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Veröffentlicht: 28.04.2014, 14:32 Uhr

Gastbeitrag Die Risiken in sozialen Netzwerken bedrohen auch mich

Im Internet opfern viele Menschen ihre Privatsphäre für kostenfreie Dienste. Das liegt auch an einer Fehleinschätzung.

von Peter Buxmann
© REUTERS Was will ich Facebook verraten?

Vieles im Internet ist auf den ersten Blick kostenlos: eine Google-Suche, das Lesen von Nachrichten oder die Nutzung sozialer Netzwerke. Genauer betrachtet bezahlen die Nutzer jedoch, indem sie ihre privaten Daten preisgeben. Manchmal werden diese Daten direkt abgefragt, zum Teil werden sie aber auch vom Anbieter oder von beauftragten Drittanbietern und Datensammlern erhoben, ohne dass die Beteiligten etwas davon merken. Daten werden zu einer Ersatzwährung.

In zwei mit HR-Info, dem Informationsradio des Hessischen Rundfunks, durchgeführten Studien konnten wir unter anderem zeigen, dass die Mehrheit der Befragten mit diesen Geschäftsmodellen nicht einverstanden ist. Die Ablehnung hat nach den Enthüllungen um die Ausspähaktionen des amerikanischen Geheimdienstes NSA im Juni des vergangenen Jahres erwartungsgemäß weiter zugenommen. Doch trotz der Veröffentlichungen der Unterlagen des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden werden Facebook und Co. in zunehmendem Maße genutzt. Die Nutzer zahlen den Preis des Kostenlosen - obwohl sie eigentlich nicht wollen. Wie könnte ein Ausweg aus diesem Dilemma aussehen?

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Nutzer zumindest grundsätzlich für sichere Dienste zahlen würden. Die zugrundeliegende Methode basiert jedoch häufig auf hypothetischen Fragen, zum Beispiel: „Wie viel würden Sie für ein sicheres Facebook mit vorbildlicher Privatsphäre zahlen?“ Jeder Studienteilnehmer kann nun einen beliebig hohen Betrag nennen, der für ihn folgenlos ist - weil er ihn ja in Wirklichkeit nicht zahlen muss. Man spricht hier auch von einer Überschätzung der Zahlungsbereitschaft aufgrund eines „Bias“, einer statistischen Verzerrung.

Das Privacy-Paradox

Aussagekräftiger ist eine Untersuchung, die im vergangenen Jahr an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh durchgeführt wurde: Einige Forscher um Professor Alessandro Acquisti wollten in einem Experiment herausfinden, wie viel Menschen ihre Privatsphäre wirklich wert ist. Sie verteilten an eine Gruppe von Teilnehmern Einkaufsgutscheine im Wert von 10 Dollar. Eine zweite Gruppe bekam Gutscheine im Wert von 12 Dollar - allerdings mit dem Hinweis, dass ihre Einkäufe überwacht würden. Allen Teilnehmern wurde dann von den Gutscheinen der anderen Gruppe erzählt, und man bot ihnen an, ihren Gutschein zu tauschen. Dabei wollten nur 9 Prozent der Besitzer der 12-Dollar-Gutscheine ihren gegen den 10-Dollar-Gutschein tauschen. Immerhin etwa die Hälfte der 10-Dollar-Besitzer wollte nicht tauschen. Der Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war ihre Privatsphäre also keine zwei Dollar wert.

Da die Zahlungsbereitschaften von Kunden für privatsphären-freundliche Internetdienste offenbar eher gering sind, bedeutet dies, dass Daten vermutlich auch zukünftig eine Währung sein werden, mit der im Internet bezahlt wird. Nun kann man sagen, das ist ein normales Geschäft - die Nutzer zahlen eben mit der Preisgabe von Daten statt mit Geld. Fair ist dieser Deal aber nur dann, wenn den Nutzern klar ist, welche Daten von welchen Anbietern für welche Zwecke gesammelt werden. Das ist zurzeit nicht der Fall.

Wie lässt sich erklären, dass Menschen doch so schnell bereit sind, ihre Privatsphäre zu opfern? Einen Erklärungsansatz bietet das sogenannte Privacy-Paradox: Es besagt, dass viele Leute zwar behaupten, dass ihnen ihre Privatsphäre sehr wichtig sei, in Wirklichkeit werden aber andere Werte höher bewertet - zum Beispiel die zwei Dollar aus dem Einkaufsgutschein-Experiment. Das Privacy-Paradox zeigt sich auch daran, dass trotz aller berechtigten Empörung über die Snowden-Enthüllungen relativ wenige Nutzer auf sichere E-Mail- oder Messenger-Dienste ausweichen. Oder ihre Privatsphäre-Einstellungen im Browser oder auf Facebook anpassen, wie aktuelle Studien der Gesellschaft für Konsumforschung oder des IT-Branchenverbandes Bitkom zeigen.

Dieses Verhalten könnte man unter anderem mit Faulheit, mangelnder Ausdauer oder fehlender Kompetenz erklären. Zudem machen es die Anbieter den Nutzern oft aber auch nicht gerade leicht, den Überblick über die Privatsphäre-Einstellungen zu erlangen und zu behalten. So spielt beispielsweise Facebook etwa zweimal am Tag ein Software-Update ein, das nicht selten auch die Privacy-Settings berührt.

Eigene Risiken unterschätzt

Es gibt aber auch einen weiteren möglichen Erklärungsansatz für das Privacy-Paradox: den unrealistischen Optimismus. Damit ist gemeint, dass Menschen objektiv vorhandene Risiken für sich selbst drastisch unterschätzen.

Solche Fehleinschätzungen konnten wir in einer Studie unter 125 studentischen Teilnehmern auch für die Nutzung sozialer Netzwerke nachweisen: Dabei wurden die Teilnehmer einerseits gefragt, für wie hoch sie für sich die Wahrscheinlichkeit halten, dass bestimmte Ereignisse eintreffen, und wie hoch sie die Schadenshöhe einschätzen. Darüber hinaus wurden sie andererseits gefragt, für wie hoch sie die Eintrittswahrscheinlichkeit und die Schadenshöhe bei ihren Kommilitonen halten.

Dabei wurde die Höhe des jeweiligen Schadens für die Kommilitonen einerseits und für sich selbst andererseits etwa gleich geschätzt. Das ist auch plausibel, denn warum sollte der Schaden beim Kommilitonen höher oder geringer ausfallen? Bemerkenswert ist jedoch, dass die Studenten die Eintrittswahrscheinlichkeit für alle abgefragten Risiken bei den anderen für höher hielten als bei sich selbst. Die Unterschiede sind statistisch signifikant.

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Wenn aber alle Teilnehmer im Durchschnitt angeben, dass ihr eigenes Risiko signifikant geringer ist als das der anderen, liegt offensichtlich ein systematischer Fehler in der Bewertung der Risiken vor. Mit anderen Worten: die Teilnehmer haben die Risiken unterschätzt.

Wichtig erscheint es vor diesem Hintergrund, den Menschen die existierenden Risiken immer wieder zu verdeutlichen und aufzuklären, auch etwa in Schulen - ähnlich wie dies bei Verkehrsrisiken geschieht. Zudem sollten technische Alternativen bekanntgemacht werden. Privatsphäre-Risiken im Internet lassen sich nicht vermeiden, sie lassen sich aber durch verschiedene Maßnahmen senken. Zum Beispiel durch Anpassung der Privatsphäre-Einstellungen, die Verschlüsselung von E-Mails oder auch schlicht durch die Nutzung sicherer Dienste - und das Meiden unsicherer.

Aufgeklärte Nutzer können dann entscheiden, ob sie bestimmte Dienste dennoch nutzen wollen beziehungsweise wie sie sich im Netz verhalten. Bei dieser Entscheidung sollten sie nur eines nicht vergessen: Es trifft nicht immer nur die anderen.

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