Nach der ersten großen Aufregung um Kursverluste von einem Drittel nach dem Börsengang wurde es um die Facebook-Aktie stiller. Fast unbemerkt blieb, dass sich der Aktienkurs nach dem tiefen Fall der ersten 15 Börsentagen an der Nasdaq bis Dienstag um 28 Prozent auf 33,10 Dollar erholen konnte. In Deutschland notiert die Aktie bei 26,48 Euro wechselkursbedingt gar auf einem Höchststand.
Mit Spannung erwartet wurde nun der Mittwoch. Dieser wurde als wegweisend eingestuft, weil die Analysten der Konsortialbanken nach Ablauf einer vierzigtägigen Stillhaltefrist im Anschluss an den Börsengang neue Anlageurteile abgeben durften. In den vergangenen Jahren verhalf dies den Aktie der Börsenneulingen meistens zu Kursgewinnen. Nicht so für die Facebook-Aktie: Ihr Kurs fällt an der Nasdaq um knapp 3 Prozent auf 32,13 Dollar.
Ausbeutung des Potentials noch in den Anfängen
Denn insgesamt sind die Analystenurteile recht verhalten: Obgleich eine knappe Mehrheit der Analysten Kaufempfehlungen abgibt, liegt nach Daten der Finanznachrichtenagentur Bloomberg das Kursziel auf Sicht von 12 Monaten im Mittel derzeit bei 37,95 Dollar. Das sind 5 Cents weniger als der Preis, zu dem die Aktie an die Börse kam. Gegenüber dem Schlusskurs vom Dienstag ist das ein Kursplus von gerade einmal 15 Prozent. Das erfüllt nicht eben die im Vorfeld des Börsengangs genährten Erwartungen.
Das größte Potential sehen alle Analysten in der riesigen Zahl der Facebook-Nutzer. Dies ist auch der Aspekt, den Scott Devitt, Analyst der konsortialführenden Bank Morgan Stanley betont. Facebook sei in einer einzigartigen Situation, wenn es darum gehe Geld mit seinen zahlreichen und sehr aktiven Nutzern zu verdienen. Immerhin sind dies weltweit nach Angaben des Unternehmens 900 Millionen Personen.
Doch die Ausbeutung dieses Potentials stecke noch in den Anfängen, schreibt Justin Post, Analyst der Konsortialbank Merrill Lynch, der den Kurs der Facebook-Aktie in 12 Monaten wieder beim Emissionspreis sieht. Zudem befinde sich Facebook mit Blick auf die zunehmend mobile Internetnutzung in einer Übergangsphase. Solange es dem Unternehmen nicht gelingt, mit neuen Werbemodellen im mobilen Bereich hohe Umsätze zu generieren, sei er hinsichtlich der Umsatzentwicklung vorsichtig.
Skepsis und Zuversicht bei mobiler Strategie
Auch andere Analysten wie etwa von den Konsortialbanken Barclays oder Mark Mahaney und Neil Doshi von der Citigroup sehen keine deutlich erkennbare Strategie, wie Facebook die Erfolge im mobilen Bereich in Erträge ummünzen will.
Wesentlich optimistischer sind dagegen die Analysten von JP Morgan, ebenfalls Konsortialbank, die den Aktienkurs in 12 Monaten bei 45 Dollar sehen. Sie rechnen mit mobilen Erlösen von 300 bis 500 Millionen Dollar innerhalb der kommenden 2 bis 4 Quartale. Im ersten Quartal hatte Facebook insgesamt rund eine Milliarde Dollar umgesetzt.
Die Analysten setzen vor allem auf den Erfolg der sogenannten „Sponsored Stories“. Hier können Unternehmen im Rahmen von Werbekampagnen Einträge von Nutzern verwenden, in denen etwa Produkte empfohlen werden. Deren Freunde erhalten diese dann mit Name und Foto des Mitglieds prominent angezeigt. Allerdings musste Facebook jüngst in einem Vergleich nach einer Sammelklage in Kalifornien zusagen, dass Nutzer künftig nicht nur informiert werden, wenn ihrer Einträge in „Sponsored Stories“ verwendet werden sollen, sondern die Verwendung auch verweigern können.
Partner werden zu Konkurrenten
Und noch bevor Facebook fest im Sattel sitzt, vergrößert sich die Schar der Konkurrenten. Schmerzen könnte Facebook-Chef Mark Zuckerberg, dass nach Google mit Google Plus ausgerechnet der Online-Spiele-Anbieter und Partner Zynga, nun ein eigenes Netzwerk gründen will. Immerhin hat Zynga auf seinen eigenen Plattformen 290 Millionen Nutzer. Nun will das Unternehmen die gesammelten Nutzerdaten stärker monetarisieren.
Bisher trat Zynga 30 Prozent der über Facebook generierten Erlöse an das Soziale Netzwerk ab und sorgte im ersten Quartal auf diese Weise für immerhin 15 Prozent des Facebook-Umsatzes. Auch wenn Zynga weiter Kooperationspartner von Facebook bleiben will - Erlösschmälerungen oder ein geringeres Erlöswachstum für Facebook sind durchaus möglich.
Unattraktive Aktienstruktur
Zudem werden noch weitere Faktoren genannt. So sei Facebook in China nicht vertreten, bemängeln Mahaney und Doshi. Darüber hinaus mache die duale Struktur der Aktien diese unattraktiv, weil der Stimmgewichtsanteil der nicht börsennnotierten B-Aktien zehnmal so hoch ist wie der A-Aktien, die gehandelt werden. Dadurch behält Gründer Mark Zuckerberg weiter die Kontrolle über das Unternehmen.
Zudem gebe es zahlreiche Aktienpakete, die nach Ablauf der Haltefristen auf den Markt kommen könnten, nicht zuletzt seien umfangreiche Aktienoptionen im Umlauf, die den Kurs verwässern könnten, sobald sie gezogen würden.
Neu erfinden oder untergehen?
Insgesamt sind die Meinungen über Facebook sehr unterschiedlich. Das geht soweit, dass etwa der Vorstandschef des Marktforschungsunternehmens Forrester, George Colony, an der Zukunftsfähigkeit des Sozialen Netzwerks generell Zweifel äußerte. Eric Jackson von Ironfire Capital sagt aufgrund des Mangels einer mobilen Strategie sogar den Untergang von Facebook bis zum Ende des Jahrzehnts voraus.
Insgesamt zeigt sich aber deutlich, dass Facebook kaum im Internet der zweiten Generation erwachsen geworden ist, es sich schon wieder neu erfinden muss. Das ist bewältigbar, bedarf aber neuer Gedankenansätze. Hier steht zu hoffen, dass Mark Zuckerberg dazu in der Lage ist, was auch zumindest unterschiedlich beurteilt wird. Die sogenannten Open-Graph-Technologie des Unternehmens bietet dazu Potentiale, wenn etwa beim Einkaufen die Facebook-Empfehlungen genutzt werden können. Das muss sich allerdings noch weisen.
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