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Facebook 50 Milliarden für eine Quasselbude

 ·  Ist Facebook wirklich 50 Milliarden Dollar wert, wie die Investmentbank Goldman Sachs ausgerechnet hat? Im Moment scheint es ein treffender Mittelwert zu sein. Das ist schwer zu verstehen - und es kann sich ganz schnell wieder ändern.

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Es ist noch keine sieben Jahre her, dass eine Handvoll Studenten von der amerikanischen Ostküste für den Sommer nach Kalifornien zog und dort ein Haus verwüstete. Das Haus hatten die Studenten für ihren Sommeraufenthalt gemietet. Ihre Partys feierten sie mit viel Bier und ein bisschen Haschisch. Vom Kamin aus zogen sie ein Seil über den Swimmingpool bis zu einem Telefonmasten dahinter, so dass sie an dem Seil hinunterrutschen und sich ins Wasser fallen lassen konnten. Am Ende des Sommers beschwerten sich die Vermieter, wie der Buchautor David Kirkpatrick recherchiert hat: Der Kamin sei kaputt, eine Tür zerborsten und der Wasserfilter des Pools voller Glasscherben. So sah die Kinderstube eines Unternehmens aus, das jetzt 50 Milliarden Dollar wert sein soll: der Internet-Freundeskreis Facebook. Denn daran arbeiteten damals die Studenten, wenn sie nicht gerade feierten.

Ausgerechnet hat diese 50 Milliarden Dollar einer der gewieftesten Geldverwalter der Welt, nämlich die Investmentbank Goldman Sachs. Sie kauft auf eigene Rechnung etwas weniger als ein Prozent von Facebook und bezahlt dafür 450 Millionen Dollar. Zum gleichen Kurs sollen Kunden und Mitarbeiter von Goldman weitere 1,5 Milliarden Dollar investieren und dafür insgesamt drei Prozent bekommen. Nach Adam Riese wird der kompletten Firma also ein Wert von 50 Milliarden Dollar zugeschrieben.

Das ist schwer zu verstehen: Diese Quasselbude im Internet, in der Schüler den letzten Partyabend Revue passieren lassen und Assistenzärzte ihre Urlaubsfotos tauschen. Die von einem 26-jährigen Jüngling betrieben wird, der sich um den Datenschutz seiner Kunden nicht die Bohne kümmert. Diese Firma soll mehr wert sein als die Traditionskonzerne ThyssenKrupp und Volkswagen zusammen, mit ihren ganzen Maschinen und Fabriken? Obwohl jeder mindestens das 20-Fache einnimmt? Da wird doch die New-Economy-Blase wieder aufgepustet! So denken viele Leute in Deutschland. Während die amerikanischen und asiatischen Reichen Goldman die Facebook-Anteile aus den Händen reißen, halten sich die Europäer vornehm zurück.

Manchmal wirken 50 Milliarden hoch, manchmal niedrig

Ist Facebook tatsächlich zu teuer? „Das ist eine sehr schwierige Frage“, gibt selbst Peter Thiel zu, Facebooks erster Investor. Um sie zu beantworten, braucht man Spezialisten. Die Beratung „Corporate Finance Partners“ zum Beispiel. Sie kennt sich aus in der Branche, hat sie doch dem Gründer des börsennotierten Geschäftsleute-Netzwerks Xing, Lars Hinrichs, geholfen, seinen Anteil zu verkaufen. Julian Riedlbauer ist Geschäftsführer dieser Beratungsgesellschaft. Er kennt eine Reihe von Kennzahlen, mittels derer Facebook sich mit anderen Firmen vergleichen lässt.

Zum Beispiel am Verhältnis vom Umsatz zum Firmenwert. Facebook kostet jetzt das 25-Fache seines Umsatzes von zwei Milliarden Dollar. Das ist sehr teuer, selbst Google hat bei seinem Börsengang nur das 15-Fache des Umsatzes gekostet. Bei Thyssen-Krupp ist dieser Faktor unter 0,5.

Andererseits müssen Internet-Firmen kein Eisenerz kaufen und keinen Stahl. Sie brauchen nur einige Entwickler, Datenleitungen und Computer. Deshalb bleibt relativ viel Gewinn vom Umsatz: 500 Millionen Euro sollen es bei Facebook 2010 gewesen sein. Das ist mehr als das Doppelte vom Vorjahr und schon die Hälfte des ThyssenKrupp-Gewinns von 2010. Damit kostet Facebook das 100-Fache eines Jahresgewinns und ist so gerechnet deutlich günstiger als Google bei dessen Börsengang. Zwar sind gewöhnliche Firmen noch billiger, aber „die wachsen längst nicht so dynamisch“, wie Riedlbauer betont. Wenn Facebooks Gewinn so weiter wächst wie bisher, passt er schon in drei Jahren zum Firmenwert - und zwar nach den Maßstäben von Thyssen-Krupp.

Es gibt noch viele weitere Kennzahlen. Manchmal wirken 50 Milliarden hoch, manchmal niedrig - am Ende scheint es ein treffender Mittelwert zu sein. Goldman Sachs ist auch nicht der einzige Käufer, der auf diesen Wert kommt. Ähnlich war die Schätzung an einer privaten Börse, wo seit Monaten Facebook-Anteile von Mitarbeitern und frühen Investoren gehandelt werden. Dort war Facebook zuletzt mit 60 Milliarden Dollar bewertet.

Investor Thiel glaubt an sein Facebook

Ob es jetzt 50 oder 60 Milliarden sind, ist gar nicht so wichtig. Daran wird sich nicht entscheiden, ob die neuen Facebook-Miteigentümer ein gutes Geschäft machen. Die entscheidende Frage ist: Bleibt Facebook auf Dauer erfolgreich?

Vielleicht liegt die Antwort im Großraumabteil eines durchschnittlichen deutschen ICE. Schließlich kann man heute kaum noch zwei Stunden Bahn fahren, ohne dass an irgendeinem Vierertisch das Wort „Facebook“ fällt. Weltweit ist eine halbe Milliarde Menschen dort aktiv, die Hälfte davon schaut jeden Tag vorbei. Heute schon hat Facebook Google vom Platz eins der meistbesuchten Websites verdrängt. Es gibt sogar einen Kinofilm über die Facebook-Gründung. Und längst quatschen auf seiner Seite nicht mehr nur die Studenten. Auch die Eltern werden neugierig - schließlich kann man auf Facebook erfahren, welcher Bekannte geheiratet und dabei den Namen seiner Frau angenommen hat.

Kann das überhaupt noch größer werden? Oder ist die Bewertung eine Blase? „Das wäre eine sehr seltsame Blase, wo doch die breite Öffentlichkeit gar nicht investieren kann“, findet Investor Thiel. Er glaubt an sein Facebook. „Nach dem Börsengang wird der Wert noch viel weiter steigen.“

Das Risiko trägt der Steuerzahler

Berater Riedlbauer hält das für möglich. Und auch, dass Facebook sich als dauerhaft werthaltig erweist. Schließlich suchten die Nutzer auf Facebook nicht nur irgendwelche Informationen, sondern redeten mit ihren Freunden. „Da ist man emotional extrem gebunden, stärker als an Google.“ Xing-Gründer Lars Hinrichs sieht noch viele zusätzliche Einnahmequellen. Facebook könnte zum Beispiel anfangen, Waren direkt auf seiner Seite zu verkaufen. „Da ist noch viel Luft nach oben.“ Wenn er Recht behält, ist Facebook für 50 Milliarden fast geschenkt.

Doch es kann noch vieles schiefgehen, wie die meisten eingestehen: ein neuer Konkurrent kann auftauchen. Oder ein leichtsinniger Programmierfehler, der einen riesigen Datenskandal auslöst - größer als alle zuvor. Wenn so etwas passiert, wird der Großteil der 50 Milliarden Firmenwert verloren sein.

Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Simon Johnson, hält es deshalb für gefährlich, dass eine Großbank wie Goldman Sachs mit Firmen wie Facebook spekuliert. Schließlich trage das Risiko letztlich der Steuerzahler, der die Bank retten muss, wenn sie zu viel Geld verliert. Doch die 500 Facebook-Millionen werden Goldman nicht an den Rand der Insolvenz bringen. Wahrscheinlicher ist, dass Goldman damit auf ganz andere Weise ein Geschäft macht: Die Bank verdient daran, dass sie die Anteile an ihre Kunden weiterverkauft. Und darf sich Hoffnungen darauf machen, dass sie nächstes Jahr Facebooks Börsengang abwickelt - für einige Hundert Millionen an Gebühren.

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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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