Die Konsolidierungswelle im Internet rollt. Nachdem Freenet den Berliner Web-Hoster Strato übernommen hat, setzte das Westerwälder Unternehmen United Internet nun den vorläufigen Höhepunkt: Für umgerechnet rund 330 Millionen Euro will United Internet das Internetportal Web.de übernehmen.
Das ist die bisher größte Transaktion auf dem deutschen Internetmarkt. „Portale sind teuer zur Zeit. Der Preis entspricht zwar internationalen Maßstäben. Trotzdem haben wir uns ein Herz fassen müssen, um so viel Geld in die Hand zu nehmen“, sagte Ralph Dommermuth, der Vorstandsvorsitzende von United Internet.
Sicherung eines Vertriebskanals
Mit der Übernahme hat sich United Internet im Portalgeschäft auf eine Höhe mit dem bisherigen Spitzenreiter T-Online emporgearbeitet. Beide Unternehmen zusammen erreichen nach den Zahlen von Nielsen-Netratings nun jeden Monat zwischen 14 und 15 Millionen deutsche Internetnutzer. Diese Reichweite gilt als wichtiger Faktor für die Online-Werbung. „Wir wollen gemeinsam 15 bis 20 Prozent der Online-Werbeumsätze in Deutschland in diesem Jahr erwirtschaften“, sagte Dommermuth. Der für ihn relevante Markt wird auf rund 400 Millionen Euro geschätzt.
Doch alleine dafür hätte Dommermuth nicht 330 Millionen Euro ausgegeben. Vielmehr liegt die ganze Logik der Übernahme in der Sicherung eines exklusiven Vertriebskanals: United Internet will den rund neun Millionen Nutzern von Web.de schnelle DSL-Internetzugänge, E-Mail-Postfächer und Speicherplatz im Internet verkaufen. Dagegen hat die Übernahme United Internet im wichtigen Geschäft mit schnellen DSL-Internetzugängen nicht vorangebracht. Web.de verkauft zwar auch DSL-Zugänge, hat aber bisher keine wesentlichen Erfolge erzielt. „Web.de gewinnt jeden Tag 100 DSL-Kunden“, mußte Dommermuth zugeben, rund 35mal weniger als Marktführer T-Online. Eine absolute Kundenzahl wollten weder Dommermuth noch der Web.de-Vorstandschef Matthias Greve nennen, der künftig als einfaches Vorstandsmitglied der 1&1 Internet AG für das Portalgeschäft verantwortlich ist.
Wieder Start-Up
Seinen Plan, Web.de aus dem Nichts zum größten Web-Telekommunikationsunternehmen der Welt zu machen, muß er damit aufgeben. Sein Bruder Michael Greve wird das Internet-Telefoniegeschäft von Web.de weiterführen. Web.de wird damit wieder zu einem Start-up, allerdings mit mehr als 400 Millionen Euro sehr üppig ausgestattet. Die erwartete Bereinigung im DSL-Geschäft läßt damit weiter auf sich warten. Viele Fachleute hatten erwartet, daß United Internet mit einer Investition in dieser Größenordnung den Rückstand auf T-Online verkürzen werde.
„Ich glaube, viele haben damit gerechnet, daß United Internet eher mit einem Netzbetreiber kooperieren würde. Daß es nun Web.de geworden ist, war für mich schon überraschend“, sagte Jochen Reichert von SES Research. United Internet hat sich zwar auch in seinen Geschäftsfelder DSL und Web-Hosting nach Übernahmeobjekten in Deutschland umgeschaut, hat aber keine Gelegenheit gefunden oder ist nicht zum Zuge gekommen.
Tiscali - letztes mögliches Objekt
Überhaupt sind große Transfers im DSL-Markt jetzt kaum noch möglich: T-Online darf aus kartellrechtlichen Gründen keine nennenswerten DSL-Anbieter kaufen. Freenet-Chef Eckhard Spoerr hat zwar in der Vergangenheit mehrfach ein Zusammengehen mit AOL-Deutschland als sinnvoll betrachtet, doch bei den einseitigen Ankündigungen ist es geblieben. Nach Aussagen des amerikanischen AOL-Managements steht die deutsche Tochtergesellschaft nicht zum Verkauf.
Einzig Tiscali wäre noch ein mögliches Übernahmeobjekt. Allerdings hat der Tiscali-Konzern Deutschland als Kerngeschäft definiert, das erhalten werden soll. Die Meinung dürfte aber nicht unumstößlich sein, wenn ein attraktives Angebot auf dem Tisch liegt. Aber noch ist die Bereinigung nicht am Ende: „Eine weitere Konsolidierung ist durchaus möglich. Der eine oder andere kleine Anbieter hat alleine keine Chance mehr. 2004 hatten wir schon einen harten Preiskampf. Aber das war nur das Vorspiel auf das Jahr 2005“, sagte Dommermuth.
Bundeseinheitliche Preise
Offenbar hat er mit seiner Ankündigung, eine eigene DSL-Infrastruktur aufzubauen, die Deutsche Telekom zu weitgehenden Preiszugeständnissen für das DSL-Resale bewegen können. Bisher hatten die Wiederverkäufer der DSL-Anschlüsse rund 11,5 Prozent Nachlaß auf den Telekom-Endkundenpreis erhalten. „Die neuen Konditionen, die wir von der Deutschen Telekom bekommen haben, sind ein wohlbehütetes Geheimnis. Da der eine oder andere Wettbewerber ebenfalls mit der Telekom verhandelt, sind die Konditionen streng vertraulich“, sagte Dommermuth.
Die Preise für die DSL-Vorleistungen sind aber nicht nach Stadt und Land gestaffelt, sondern bundeseinheitlich. „Wir machen daraus dann eine Mischkalkulation“, sagte Dommermuth. Das bedeutet, daß die Preise in den Städten, wo die Telekom-Wiederverkäufer im Wettbewerb mit den Stadtnetzbetreibern zurückgefallen sind, wohl stärker sinken werden als auf dem Land, wo die Telekom bisher meist der einzige Netzbetreiber ist. Die Konkurrenz wird wohl bald nachziehen müssen.
