Amazon und seine Methoden, so dass auch die Leser aufgeschreckt sind. Bedeuten die Verhandlungen womöglich doch mehr? Geht es darum, ob die Verlage überleben? Ob Autoren noch von ihren Büchern leben können?

          Auf jeden Fall geht es um E-Books. Die haben zwar noch einen kleinen Marktanteil an verkauften Büchern, aber ihre Bedeutung wächst. In diesem Jahr rechnen die Verlage damit, so eine Umfrage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, etwa 12 Prozent ihrer Umsätze mit E-Books zu machen. In manchen Genres ist es mehr. In der Belletristik werden heute schon 20 Prozent als E-Book verkauft, sagt ein Verleger. Krimis und Erotik sind ebenfalls ohne E-Book nicht mehr denkbar. Nur Kinderbücher laufen schlecht auf Lesegeräten.

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