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Social Commerce : Verkaufskanal Facebook

Facebook ist ein möglicher Startpunkt für den Handel im Netz Bild: AFP

Der sogenannte Social Commerce soll in Zukunft viel Umsatz einbringen. Für manche Händler ist der Vertrieb über soziale Netzwerke schon heute kein Zuschussgeschäft mehr.

          Am Anfang stand eine Idee, die Rainer Weichhold im Liegestuhl kam. Der Inhaber des Augsburger Plattenlabels Kling Klong Records war im vergangenen Jahr im Urlaub, als er den Einfall hatte, zusätzlich zu den Techno- und Housemusik-Veröffentlichungen seines Unternehmens T-Shirts anzubieten, die der Gestaltung der Plattenhüllen nachempfunden sein sollten. Über welchen Vertriebskanal er die Textilien verkaufen wollte, war ihm damals allerdings noch nicht klar. Zurück in der Heimat, fand er eine E-Mail in seinem Postfach, die der Musikverleger heute als „Wink des Himmels“ bezeichnet. Darin las er vom Angebot des Berliner Internetunternehmens Ondango, es doch mit einem Online-Shop im sozialen Netzwerk Facebook zu versuchen.

          Social Commerce oder gar Facebook Commerce heißt das Phänomen, das Weichhold zuerst per E-Mail begegnete. Der Verkauf von Waren über soziale Netzwerke steckt nun schon seit einigen Jahren in den oft beschriebenen Kinderschuhen. Geht es nach der Unternehmensberatung Booz & Company, sollen diese bald schon eng werden.

          Von rund 7 Milliarden Euro in diesem Jahr soll sich der global erwirtschaftete Umsatz mit Handel im Sozialnetzwerk bis 2015 auf 23 Milliarden Euro mehr als verdreifachen. Im Vergleich zum herkömmlichen elektronischen Handel immer noch ein geringes Volumen: Nach Angaben des Bundesverbands des Deutschen Versandhandels erlöste der über das Internet abgewickelte interaktive Handel im vergangenen Jahr allein hierzulande rund 21,7 Milliarden Euro.

          „Der Facebook Commerce steht da, wo der elektronische Handel vor 15 Jahren stand“, sagt auch José Matías del Pino, Gründer und Geschäftsführer von Ondango. Der gebürtige Chilene versucht dennoch schon jetzt, aus dem Wachstumsfeld Kapital zu schlagen: Für eine monatliche Gebühr setzt sein Unternehmen die Webshops von kleinen und mittleren Händlern technisch um und ermöglicht es ihnen so, den Absatzkanal Facebook zu nutzen. Das Ergebnis sieht dann aus wie in einem herkömmlichen Internetshop: Über einen Klick auf der Facebook-Seite eines Unternehmens kommen Nutzer zum virtuellen Laden und können dort aus einer Auswahl von Produkten wählen.

          „Das Angebot ist zu klein, das Vertrauen zu gering“

          Selbst erst vor gut einem Jahr gestartet, zählt Ondango inzwischen 500 Kunden rund um die Welt. Nach Angaben von del Pino kommen rund 60 Prozent aus Deutschland, 30 Prozent aus Europa und 10 Prozent aus Ländern wie Ägypten, den Vereinigten Staaten oder sogar Singapur. Für einige von del Pinos Kunden ist der Verkauf auf Facebook nützlich, doch noch kein großer Umsatzbringer. Zusammen haben alle Ondango-Webshops im dritten Quartal dieses Jahres 10.000 Euro umgesetzt - 20 Euro pro Shop. Viele Anbieter brauchen laut del Pino eine gewisse Anlaufphase, bis sie tatsächlich nennenswerten Umsatz generieren.

          Dazu kommt aber, dass offensichtlich auch viele Nutzer den neuen Absatzweg bisher nicht so recht annehmen. „Facebook Commerce wird als Vertriebskanal noch nicht akzeptiert“, schrieben kürzlich Wissenschaftler der Zeppelin Universität Friedrichshafen. Sie hatten in einer Umfrage unter deutschen Facebook-Nutzern herausgefunden, dass 74 Prozent der 300 Befragten Facebook nicht als „relevanten Shoppingkanal“ sehen. „Das Angebot ist zu klein und das Vertrauen der Verbraucher in Facebook als Verkaufskanal zu gering“, folgerten die Forscher.

          Geringe Kosten und ein geringer Zeitaufwand

          “Es geht für mich nicht um den ganz großen Profit“, sagt der T-Shirt-verkaufende Musikverleger Weichhold. Die Hemden drucke er ohnehin nur in einer begrenzten Auflage von jeweils 30 Stück - und die sei immer schnell ausverkauft gewesen. Da er aber ohnehin rund eine Stunde täglich mit einigen der gut 36.000 Facebook-Fans seines Labels im Netzwerk kommuniziert, sieht er den Vorteil des dort angebotenen Shops vor allem in der Marge, die ihm bleibt. Sie liege höher, als wenn er die T-Shirts zum Beispiel über Schallplattenläden vertreiben würde. „Ich möchte damit keinen Verlust machen“, sagt Weichhold. „Und derzeit tue ich das auch nicht.“

          Für Marianna Psoma sprachen geringe Kosten und ein geringer Zeitaufwand dafür, per Ondango einen eigenen Facebook-Webshop aufzubauen. Anfang des vergangenen Jahres ersann die 36 Jahre alte Hamburgerin die Marke „Kiezhonig St. Pauli“, um auch in der Hansestadt sogenannten Großstadthonig anbieten zu können und damit etwas Gutes zu tun: Ein Euro des Erlöses pro Glas fließt an ein Leseförderprojekt im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Nach einer längeren Suche nannte Psoma 32 Kilogramm Hamburger Honig ihr Eigen und wählte dann den Vertriebsweg Facebook.

          „Dafür war Facebook besser geeignet“

          „Es war am Anfang nicht klar, wie sich das Projekt entwickeln würde“, sagt Psoma heute. Außerdem wollte sie die Netzwerk-Nutzer mitbestimmen lassen, wie sie die Honiggläser gestalten würde. „Dafür war Facebook besser geeignet als etwa eine eigene Internetpräsenz.“ Die Nutzerbeteiligung fand über das Netzwerk statt. Als sie schließlich auch dort den Webshop eröffnete, seien ihre 180 Honiggläser schnell ausverkauft gewesen. Und obwohl sie dort bereits ein virtuelles rotes „Ausverkauft“-Schild auf das Kiezhonig-Bild gepappt hat, kommen heute immer noch Bestellungen nach.

          Quelle: F.A.Z.

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