Das Produkt existiert seit mehr als 500 Jahren, in Herstellung wie Gebrauch mehr oder minder unverändert. Ein Buch ist ein Buch, gedruckte Buchstaben auf Papier, seit Gutenbergs Tagen. Vor nicht mal 20 Jahren erschienen die ersten Werke in elektronischer Form. Immer mal wieder wurde seither der Anbruch einer neuen, der digitalen Zeit ausgerufen. Passiert ist wenig. Buch blieb Buch, und das sogenannte E-Book eine Sache für schwer Technikverliebte, in Straßencafés wie am Strand nie zu sehen. Die Anteile am Buchumsatz verschwanden im Promillebereich.
Aus Amerika schwappt nun die Botschaft herüber, dass sich etwas ändert, etwas Grundlegendes. Von einem Durchbruch ist die Rede, gar von einer Revolution. Schuld daran ist der Versandhändler Amazon. Dessen Chef Jeff Bezos hat die „Zukunft des Lesens“ ausgerufen und getan, was er zuvor noch nie gemacht hat: Der Online-Krämer hat in drei Jahren ein elektronisches Gerät entwickelt, einen Reader, den er unter eigener Marke vertreibt: den Amazon Kindle, frei übersetzt: „ein Licht entfachen“.
Notizen am Rand möglich
Beim Lesen kann der Nutzer sich am Rand Notizen machen – genau wie im richtigen Buch. Nur merkt der Kindle sich zudem, wo die Lektüre unterbrochen wird. Klickt der Leser einen Begriff an, wird ihm der erklärt. Abgesehen von solchen Bequemlichkeiten löst das Gerät ein Problem, das die Lektüre am Computerbildschirm bisher so mühsam macht: Dank „real ink“-Verfahren kommt es ohne Hintergrundbeleuchtung aus, ist die Schrift auch bei Sonneneinstrahlung einwandfrei zu lesen.
Eine einzige Firma in Asien stellt diese Displays her, an ihr hängen alle Hersteller, die jetzt in das Geschäft mit Lesegeräten drängen, neben einer Handvoll Exoten auch große Namen wie Sony. Alle bauen sie darauf, dass Amazon mit seiner Marktmacht den Weg aus der Nische hin zum Massenpublikum weist.
Jetzt liefert Amazon wieder
Noch ist der Kindle nur in Amerika zu kaufen, und dort auch nicht immer. Als er im November auf den Markt kam, war er schnell ausverkauft. Jetzt liefert Amazon wieder. Die Analysten, anfangs durchaus skeptisch, korrigieren ihre Absatzprognosen nun nach oben, sprechen von einem Milliardenmarkt für Amazon. Und die Verleger in aller Welt diskutieren: Wird der Kindle der iPod für Bücher? Verändert Amazon die Verlagswelt so stark wie Apple die Musikindustrie? Was die E-Book-Pioniere euphorisiert, jagt jenen Schauer über den Rücken, die von der greifbaren Ware leben: Druckereien, Buchverlagen, Paketversendern.
Zunächst die nackten Daten zu dem Gerät, das den Hype entfacht hat: 300 Gramm wiegt das Lesegerät, es misst 19 auf 13,5 Zentimeter, der Bildschirm ist 15 Zentimeter groß. 200 Bücher passen auf den Speicher. Von außen ist der Reader weiß. Das Design erinnere an Geräte im Krankenhaus, ätzen die Kritiker in Internetforen, die sich mit dem Produkt beschäftigen. Selbst Amazon-Manager räumen ein, dass ihre erste Generation nicht so chic geraten ist wie ein Apple.
Das Geschäftsmodell: Gerät und Inhalt aus einer Hand
Das Geschäftsmodell hat Jeff Bezos dafür eins zu eins von Steve Jobs übernommen: Gerät und Inhalt kommen aus einer Hand; wer mit dem Kindle lesen will, bestellt im Amazon-Shop – und nur dort. Und was er geliefert bekommt, ist auch nur auf diesem einen Kindle zu entziffern. Etwa eine Minute dauert es, die Literatur herunterzuladen. Ein Kabel ist dazu so wenig nötig wie ein Computer.
Die Bewunderung für Apple sitzt offenbar so tief, dass die Amazon-Manager auch die Marketing-Masche der iPod-Erfinder nachahmen. Nie werden Termine für die Präsentation neuer Kindle-Modelle genannt, was die Gemüter in der Netzwelt erhitzt. Das Versteckspiel geht so weit, dass die simple Frage nach dem Verkaufsstart in Deutschland zur Geheimsache erklärt wird - nicht anders als bei der Ankunft des iPhones hierzulande. Im Herbst soll es so weit sein, ist in der Verlagsszene zu hören. Ein großer Auftritt Amazons zur Frankfurter Buchmesse Anfang Oktober wird vermutet. Der Geschäftsführer von Amazon in Deutschland, Ralf Kleber, blockt ab: „Wir wissen, dass viele Kunden auch außerhalb Amerikas daran interessiert sind, den Kindle zu kaufen, und dementsprechend wollen wir den Reader auch in anderen Ländern zur Verfügung stellen.“ Zum Preis, den er für den Kindle hierzulande verlangen wird, sagt er natürlich kein Wort.
359 Dollar fürs Gerät - 9,99 Dollar pro Kopie
359 Dollar kostet das Gerät momentan in Amerika. Monatliche Abogebühren werden darüber hinaus nicht fällig. Wer ein Buch für seine mobile Privatbibliothek bestellt, überweist je Titel 9,99 Dollar. Ein Kopierschutz verhindert die Weitergabe an andere Lesegeräte oder Computer. 145.000 E-Book-Titel umfasst das aktuelle Sortiment, vom wissenschaftlichen Werk bis zum Krimi, außerdem bietet Amazon amerikanische Magazine an. Als einziges deutschsprachiges Blatt ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den Kindle zu beziehen.
Wie viele der Lesegeräte bereits im Umlauf sind – auch dies fällt unter die Geheimniskrämerei von Amazon. Die Erwartungen seien deutlich übertroffen worden, berichtet Deutschland-Statthalter Kleber nur. Der gut informierte Tech-Blog techcrunch nennt die Zahl 240.000. Verbürgt ist, dass der Kindle den Absatz elektronischer Bücher beflügelt: Ein Umsatzplus von 23 Prozent meldet der amerikanische Branchenverband für das erste Quartal 2008. Und Amazon-Geschäftsführer Kleber teilt mit, dass sein Konzern im Juli bereits zwölf Prozent der Bücher, die digital wie analog verfügbar sind, auf den Kindle verkauft hat. Ob zweistellige Marktanteile auch in Deutschland zu erzielen sind, das gedruckte Buch gar zum Nischenprodukt wird, das debattieren im Moment die deutschen Verlage; hin- und hergerissen, ob sie den neuen Vertriebsweg nun gut finden sollen. Oder ob er direkt ins Verderben, sprich zum Preisverfall oder gar zu illegalen Tauschbörsen führt.
Die Buchpreisbindung gilt für E-Books nach herrschender Meinung jedenfalls nicht. Tendenziell werden Bücher also billiger: „Zumindest für Bestseller wird der Wettbewerb künftig über den Preis ausgetragen“, sagt Britta Kroker, Gründerin des Onlinehandels Managementbuch.de. So tollkühn, sich dem Trend zu widersetzen und Amazon die nötigen E-Book-Lizenzen zu verweigern, werden die wenigsten deutschen Buchverlage sein. „Dafür ist Amazon zu mächtig“, gesteht ein Manager. „Für viele Verlage ist der Konzern einer der größten Handelspartner.“
„Digital ist nicht das Ende des physischen Buches“
Der Online-Händler beruhigt seine Buchlieferanten mit den Erfahrungen aus Amerika. So kaufe der Kindle-Fan genauso viele physische Bücher wie vorher. „Der Umsatz eines Kindle-Kunden ist 2,6-mal so hoch wie vor dem Kauf des Readers“, sagt Amazon-Manager Kleber. „Digital ist nicht das Ende des physischen Buches.“
Tatsächlich erklingen die Nachrufe auf das gute alte Buch entschieden zu früh, schließlich weist es einige Vorteile auf: Bücher lassen sich auch lesen, wenn die Batterie ausfällt. Sie brechen nicht entzwei, wenn man sie in die Ecke wirft. Sie überleben sogar den Sturz in die Badewanne. Und wer seinen Roman im Zug vergisst, der hat nicht 359 Dollar verloren.
Kommt nun das böse Erwachen in der Druckbranche ?
K Zinser (klaus_zinser)
- 09.08.2008, 22:26 Uhr
Missverständnis bezüglich der zu lesenden Dokumente
Marcus Krüger (marcuskrueger)
- 09.08.2008, 23:54 Uhr
Bleibt alles beim Alten.
(theblueyonder)
- 10.08.2008, 04:21 Uhr
eigentlich nicht neu
Matthias Schulz (mattmiksys)
- 10.08.2008, 12:46 Uhr
Scheinblüte
Marvin Parsons (mapar)
- 10.08.2008, 22:28 Uhr