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Facebook-Börsengang Trügerische Kapuzenpullis

 ·  Facebook gibt sich gerne als Weltverbesserer. Aber die sanfte Fassade bröckelt schon länger. Das Börsenfiasko von Mark Zuckerberg und seinen Bankern fügt sich in ein Muster.

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© dpa Mark Zuckerberg (im Kapuzenpulli) feiert den Börsengang im Kreise seiner Mitarbeiter die Glocke

Dem amerikanischen Satireblatt „The Onion“ war Mark Zuckerberg schon vor fünf Jahren nicht geheuer: „Der aufgeblasene kleine Scheißer hinter dbem jüngsten Internetphänomen“ hieß es damals auf der Titelseite neen einem Foto des Mitbegründers und Vorstandschefs von Facebook. Mag sein, dass die freche Schlagzeile nur ein harmloser Scherz einer Satirepublikation war. Oder hat die „Zwiebel“ vielleicht schon damals beim Facebook-Chef messerscharf eine Neigung zur Hybris beobachtet, über die das Unternehmen jetzt bei seinem Börsengang so spektakulär gestolpert ist?

Facebooks Börsengang am Freitag vor einer Woche sollte die Party des Jahres an der Wall Street werden. Stattdessen herrschte Katerstimmung. Erst versagten die Computer der Börse Nasdaq, was die Anleger verunsicherte. Dann wurde den Facebook-Fans an der Börse rasch klar, dass das Unternehmen und seine Banker die Aktien so teuer wie irgend möglich an Markt gebracht hatten. Das lag zwar im Interesse des Unternehmens und der Banken, deren Gebühren sich an dem Preis orientieren. Kleinanleger schauten dagegen in die Röhre. Der Kurs schloss am ersten Tag kaum über dem Ausgabepreis von 38 Dollar und rutschte danach dramatisch ab. Am vergangenen Freitag lag er bei 31,91 Dollar - ein Minus von 16 Prozent.

Die amerikanische Börsenaufsicht ermittelt

Es war vor allem die Entscheidung von Facebook-Finanzchef David Ebersman und Investmentbanker Michael Grimes vom Konsortialführer Morgan Stanley gewesen, die Spanne für den Ausgabepreis kurz vor dem Börsengang anzuheben und noch Millionen zusätzlicher Aktien in den Markt zu drücken. „Ich bin sauer, dass die kurz vorher noch mit dem Preis herumgespielt haben“, sagte die New Yorker Kleinanlegerin Gaye Watkins, die am ersten Handelstag kurz nach Eröffnung des Handels Facebook-Aktien zum Kurs von 41 Dollar erworben hatte. Watkins bezeichnete Facebook und die Banker als „gierig“.

Gut zehn Tage vor dem Börsengang hatte Facebook potentielle Kaufinteressenten allerdings vor möglichen Umsatzschwächen gewarnt. Analysten der Investmentbanken, die die Aktien von Facebook bei Anlegern plazieren sollten, senkten daraufhin ihre Prognosen. Das teilten sie aber nur - mündlich - einem ausgesuchten Kreis von Großanlegern mit, die daraufhin zumindest teilweise ihre Aufträge reduzierten. Schriftliche Einschätzungen dürfen Analysten in dieser Phase nicht veröffentlichen. Damit soll eigentlich vermieden werden, dass der Ausgabepreis durch Empfehlungen künstlich erhöht wird. Kleinanleger fühlten sich am Ende wieder einmal als die Gelackmeierten, die an der Börse gegenüber den Profis das Nachsehen haben. Die amerikanische Börsenaufsicht, die sich die Fairness an den Märkten auf die Fahne geschrieben hat, ermittelt bereits.

Die Nacht vor dem Börsengang

Der Vorwurf der Gier scheint so gar nicht zu dem sorgsam kultivierten Image von Facebook zu passen. Wie verträgt sich eine Mehrklassengesellschaft beim Börsengang mit der Mission des sozialen Netzwerks, die Menschen zusammenzubringen? Und hatte Facebook nach außen nicht lange demonstrative Gleichgültigkeit verbreitet, was die Wall Street betrifft? Erst wollte Zuckerberg überhaupt nicht an die Börse. Sein Unternehmen hatte schließlich keine Probleme damit, Geld von Risikokapitalgebern zu bekommen. Wie auch andere Internetunternehmer der jüngsten Generation wollte Zuckerberg die schärfer gewordenen Auflagen und höheren Kosten für eine Börsennotierung vermeiden und ohne Druck von Investoren und Analysten frei über den Kurs des Unternehmens entscheiden.

Nachdem Facebook sich Anfang 2011 dann doch zum Börsengang durchgerungen hatte, spielte Zuckerberg zumindest äußerlich immer noch nicht nach den Regeln der Wall Street. Zu Treffen mit Investoren erschien er nicht im Anzug, sondern im Kapuzenpulli. In der Nacht vor dem Börsengang trafen sich Mitarbeiter in der Facebook-Zentrale zu einem Programmiermarathon und die Kommunikationsabteilung verteilte davon eifrig Fotos an die Medien. Zu sehen sind haufenweise lässig gekleidete junge Menschen, wie versunken über ihren Laptops. So kann niemand auf die Idee kommen, die neuen Facebook-Millionäre feierten ihren Reichtum in einem Nachtclub mit Kisten von Dom Pérignon.

Kontaktpflege und Selbstdarstellung

Der Eindruck, dass beim Börsengang zu Lasten von Kleinanlegern getrickst wurde, könnte das soziale Netzwerk nun Sympathien kosten. Das muss Facebook beunruhigen. Schließlich ist das Unternehmen auf das Wohlwollen und das Vertrauen seiner großen Nutzergemeinde angewiesen. Freilich reiht sich das Fiasko des Börsengangs in ein Muster ein. Denn Facebook hat von dem Wohlwollen, das es in seiner ersten Zeit im Überfluss hatte, in den vergangenen Jahren schon einiges verspielt.

Gegründet hat Mark Zuckerberg Facebook 2004 zusammen mit Kommilitonen, als er an der Eliteuniversität Harvard studierte und gerade 19 Jahre alt war. Die Seite, zunächst nur für Harvard-Studenten reserviert, war sofort ein riesiger Erfolg. Sie gab den Studenten ein ganz neues Instrument zu kommunizieren oder Freunde an der Uni zu finden. Zuckerberg witterte schnell, dass die Idee ein großer Wurf werden könnte. Er weitete die Seite auf andere Universitäten und Schulen aus, 2006 öffnete er sie für die Allgemeinheit. Er selbst schmiss sein Studium hin und zog nach Kalifornien ins Silicon Valley, der Heimat prominenter Technologiekonzerne von Google bis Apple.

Die Nutzer fanden Facebook unwiderstehlich. Es war eine geniale Plattform nicht nur zur Kontaktpflege, sondern auch zur Selbstdarstellung. Die Popularität der Seite übertrug sich auf das Unternehmen. Wie kann man auch ein Unternehmen nicht mögen, das mehr Kommunikation zwischen den Menschen ermöglicht und dafür nicht einmal Geld von ihnen verlangt?

„Ich weiß nicht, ob ich das Werbung nennen würde“

Facebook präsentiert sich selbst gerne als Weltverbesserer. Zuckerberg erläuterte in einem Brief zum Börsengang, wie Facebook Menschen helfen kann, sich Gehör bei ihren Regierungen zu verschaffen. Sheryl Sandberg, die rechte Hand von Zuckerberg und wegen ihres geschliffenen Auftretens so etwas wie die Außenministerin von Facebook, schwärmt davon, welche wunderbare Dinge das soziale Netzwerk bewerkstelligen kann: Organspender finden etwa oder die verloren geglaubte leibliche Mutter.

Diese sanfte Fassade ist heute immer schwerer aufrechtzuerhalten. Längst hat Facebook den Ruf einer Datenkrake, die Informationen der Nutzer ausschlachtet, um darauf abgestimmte Anzeigen auf der Seite zu schalten. Was immer Mitglieder auf der Seite tun - das „Gefällt Mir“-Feld klicken, von einem Kinofilm schwärmen oder Kochrezepte empfehlen -, alles gibt Facebook einen Hinweis, welche Werbung in Frage kommen könnte. Facebook behauptet frech, das sei im Sinne der Nutzer, weil es die Anzeigen relevanter macht. „Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt Werbung nennen würde“, sagte Kommunikationschef Elliot Schrage unlängst in einem Interview mit der BBC, ohne eine Miene zu verziehen.

Mark Zuckerberg hat oft von einer neuen „sozialen Norm“ gesprochen, wonach Menschen mittlerweile bereitwillig immer offener persönliche Daten preisgeben. Datenschützer werfen dem Facebook-Chef freilich vor, dass er nicht einfach nur einem Trend folgt, sondern die Aushebelung der Privatsphäre der Nutzer selbst vorantreibt, um mehr Werbung zu verkaufen. Oft genug hat Facebook die Datenschutzeinstellungen auf seiner Seite so geändert, dass Informationen der Nutzer für eine breitere Öffentlichkeit einsehbar wurden.

Im Wettbewerb ist Facebook zudem knallhart. Im vergangenen Jahr kam ans Licht, dass das Unternehmen eine PR-Agentur angeheuert hatte, die Geschichten über Datenschutzverfehlungen des Rivalen Google in Medien unterbringen sollte. Nicht nur war das reichlich ironisch, weil Facebook selbst eine zweifelhafte Auffassung vom Datenschutz hat. Es zeigte auch, dass das Unternehmen mit allen Wassern gewaschen ist, wenn es darum geht, Konkurrenten eins auszuwischen.

Auch an der Wall Street galt Facebook bis zum verpatzten Börsengang als unwiderstehlich. Immerhin war Zuckerberg unbestritten der größte Star einer neuen Generation von Internetunternehmern und die geplatzte Spekulationsblase der ersten Generation von Internetaktien war schon mehr als zehn Jahre her - und damit schon fast vergessen. Die Abneigung Zuckerbergs gegenüber der Börse machte Facebook umso begehrter. Nicht zuletzt wegen dieser Zurückhaltung entstanden neue elektronische Börsen wie Secondmarket, auf denen Anteile noch nicht börsennotierter Unternehmen wie Facebook oder Twitter gehandelt werden konnten.

Eine Welle von Internet-Börsengängen

Einen großen Schub erhielt der wachsende Rummel um Facebook dann Anfang vergangenen Jahres, als die führende Wall-Street-Bank Goldman Sachs zusammen mit einer russischen Internetholding 500 Millionen Dollar in Facebook investierte. Dazu wollte Goldman weitere 1,5 Milliarden Dollar mit der Plazierung von Facebook-Anteilen bei reichen Privatkunden aufnehmen. Die Investition sorgte für Aufsehen, weil die „Goldmänner“ trotz aller Kritik als die gewieftesten Investmentbanker der Wall Street gelten. Goldman vermasselte diese Plazierung zwar; die Bank hatte den Medienrummel unterschätzt und konnte wegen börsenrechtlicher Unwägbarkeiten schließlich nur internationale, aber keine amerikanischen Kunden mit Facebook-Anteilen versorgen. Die jedoch rissen sich um die Anteile, obwohl Goldman kaum Informationen über die geschäftliche Lage von Facebook herausgab.

Das war der erste Schritt auf dem Weg zum Börsengang. In Amerika müssen auch nicht börsennotierte Unternehmen ihre Bilanz offenbaren, sobald sie mehr als 500 Investoren haben. Sobald diese Schwelle erreicht ist, gehen Unternehmen in der Regel an die Börse, um weiteres Eigenkapital aufzunehmen und die Aktien ihrer Gründer, frühen Kapitalgeber und Angestellten zu versilbern. Als sich ein Börsengang von Facebook für das zweite Quartal 2012 abzeichnete, löste das umgehend eine Welle von Börsengängen neuer Internetunternehmen aus.

Missglückte Börsendebüts, aus denen Erfolge wurden

Die Gesellschaften wollten dem Branchenstar zuvorkommen, um sich das Interesse der Investoren zu sichern. Den Auftakt machte vor einem Jahr das soziale Karriere-Netzwerk Linkedin mit einem ungemein starken Debüt, das an die sensationellen Kurssteigerungen von Internetunternehmen aus den Zeiten der großen Blase Ende der neunziger Jahre erinnerte. Mehrere Unternehmen folgten, allerdings mit eher gemischten Resultaten. Dennoch hofften Anleger trotz allgemein schwankender Aktienkurse beim Debüt von Facebook weiterhin auf eine starke Nachfrage und einen Kurssprung in den ersten Handelstagen - das Zeichen für einen erfolgreichen Börsengang. Die Hoffnung trog.

Der verpatzte Börsenstart heißt natürlich nicht, dass Facebook nun zum Absturz verdammt ist. Die mehr als 900 Millionen Nutzer des Unternehmens sind ein immenses Kapital. Die Herausforderung für Facebook ist es, mit diesen Mitgliedern mehr Geld zu verdienen, sie aber gleichzeitig nicht zu verprellen. Mit dem Börsengang hat Facebook keine neuen Herzen erobert, aber die erhitzten Gemüter könnten sich auch schnell wieder abkühlen. Es gab immerhin schon andere missglückte Börsendebüts, aus denen später Erfolgsgeschichten wurden. Der Internetkonzern Google musste vor seinem Börsendebüt im Jahr 2004 den Ausgabepreis für die Aktien drastisch senken. Zwei Monate später hatte sich der Kurs verdoppelt.

Darauf hofft auch Anlegerin Watkins, die trotz ihrer Enttäuschung erstmal an ihren Facebook-Aktien festhalten will. „Ich werde die Kursentwicklung in den kommenden sechs Monaten beobachten und dann sehen wir weiter“, sagt sie. Auch von anderen Aktiengeschäften lässt sie sich nicht abschrecken. Aber Watkins will sich zukünftig eher Aktien aus traditionellen Industrien zuwenden: „Von den Silicon-Valley-Geschichten lasse ich nach Facebook erstmal die Finger.“

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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