Ja
Es wird zu viel
Von Tillmann Neuscheler
Es muss ungefähr Mitte der 80er-Jahre gewesen sein, da kam mir meine Mutter plötzlich ziemlich gestrig vor. Gerade kamen die CD-Spieler auf – aber sie weigerte sich, diese Geräte zu bedienen. Um ihr den Einstieg zu erleichtern, malte mein Vater sogar mit kleinen gelben Zetteln mühsam Nummern auf die Tasten der Stereoanlage, die ihr zeigen sollten, in welcher Reihenfolge sie die Tasten drücken muss, um eine CD zu hören. Doch ihr schien das gleichgültig, sie hatte schlicht keinen Bedarf. Und der ließ sich auch nicht künstlich wecken.
Heute kann ich das nachvollziehen. Man muss sich nicht auf jede neue Technik einlassen, wenn es die alte auch tut. Mag sein, dass ich dabei etwas verpasse. Aber die Furcht vor dem Verpassen muss man irgendwann überwinden, um würdig älter zu werden. Klar, man sollte offen sein für Neues. Und Facebook soll ja angeblich die arabische Revolution ausgelöst haben. Respekt!
Dabei bin ich kein Technikfeind. Das Internet hat mich von Anfang an begeistert. Und ich schätze jede neue Technik, die hilft, die Informationsflut zu bewältigen. Aber schlecht ist alles, was zur Flut noch beiträgt. Mittlerweile werden es einfach zu viele Kanäle, es zerfasert. Als Kind haben wir geredet, als Teenager telefoniert, später gemailt, dann gesimst, gechattet und geskypt. Vieles hat unser Leben einfacher gemacht. Immer kam etwas Neues hinzu, ohne dass es das Alte vollständig ersetzt hat. Es hat sich gelohnt. Aber Facebook scheint mir Dauerbeschallung mit dem Mitteilungsbedürfnis anderer zu sein. Soziales kann auch anstrengend sein.
„Ich hab’s dir doch geschrieben“, sagte mir kürzlich ein Freund, als ich seine Nachricht verpasst hatte. Leider hatte ich zwar meine SMS, Emails, Mailboxen auf Handy, Smartphone und Festnetz gecheckt - aber irgendeinen Account hatte ich vergessen. Ich weiß schon gar nicht mehr, welchen. Da möchte ich nicht noch täglich meinen Facebook-Account checken müssen.
Zudem habe ich wenig Lust, mit meiner Datenspur zu zahlen. Lange fand ich all die Warnungen der Datenschützer zwar übertrieben. Aber jeder weiß: Facebook muss sagenhafte Gewinne erwirtschaften, wenn das Unternehmen wirklich mehr als 100 Milliarden Dollar wert sein will. Das wären knapp 100 Dollar auf jeden derzeitigen Nutzer. Da wird der Druck der Aktionäre gewaltig werden, aus den Profilen in irgendeiner Form Geld zu machen.
Außerdem: Warum soll man den Jüngeren nicht einfach Mal ihr Ding lassen? Wer heute zwischen 12 und 25 ist, kommt an Facebook wohl kaum vorbei – sonst ist er vom sozialen Leben ausgeschlossen. Aber man muss auch beim Älterwerden nicht alles verstehen. Eltern als Freunde? Lehrer als Freunde? Facebook-Party mit Horst Seehofer? Rebellion sieht anders aus.
Nein
Facebook macht Spaß
Von Patrick Bernau
Katrin habe ich seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen. Aber ich weiß, dass sie am Montagnachmittag ihre letzte Prüfung bestanden hat und jetzt Lehrerin ist. Ich habe ihr auch gleich gratuliert, per „Like“.
Ist das nötig? Nein. Aber nett ist es. Wir haben uns zwar in den vergangenen Jahren kaum noch gesehen, seit wir mal zusammen studiert haben. Aber ich weiß, dass sie gegenüber ihrer Wohnung eine Autowaschanlage hat und dass sie aus ihrem Fenster manchmal Kranichschwärme ziehen sieht.
Wichtig ist das nicht. Aber das sind nette Details, die mir helfen, den Kontakt zu ihr zu halten. Früher hätten wir uns solche Dinge in der Pause an der Universität erzählt, heute verschicken wir sie eben per Status-Update.
Ohne Facebook hätte ich Katrin aus den Augen verloren. Nie hätte sie mich angerufen, um mir zu sagen, dass ein Kranichschwarm vor ihrem Fenster vorbeifliegt. Ich hätte dafür auch gar keinen Anruf erwartet.
Auf Facebook funktioniert das anders: Sie schreibt es einmal auf, und alle Freunde können es lesen. Und wer gerade keine Zeit hat, der liest es halt nicht – niemand muss auf Facebook schauen, wenn es gerade hektisch ist.
Auf diese Weise ersetzt Facebook das Dorf: Auf dem Dorf hat man alle, die man seit Jahren kennt, um sich herum. Immer wieder erzählt man einander Nebensächlichkeiten. Wir aber wohnen nicht auf dem Dorf. Wir haben studiert, sind umgezogen, haben geheiratet – Facebook hilft, gegenseitig auf dem Laufenden zu bleiben. Ich habe erfahren, wer inzwischen ein Kind gekriegt hat. Ich weiß, wer nach Schanghai gezogen ist und wer nach Australien. Und ich weiß, wer bei der Hochzeit wessen Namen angenommen hat.
Irgendwann haben auch meine Eltern angefangen, sich für Facebook zu interessieren. Es ist die elektronische Form zu tratschen – nur haben wir das eigene Facebook-Profil besser unter Kontrolle als das Gerede im Dorf.
Sind wir deswegen wirklich „Freunde“? Natürlich nicht. Wir sind Facebook-Freunde.
Ich kann auch nichts dafür, dass Facebook das englische „Friends“ nicht ordentlich mit „Bekannte“ übersetzt – wie es sich eigentlich gehört. Echte Freundschaften bestehen nicht nur aus Facebook. Da trifft man sich, redet die Abende durch und leert zusammen eine Flasche Wein. Und erzählt sich Dinge, die Facebook nicht wissen darf.
Wenn Facebook weiß, dass Katrin einen Kranichschwarm gesehen hat, dann schadet das ihrem Datenschutz überhaupt nicht. Dinge, die man Bekannten erzählt, die sind nicht so geheim. Aber auch die Dinge, die Facebook wissen darf, machen Spaß. Deshalb ist Facebook kein Unsinn.
Machen Sie es sich nicht ein wenig zu einfach?
Sven Mueller (versmuellen)
- 20.05.2012, 04:38 Uhr
freude am unsinn
Petra Hagedorn (4peti)
- 19.05.2012, 22:09 Uhr
Facebook --- "sicher"(?) wie eine Kreditkarte...
Heinz Lindemann (HeinzSH)
- 19.05.2012, 11:49 Uhr
garantiert f-book-frei
Michael Vorwerk (aureliano)
- 19.05.2012, 11:25 Uhr
Die Frage ist falsch gestellt
Alfred Neumann (Alfred_Neumann)
- 19.05.2012, 08:45 Uhr