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Die neue Timeline : Facebooks großer Plan

  • -Aktualisiert am

Einer von 800 Millionen Menschen in aller Welt - Mark Zuckerberg Bild: AFP

Die strategische Schlacht der Plattformen hat begonnen. Mit der neuen „Timeline“-Funktion will Mark Zuckerberg mit Facebook künftig eine Alternative zum klassischen Werbemarkt werden.

          Facebook wächst und wächst. 800 Millionen Menschen in aller Welt und mehr als 20 Millionen in Deutschland sind in dem sozialen Netzwerk aktiv. Sehr aktiv sogar, denn 15 Prozent ihrer gesamten Online-Zeit verbringen die Menschen in dem Netzwerk von Mark Zuckerberg - mehr als auf jeder anderen Seite im Internet. Für den Austausch mit Freunden im Netz besitzt Facebook unter jungen Menschen fast schon ein Monopol.

          Der eher undurchsichtige Umgang des Netzwerks mit ihren Daten hat die meisten Nutzer bisher nicht abgehalten, immer mehr Fotos hochzuladen, ihren Aufenthaltsort mitzuteilen oder Nachrichten zu schreiben. Kritik am Datenschutz gibt es eigentlich nach jeder Änderung, die sich Zuckerberg einfallen lässt. Geändert hat sich dadurch aber nichts. Wenn 10 000 Nutzer ihr Konto aus Protest löschen, strömen 1 Million neue Nutzer auf die Plattform. Spätestens seitdem Facebook aber das automatische Teilen von Informationen eingeführt hat, wächst das Unbehagen - und das nicht nur in Deutschland. Denn die jüngsten Änderungen hat Facebook für die Werbewirtschaft gemacht, nicht für die Nutzer. Und die rebellieren nun.

          Die Neuerungen, die Facebook jetzt gerade einführt, haben es in sich: Die neue "Timeline" als digitale Chronik des Lebens speichert faktisch alles, was die Nutzer auf Facebook tun. Der Spruch "Das Netz vergisst nichts" wird dort offensichtlich. Doch es genügt jetzt nicht mehr, vor jedem Klick kurz zu überlegen, ob man diese Handlung tatsächlich in seiner Timeline dokumentiert haben oder auch in zehn Jahren noch damit in Verbindung gebracht werden möchte.

          Das neu eingeführte automatisierte Teilen der Informationen nimmt den Nutzern diese Wahlmöglichkeit ab: Das Lesen eines Artikels, das Hören eines Musikstücks oder das Ansehen eines Films wird automatisch den Freunden auf Facebook mitgeteilt. Wer das nicht möchte, muss die Einstellungen zur Privatsphäre ändern - sonst drohen böse Überraschungen. Wer aber einen Artikel liest, ein Musikstück hört oder einen Film schaut, muss das nicht automatisch gut finden. Wer einen Artikel über Krebserkrankungen anklickt, wird dies sicher nicht per Facebook bekanntmachen wollen - ganz abgesehen davon, dass die Flut der automatisierten "Empfehlungen" den digitalen Lärm erhöht hat.

          Facebook als das neue Google?

          Die Nutzer standen also nicht im Fokus von Zuckerberg. Vielmehr besteht die Absicht hinter Facebooks Idee in der Schaffung des perfekten Werbesystems. Empfehlungen von Freunden - so Facebooks Überzeugung - sind viel wertvoller als ein Werbespot. Die Automatisierung der Empfehlungen setzt den Zufall außer Kraft, ob die Nutzer künftig weiterhin bewusst auf den "Gefällt mir"-Knopf drücken, um Empfehlungen auszusprechen. Wenn künftig noch mehr Tätigkeiten wie Suchen oder Kaufen automatisiert erfasst werden, erhält Facebook eine kaum vorstellbar große Menge strukturierter, maschinenlesbarer Daten über die Vorlieben der Menschen.

          Während viele Forscher sich noch den Kopf zerbrechen, wie Maschinen die Inhalte im Web verstehen können, lässt Mark Zuckerberg seine Nutzer diese maschinenlesbaren Daten selbst erstellen. Facebook ist spätestens jetzt ein "Big Data"-Unternehmen geworden, ein Datenverarbeiter, der nicht nur Menschen miteinander, sondern Menschen mit Musik, mit Filmen, mit Spielen und bald auch mit Produkten aller Art verbindet. Wenn die Nutzer mitmachen, könnte Facebook sogar besser als Google werden, denn eine Suchmaschine ist nur der Navigator, während Facebook der Ort ist, an dem sich die Menschen aufhalten. Geht der Plan auf, geht für die werbetreibende Industrie künftig kein Weg mehr an Facebook vorbei.

          Die „strategische Schlacht der Plattformen“

          Für den geplanten Börsengang des Unternehmens sind das gute Nachrichten. Für die Nutzer ist individuell zugeschnittene Werbung aber per se nichts Negatives. Auch Google geht in diese Richtung: Aus dem Suchverhalten der Vergangenheit versucht Google für jeden Nutzer die besten Suchergebnisse zu errechnen. Wer in der Vergangenheit auf einer Seite häufig das Gesuchte gefunden hat, für den rückt diese Seite in den Suchergebnissen nach oben. Je mehr Daten Google erfasst, desto präziser und individueller sollen die Ergebnisse und die Werbung werden. Der Nutzer bekommt also etwas für seine Daten: Er spart Zeit, zum Beispiel bei der Suche oder beim Lesen der von Google vorsortierten E-Mails.

          Für die Nutzer stellt sich in beiden Fällen die Frage, ob sie für die individuellen Angebote und die Zeitersparnis den Preis der Datensammelei zu zahlen bereit sind. Diese Frage kann jeder Nutzer nur für sich allein entscheiden. Aber jeder Nutzer sollte wissen, worauf er sich einlässt. Denn er ist Teil der "strategischen Schlacht der Plattformen", wie es der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt formuliert hat. Die großen Web-Plattformen Google, Facebook, Amazon, Apple und Twitter vereinen immer größere Teile des Internets auf sich, werden immer mächtiger, verdienen auch immer mehr Geld - und konkurrieren erbittert miteinander. Europäische Internetunternehmen spielen im Konzert der Großen schon lange keine Rolle mehr.

          Quelle: F.A.Z.

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