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Meinungsfreiheit : Soziale Netzwerke sind China ein Dorn im Auge

Gerade Massenaustauschdienste wie Facebook sind Peking suspekt Bild: AP

Ausländische Internetunternehmen sind in China kaum vertreten oder haben bereits die Segel gestrichen. Denn das Beispiel Ägyptens zeigt: Facebook und Co bieten eine Art virtueller Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

          Internetnutzer in China brauchen viel Geduld und ein dickes Fell. An manchen Tagen setzt das Überwachungssystem der Regierung die Verbindungsgeschwindigkeit stark herab, viele Einträge sind gar nicht zu erreichen, da sie der Onlinepolizei ein Dorn im Auge sind. Dazu gehören Seiten über Tibet, das Massaker auf dem Tiananmen-Platz von 1989 oder über den inhaftierten Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Doch auch vermeintlich harmlose Auftritte fallen der Zensur zum Opfer: der Kurzmitteilungsdienst Twitter etwa, die Videoplattform Youtube oder soziale Netzwerke wie Facebook.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Gerade die Massenaustauschdienste sind Peking suspekt, da sie als kaum kontrollierbar gelten. Die kommunistische Führung erlebte während der Aufstände im Iran im vergangenen Jahr und jetzt in der arabischen Welt, wie wirksam sich über Twitter oder Facebook Großproteste organisieren sowie Text- und Bildinformationen in alle Welt verbreiten lassen. Deshalb halte man den Daumen auf solchen Foren, heißt es in China, lasse nur inländische Anbieter zu und gewähre selbst diesen nur so viel Freiheit, wie gerade nötig.

          „Eine Art virtuelle Versammlungsfreiheit“

          „Facebook und die anderen bieten eine Art virtueller Meinungs- und Versammlungsfreiheit, letztlich sind das politische Organisationsformen“, heißt es aus der Unternehmensleitung eines chinesischen Anbieters für Soziale Medien. „In dieser Form wird es sie bei uns leider nie geben.“ Chinesische Unternehmen böten zwar auch solche Plattformen an, etwa den Twitter-ähnlichen Mikroblog Sina Weibo. Sie würden aber zensiert und vermieden jede Form der Massenorganisation oder -artikulation. Die bestehenden sozialen Netzwerke müssten „herumlavieren“ und seien oft nicht mehr als Chatrooms, Spieltreffs oder Börsen für den Online-Handel.

          Ausländische Internetunternehmen sind in China kaum vertreten oder haben bereits die Segel gestrichen. Vor zwei Jahren gab AOL sein Pekinger Entwicklungsbüro auf. Zuvor hatte schon Ebay sein eigenständiges Geschäft eingestellt, Yahoo musste seine Aktivitäten in die übermächtige Alibaba-Gruppe einbringen. Weil sich der Suchmaschinenanbieter Google der Zwangsaufsicht der Behörden nicht länger beugen will, leitet er seit vergangenem Jahr seinen chinesischen Dienst nach Hongkong um. Den Weg in die Sonderverwaltungszone, in der freiere Regeln gelten, hat jetzt auch Facebook eingeschlagen, das größte Geflecht zur Kontaktpflege im Internet. In der vergangenen Woche eröffnete das Unternehmen ein Büro in der ehemaligen britischen Kronkolonie, von wo aus man die Märkte dort und in Taiwan bedienen will.

          Seit 2010 hat Facebook Niederlassungen in Singapur und Hyderabad

          Das Unternehmen unterstreiche damit sein Bekenntnis zu Asien, teilte Facebook mit, das 2010 neue Niederlassungen in Singapur und im indischen Hyderabad eröffnet hatte. Außerhalb des Heimatmarktes Amerika hat Facebook nirgendwo so viele Nutzer wie in Indonesien. Der Schritt nach Hongkong könnte „potentiell“ auch helfen, chinesische Werbekunden zu gewinnen, hieß es. „Wir haben aber derzeit keine Pläne, darüber zu verhandeln, ins chinesische Festland einzutreten“, sagte Facebook-Vizepräsident Blake Chandlee in Hongkong.

          Über die China-Pläne des kalifornischen Internetunternehmens wird spekuliert, seit der Gründer und Vorstandsvorsitzende Mark Zuckerberg im Dezember die Volksrepublik besuchte. Dort traf er sich mit dem Management der chinesischen Online-Schwergewichte Baidu und Sina. Baidu ist die größte Suchmaschine des Landes. Sina.com ist eines der wichtigsten Portale für Unterhaltung und Informationen in chinesischer Sprache. Chandlee sagte zwar, Zuckerbergs Visite in Peking habe „persönliche Gründe“ gehabt. Auffällig ist jedoch, dass Baidu seit dem Besuch offen über den Aufbau neuer Dienste für China spricht. Erst vor wenigen Tagen sagte der Chef und Gründer von Baidu, Robin Li, man wolle nicht nur die Video-Aktivitäten ausbauen, sondern denke auch daran, in das Geschäft mit sozialen Netzwerken einzusteigen.

          Nur heimische Anbieter profitieren vom Wachstum

          Facebook könne sich den Markt nur erschließen, wenn es mit bestehenden chinesischen Unternehmen kooperiere, sagte Eric Wen vom Hongkonger Finanzhaus Mirae Asset Securities der Agentur Bloomberg. „Bisher ist die Erfolgsbilanz ausländischer Internetunternehmen in China sehr, sehr ärmlich.“ Interessant ist der Markt allemal. Nach Angaben des China Internet Network Information Center gibt es in dem Land fast 460 Millionen Internetnutzer; das sind mehr als in Amerika und Japan zusammengenommen. Nach Erhebungen der Investmentgruppe Susquehanna International (SIG) betrugen die Werbeausgaben im chinesischen Internet 2010 rund 3,9 Milliarden Dollar. Sie wüchsen um mehr als 30 Prozent im Jahr und könnten bis 2014 fast 13 Milliarden Dollar erreichen. Bisher werden 12 Prozent davon in sozialen Netzwerken ausgegeben, hat SIG errechnet, doch dürfte sich der Anteil im genannten Zeitraum verdoppeln. Das wären dann fast 3,1 Milliarden Dollar.

          Bisher profitieren nur heimische Anbieter von diesem Wachstum. Als größte soziale Netzwerke gelten Renren.com, Kaixin001 sowie Qzone von Chinas profitabelstem Internetkonzern Tencent. Tencent ist vor allem für seinen Kommunikationsdienst (Instant Messenger) QQ bekannt, doch sind bei Qzone nach Unternehmensangaben schon mehr als 480 Millionen Nutzer registriert; Facebook hat etwa 500 Millionen. Nach Informationen von Analysts International, einem Dienstleister für Informationstechnik, verzeichnet Renren 160 Millionen eingetragene Kunden, Kaixin001 bringe es auf mehr als 93 Millionen. Renren („Jedermann“), das ursprünglich Xiaonei („in der Schule“) hieß und ein reines Studentennetzwerk war, wurde 2006 von der Pekinger Technologieholding Oak Pacific Interactive übernommen. 2009 erwarb eine Investorengruppe um den japanischen Mobilfunkbetreiber Softbank 35 Prozent an Oak Pacific. Seitdem ist das Ausland zumindest über Finanzanteile an einem sozialen Netzwerk in China beteiligt.

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