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Geldwäsche : Die dunklen Seiten des Online-Glücksspiels

Sicherer Hafen für Geldwäsche: Steueroase Gibraltar Bild: REUTERS

Die Philippinen, Barbados und Costa Rica sind für ihre Traumstrände bekannt. Dank niedriger Steuersätze auf Glücksspiel und schwachen Kontrollen gelten sie aber auch als Häfen für Online-Sportwetten. Kriminelle waschen so Milliarden.

          Die offizielle Internetseite der Kanalinsel Alderney lockt mit blumigen Sätzen neue Unternehmen an. Die Insel im Ärmelkanal sei eine „stressfreie, entspannende und gesunde Umgebung“, um Geschäfte zu machen. Die Infrastruktur der Insel biete „bestmögliche Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Unternehmen“, und die Verwaltung des Eilands unterstütze „aktiv neue Geschäftsgründungen“.

          Im vergangenen Jahr sind nach neuen Daten der Pariser Universität Sorbonne und des Internationalen Zentrums für die Sicherheit des Sports unter anderem 59 Online-Glücksspielanbieter den Lockrufen gefolgt und haben dort eine neue Lizenz für ihr Angebot erhalten. Alderney habe sich damit zu einem „Hafen für Sportwetten“ entwickelt, wozu die Forscher auch Weltgegenden zählen wie Gibraltar, die Philippinen, Antigua und Barbados oder Costa Rica. Denn schöne Worte wie im Fall von Alderney überdecken nur die wahren Reize: Alle diese Orte bieten niedrige Steuersätze auf Glücksspielerlöse und führen gleichzeitig nur wenige Inspektionen der Unternehmen durch, heißt es in einem Bericht der Forscher.

          Sportwetten liegen online vorne

          Und das hat Folgen, zum Beispiel für die Glücksspielart Sportwetten: Inzwischen waschen Kriminelle im Jahr umgerechnet rund 100 Milliarden Euro ihrer mit illegalen Geschäften erwirtschafteten Umsätze über Sportwetten. Das Aufkommen des Internets habe zu einer nie dagewesenen Expansion der Sportwettenangebote geführt, heißt es im Bericht. Mithin sei aber auch das Risiko gestiegen, dass der Markt von organisierter Kriminalität und Geldwäsche unterwandert werde, sagt Chris Eaton, Direktor für Sportintegrität beim Internationalen Zentrum für die Sicherheit des Sports. Zugleich haben immer komplexere Wettarten wie zum Beispiel Echtzeitwetten dazu geführt, dass es immer schwerer werde, „verdächtige Aktivitäten aufzudecken“.

          Eaton ist mit dieser Einschätzung nicht alleine. Die europäische Polizeibehörde Europol hatte schon im vergangenen Jahr festgestellt, dass die Organisierte Kriminalität sich immer häufiger dem Internet zuwendet. Virtuelle Währungen wie Bitcoins, Onlinebanking, Online-Glücksspiele und Internetauktionen haben für Geldwäscher inzwischen eine immense Bedeutung, heißt es in einer Analyse verschiedener Bedrohungen durch die Organisierte Kriminalität. Für den Sicherheitssoftwarehersteller McAfee ist Online-Glücksspiel inzwischen gar die bedeutendste Methode, um Geld zu waschen. Und der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Ingo Fiedler geht davon aus, dass Online-Glücksspiele die Geldwäsche grundlegend verändert haben.

          Zwei Gründe führt Fiedler zum Beleg für diese These an: „Zum einen sind die Kosten der Durchführung unfassbar gering. Zum anderen tendiert die Aufdeckungswahrscheinlichkeit gegen null, weil die Netzwerkrechner der Anbieter in Jurisdiktionen stehen, die Glücksspiel kaum überwachen oder regulieren“, sagt er. Das alles mache es für Kriminelle extrem lohnenswert, über Online-Glücksspiele Geld zu waschen – vor allem im Vergleich zu bisherigen Methoden. Früher sei Geldwäsche deutlich teurer gewesen, sagt Fiedler. Bis zu einem Drittel der Erlöse mussten Kriminelle aufwenden, um ihr illegal erwirtschaftetes Geld in den herkömmlichen Geldkreislauf zu speisen. „Heute liegen die Kosten über Online-Glücksspiel oft bei weniger als 10 Prozent.“ Fiedler sieht darin einen sich selbst verstärkenden Kreislauf: Weil es günstiger geworden ist, Geld zu waschen, steigt für Kriminelle der Anreiz, mehr illegal verdientes Geld zu besitzen. Mithin erhöht sich auch das allgemeine Kriminalitätsniveau.

          Der Online-Glücksspielmarkt wächst

          Zugleich wächst aber auch der Online-Glücksspielmarkt insgesamt (siehe Grafik). „Und je höher die Umsätze und je mehr echte Spieler es dort gibt, umso leichter ist die Geldwäsche dahinter zu verstecken“, sagt Fiedler. Dabei treten die Geldwäscher nicht nur selbst als Spieler auf, sondern würden immer häufiger dazu tendieren, einfach selbst Glücksspiele anzubieten. „Hier liegt das größte Potential für Geldwäsche“, sagt Fiedler. Der Grund: Es gebe inzwischen zwar schon erste Ansätze, Geldwäsche durch den Spieler zu verhindern. Doch wenn Kriminelle einfach selbst ein Online-Kasino in einer sogenannten Offshore-Region gründen, seien sie eben nicht mehr zu kontrollieren.

          Daher sieht Fiedler wie auch andere Fachleute nur in einer Regulierung der Offshore-Regionen ein wirksames Instrument, um die Geldwäsche über Online-Glücksspiel zu unterbinden. „Dafür bräuchte es aber einen multinationalen Ansatz, und damit tun sich viele Länder erstaunlich schwer“, sagt er. Das zeigt sich auch am Beispiel Alderney: Die Insel ist zwar als sogenannte Kronbesitzung direkt der britischen Königin unterstellt, doch verwaltet sie sich rechtlich selbst.

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