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Die Nachfolger der DVD Die Erde ist keine Scheibe

 ·  Wie kommen Filme in hochauflösender Qualität auf den Fernseher? Nicht mehr über die HD-DVD-Scheiben von Toshiba. Die sind einen plötzlichen Tod gestorben. Nun freut sich Sony für sein Bluray-Format. Aber schon lockt Apple mit Online-Filmen.

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Häufig sind es die Stunden vor der Eröffnung einer wichtigen Industriemesse, die für die größten Neuigkeiten sorgen. Wenn die Stände in den Hallen noch aufgebaut werden, bringen sich die Wettbewerber verbal in Stellung – und manchmal versetzen sie der Konkurrenz Schläge, von der sich diese nicht mehr erholt. Möglicherweise wird das auch vor der Cebit, der wichtigsten Computermesse der Welt, in der kommenden Woche in Hannover so sein. Gewissheit gibt es aber, dass es am 4. Januar in Las Vegas so war, unmittelbar vor der Eröffnung der Unterhaltungselektronik-Messe „Consumer Electronics Show“.

An jenem Tag war plötzlich klar, dass der Standard für die DVDs der nächsten Generation Bluray heißen und vom Toshiba-Wettbewerber Sony kommen wird. Kurz vor der Cebit gibt es damit ein weiteres Beispiel dafür, dass nicht alles, was neu ist, auch Zukunft hat: Nicht wenige Menschen erinnern sich an ihren alten Videorekorder, der mit dem Betamax-Format von Sony gearbeitet hat. Vielleicht haben sie sich auch einmal einen Computer gekauft, der mit dem Betriebssystem OS/2 von IBM ausgerüstet war. Die Kinder hatten möglicherweise einmal die für einige Zeit modernste Videospielkonsole auf dem Wunschzettel: die „Dreamcast“ des japanischen Herstellers Sega. Und erst zum jüngsten Weihnachtsfest war vielleicht der Wunsch der Eltern groß, endlich Filme in hochauflösendem Detailreichtum auf dem neuen Flachbildschirm-Fernseher sehen zu wollen. Es folgte der Griff zu einem HD-DVD-Spieler von Toshiba.

Kleine Museen der Technikgeschichte

Wer alle diese Geräte und Programme verwahrt hat, muss kein unglücklicher Mensch sein. Denn er betreibt daheim ein kleines Museum der Technikgeschichte. Die Produkte haben sich, zum Teil nach jahrelanger Marktpräsenz, letztlich nicht durchgesetzt. Ihre Hersteller waren nicht in der Lage, die gerade auf dem Markt für innovative Technik so wichtigen Standards zu setzen. Aber noch nie kam das Ende für ein neues technisches Produkt so abrupt wie das Aus für die HD DVD, die eigentlich zum Nachfolger der längst allgegenwärtigen DVD werden sollte. Denn mehr als eine Million Geräte mit dieser erst seit zwei Jahren marktreifen Technik waren noch gar nicht verkauft worden.

Über das Aus wurde nicht in deutschen Wohnzimmern entschieden, sondern in New York, in Hollywood und in Tokio. Vor allem aber in New York: Dort erfreut sich der amerikanische Medienkonzern Time Warner am Columbus Circle im Stadtteil Manhattan, direkt an der Südspitze des Central Parks, eines noch recht neuen und zugleich repräsentativen Hauptquartiers. Seitdem die Mitarbeiter den Wolkenkratzer vor einigen Jahren bezogen haben, geht es mit dem Unternehmen aber nicht mehr voran. Das liegt an den Misserfolgen mit dem Internetunternehmen AOL, aber auch im Kerngeschäft mit klassischen Medien hakt es. Nicht zuletzt verkaufen sich die Filme des hauseigenen Hollywood-Studios Warner Brothers schleppender, weil sich die Bluray- und HD-DVD-Standards blockierten. Der Aktienkurs ist im vergangenen Jahr um 27 Prozent eingebrochen.

Verträge, Verbraucher und eine böse Überraschung

In dieser Situation konnte Jeffrey Bewkes ein letztes Mal Weihnachten feiern, ohne die Verantwortung für das Unternehmen zu tragen. Seit Januar ist Bewkes Vorstandsvorsitzender – und er hatte sogleich eine Überraschung parat, die im Hauptquartier des japanischen Elektronikkonzerns Toshiba in Tokio für einen schlechten Jahresauftakt sorgte. „Die Verbraucher haben sich klar für Bluray entschieden“, ließ Bewkes den Präsidenten seiner Sparte Warner Home Entertainment, Kevin Tsujihara, in Las Vegas trocken verkünden. Man werde keine Filme auf HD DVD mehr veröffentlichen. Toshiba reagierte hilflos: „Davon sind wir nicht vorher informiert worden“, hieß es. „Wir haben bindende Verträge mit Warner.“

Die geplante Pressekonferenz wurde abgesagt, die Möglichkeit einer Klage in den Raum gestellt. Im Hinblick darauf, dass 2007 mehr HD-DVD-Player als Bluray-Player und mehr Personal Computer mit HD-DVD-Laufwerk als solche mit Bluray-Laufwerk verkauft worden seien, könne man die Entscheidung nicht nachvollziehen. Aber sie war gefallen. Und es sollte nur einen weiteren guten Monat dauern, bis Toshiba dann doch zu einer Pressekonferenz einlud, nicht in Las Vegas, sondern in Tokio – und zur wohl letzten des Unternehmens zum Thema HD DVD.

„Es war eine harte Entscheidung“

Ende März wird Toshiba Entwicklung und Produktion der Geräte einstellen. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass eine schnelle Entscheidung der Marktentwicklung am besten weiterhilft“, sagte Toshiba-Präsident Atsutoshi Nishida. „Es war eine harte Entscheidung. Aber es hätte große Auswirkungen auf unser Management gehabt, wenn wir weitergemacht hätten.“ Tatsächlich hatte der Formatstreit die Verbraucher verunsichert und die Ausbreitung von Videos in hoher Auflösung (High Definition/HD) gebremst. Der Marktanteil entsprechender DVDs dürfte im vergangenen Jahr bei rund 1 Prozent gelegen haben.

Dieser Verunsicherung folgte die totale Niederlage für einen der Anbieter: Einschließlich der Zeit für die Vorentwicklungen hatten Toshiba und Sony rund sieben Jahre lang darum gerungen, wessen Nachfolgeformat sich durchsetzen würde. Und dann ging alles so schnell; über die Kosten für den Ausstieg spricht Toshiba lieber nicht. Bekannt ist allerdings, dass allein die Filmstudios Paramount und Dreamworks für ihre Entscheidung aus dem vergangenen August, für die kommenden 18 Monate hochauflösende Filme ausschließlich im HD-DVD-Format zu veröffentlichen, 150 Millionen Dollar an Finanzhilfen erhalten haben. Jetzt lecken die Kunden in Internetforen ihre Wunden, versuchen die letzten Vorteile ihrer HD-DVD-Spieler hochzuhalten – und müssen sich mit Häme überschütten lassen.

Häme für die treuen Anhänger der HD DVD

„Ich weiß nicht, ob sich irgendjemand aus dem HD-DVD-Fanclub überhaupt für die Außenwelt interessiert? Oder starrt man mittlerweile nur noch auf seinen HD-DVD-Player und denkt dabei ,Alles wird gut‘? Falls ja, sollte es bekannt sein, dass Toshiba und jetzt auch Microsoft als letzte nennenswerte Anwärter des Formats die Produktion von HD-DVD-Playern eingestellt haben. Die tollen Schleuderpreise, Gratis-Zugaben und Lollys und Luftballons dienen nur zu so einer Art Lagerräumung. Was nutzt dir ein tolles HD-DVD-Gerät, wenn es bald keine HD-DVD-Filme mehr zum Abspielen gibt?“, schreibt einer – und drückt damit die Meinung vieler aus. Immerhin: Toshiba hat angekündigt, dass Besitzer von HD-DVD-Geräten des Herstellers weiterhin vollen Kundenservice erhalten sollen – und so zumindest ihre bisherige Mediensammlung abspielen. Nachschub an Medien in dem Format dürfte es in Kürze nur noch als Sammlerstücke auf Flohmärkten und bei Online-Auktionen geben.

Für Sony hingegen ist der Sieg im Kampf um den DVD-Nachfolgestandard nicht nur ein Vorbote einträglicher Lizenzeinnahmen, sondern auch ein Prestigegewinn. Nach dem großen Erfolg der gemeinsam mit Philips entwickelten CD-Musikscheibe hatte Sony Vergleichbares nicht mehr aufzubieten. Ob der Sieg im Formatestreit aber wirklich so grandios ist, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat, ist eine ganz andere Frage. Denn die Entwicklung geht in einem atemberaubenden Tempo weiter – und die Bluray-Technik stammt ja eigentlich schon von der Jahrtausendwende.

Vielleicht künftig gar keine Scheiben mehr?

Möglicherweise findet sich die künftige Welt der Unterhaltungselektronik gar nicht mehr auf einer Scheibe. Denn warum zeigt sich der einstige Toshiba-Partner Microsoft, der für seine Spielekonsole „Xbox 360“ ein HD-DVD-Laufwerk angeboten hat, von der Entscheidung so wenig betroffen? Weil das Unternehmen mit seinem Online-Dienst „Xbox 360 Live“ auf das Herunterladen (den sogenannten Download) von hochauflösenden Filmen über das Internet setzt. Auch Anbieter wie zum Beispiel Apple bieten HD-Material im Netz an. Der ehemalige Chef für digitale Medien des amerikanischen Einzelhandelskonzerns Wal-Mart ist erst vor wenigen Tagen zu Apple gewechselt. Kevin Swint soll sich um Rechte von Filmen und Fernsehsendungen in allen Ländern außerhalb Amerikas bemühen. Wichtiger noch: Apple-Mitbegründer und -Vorstandsvorsitzender Steve Jobs ist größter Einzelaktionär des amerikanischen Unterhaltungskonzerns Disney.

Und deshalb war eine weitere Messe, die Macworld Expo in San Francisco, für die Zukunft des hochauflösenden Films auf den Flachbild-Fernsehern der Zukunft entscheidender als die Toshiba-Schlappe auf der CES. Dort verkündete Jobs nämlich ein Geschäft mit führenden amerikanischen Filmstudios, die ihre Produkte – zunächst nur auf dem Heimatmarkt – in hochauflösender Qualität nun auch über den „iTunes“-Store von Apple anbieten. Der wird zur Schnittstelle für eine Apple-Universal-Videothek. Die Videos kann man auf Computer-Standgeräten (Desktops) betrachten, aber auch über den digitalen Musikspieler iPod, das Mobiltelefon iPhone und das Apple-TV, ein Empfangsgerät eigens für den Fernseher. Mehr als 1000 Filme sind im ersten Sortiment; Neuigkeiten sollen dort 30 Tage nach DVD- oder Bluray-Veröffentlichung erscheinen. 2,99 bis 3,99 Dollar je Film könnte das kosten. Wie auf diesem Markt üblich, tragen die Filme eine Verfallszeit. Nach 24 Stunden sind sie unbrauchbar. Aber das muss ja nicht immer so bleiben. Darüber wird auch auf der Cebit noch zu reden sein.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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