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Deutsche Digitalwirtschaft : Superbranche mit Potential nach oben

Ambitionierte Ziele: Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler auf dem IT-Gipfel in Essen Bild: dapd

Wie leistungsfähig ist die digitale Wirtschaft in Deutschland? Derzeit belegt sie in einem Ranking den sechsten Platz unter 15 Nationen. Das sei „erfreulich“, aber nicht ausreichend, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium.

          Eigentlich müsste den Managern der Hightechbranchen in Deutschland nicht bange sein. Die Internetwirtschaft sowie der IKT-Sektor (Informations- und Kommunikationstechnologien) haben inzwischen eine Position erreicht, für die Wirtschaftsstaatssekretär Hans-Joachim Otto gewichtige Worte findet: „Die digitale Wirtschaft ist der Schlüssel für die Zukunft des Industriestandortes Deutschland.“

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums haben der Marktforscher TNS Infratest und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim zum IT-Gipfel der Bundesregierung, der vergangene Woche in Essen stattfand, einen Branchenreport erarbeitet. Die umfassende Untersuchung liefert auf den ersten Blick beeindruckende Zahlen. Demnach beschäftigt die IKT-Branche 843.000 Menschen, und damit mehr als die Autoindustrie. IKT-Unternehmen erzielen 222 Milliarden Euro Umsatz, die Internetwirtschaft kommt auf 75 Milliarden Euro.

          Knapp vor den Niederlanden

          Jährlich werden in Deutschland im Bereich IKT 9000 Unternehmen neu gegründet. 4,5 Prozent der gesamten gewerblichen Wertschöpfung gehen auf diesen Sektor zurück. Die Internetwirtschaft - dazu zählen die Ausgaben von Unternehmen und Privatleuten für digitale Dienste und Produkte - trägt 2,9 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. ZEW-Forschungsgruppenleiterin Irene Bertschek findet das gut und resümiert: „Die deutsche IKT-Branche ist eine leistungsstarke, dynamische und innovative Branche, die sich vor Branchen wie dem Automobilbau und dem Maschinenbau nicht zu verstecken braucht.“

          842.600 Menschen arbeiten in der Informations- und Kommunikationstechnik-Branche Bilderstrecke
          842.600 Menschen arbeiten in der Informations- und Kommunikationstechnik-Branche :

          Verstecken vielleicht nicht, doch blickt man über die nationalen Grenzen hinaus, relativiert sich der Erfolg zusehends. In der Untersuchung werden 15 Länder einem Leistungsvergleich unterzogen. Im Rennen sind dabei die wichtigsten Standorte der digitalen Wirtschaft auf der Welt. Deren Leistungsfähigkeit wiederum wird mit Hilfe von 33 Kernindikatoren analysiert.

          In diesem Jahr belegt die Bundesrepublik den sechsten Platz, knapp vor den Niederlanden, aber hinter Dänemark, Großbritannien und Japan. Unangefochtene Spitzenreiter sind die Vereinigten Staaten auf Rang eins und Südkorea auf dem zweiten Platz.

          „Luft nach oben“

          In der Bewertung der Standorte liegt nicht automatisch dasjenige Land mit den höchsten Umsätzen vorne - ansonsten könnte auch nicht eine kleine Nation wie Dänemark den großen Nachbarn Deutschland übertrumpfen. Neben der Marktstärke spielen die Infrastrukturvoraussetzungen sowie die Nutzung von Technologien und Anwendungen eine Rolle.

          Im Kriterium Markt teilt sich die Wahrnehmung. Die IKT-Branche hierzulande gilt den Experten als „stark“. Schließlich erreicht Deutschland mit seinen entsprechenden Umsätzen einen Anteil von 5 Prozent am Weltmarkt und belegt damit den vierten Platz im 15-Länder-Vergleich. „Während die meisten Industrienationen wirtschaftliche Rückgänge verzeichnen, kann Deutschland die Umsätze mit Telekommunikation stabil halten, die IT-Umsätze sogar um 2,6 Prozent steigern“, heißt es im Monitoring-Report.

          Dagegen sehen die Autoren für die Internetwirtschaft „Luft nach oben“. Im Schnitt geben die Bundesbürger für Medieninhalte im Netz 9,31 Euro aus - pro Jahr. In Online-Medien dominierten daher werbefinanzierte Angebote: „Deutschland generiert bereits 24 Prozent der gesamten Werbeumsätze im Netz.“ Werbung und Bezahlinhalte als Finanzierungsmodelle schlössen sich allerdings nicht aus, resümiert die Studie und nennt als Beispiel Südkorea. Das Land erreiche Platz eins bei den Ausgaben für Online-Content und Platz zwei bei den Internet-Werbeumsätzen.

          Die Bundesregierung hat ambitionierte Ziele

          Nachholbedarf sieht die Untersuchung daneben in den Bereichen Infrastruktur und Nutzung. Die Verbreitung von Internet und Breitband nehme hierzulande zwar zu, aber langsamer als in den meisten anderen betrachteten Ländern. Und in der Disziplin Nutzung von neuen Technologien und Anwendungen falle Deutschland sogar zurück. Im vergangenen Jahr ist demnach die Zahl der E-Commerce-Nutzer ebenso gesunken wie die Zahl derjenigen, die online Medieninhalte herunterladen.

          Das muss sich ändern, schließlich hat die Bundesregierung ambitionierte Ziele. In Essen gab Wirtschaftsminister Philipp Rösler das Ziel aus: Bis 2020 soll Deutschlands digitale Wirtschaft zu den drei leistungsfähigsten auf der ganzen Welt gehören.

          Quelle: F.A.Z.

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