25.09.2011 · Kein Medienunternehmen lässt sich die Reichweite von 800 Millionen Facebook-Nutzern und deren Daten entgehen. Das Netzwerk wird zum perfekten Zuschnitt für Werbung und E-Commerce-Angebote.
Von Holger SchmidtMark Zuckerberg hat sein Meisterstück abgeliefert. Damit ist gar nicht der Umbau von Facebook zu einem „digitalen Lebensprofil“ gemeint. Ob die Nutzer wirklich in großem Stil Fotos aus ihrer Kindheit hochladen, um ihr Leben digital auf Facebook abzubilden, ist nicht wirklich wichtig. Schon spannender, aber auch nicht der entscheidende Punkt ist der Schritt hin zu einer Plattform, auf der Medienunternehmen ihre Inhalte veröffentlichen können. Zeitungen wie der „Guardian“ liefern Nachrichten, Spotify und andere Dienste machen künftig die Musik auf Facebook, und für Filme sorgen Netflix und Co.
Weil sich kein Medienunternehmen die Reichweite der 800 Millionen Nutzer auf Facebook entgehen lassen kann, wird es künftig in der Medienwelt neben den Apps für Apple auch Facebook-Apps in großem Stil geben. Dass damit die Abhängigkeit dieser Anbieter von einer anderen Plattform steigt, müssen sie in Kauf nehmen, denn das Netz zerfällt gerade in solche Plattformen. Facebook, Apple, Google, Amazon oder Twitter schaffen abgeschottete Web-Imperien, an denen zumindest im Moment kein Weg vorbeigeht, um die Internetnutzer zu erreichen.
Aber auch die Schaffung der Medienplattform ist nur die Vorstufe zum Masterplan. Entscheidend an der Facebook-Strategie ist: Das Netzwerk bekommt strukturierte, maschinenlesbare Daten über die Vorlieben seiner Nutzer – exakte Daten und in Echtzeit, weil die Nutzer diese selbst erzeugen. Wie das funktioniert? Künftig können Nutzer ihren Freunden im neugeschaffenen Ticker mitteilen, dass sie ein Buch gelesen, einen Film geschaut oder eine Nachricht in einer App gesehen haben. Die Übertragung dieser Information, einen Artikel gelesen oder ein Musikstück gehört zu haben, geschieht automatisch. Ein Klick ist nicht mehr nötig, wenn die Nutzer diesen Automatismus zuvor aktiviert haben.
Bit für Bit die Vorlieben der Nutzer erkennen
Hierin steckt das große Potential: Facebook erhält eine große Menge strukturierter, maschinenlesbarer Daten über die Vorlieben der Menschen. Je mehr dieser Verben (lesen, sehen, hören, essen. . .), eingeführt werden, desto größer wird Facebooks Datenschatz. „Mark Z hat das semantische Internet angekündigt, ohne es so zu nennen“ twitterte die Internet-Investorin Esther Dyson schon während der Konferenz. Das ist der Punkt: Während viele Forscher sich noch den Kopf zerbrechen, wie aus dem unstrukturierten Web ein semantisches wird, dessen Inhalte Maschinen verstehen, lässt Mark Zuckerberg seine Nutzer diese maschinenlesbaren Daten selbst erstellen.
Diese können von Facebook-Maschinen verarbeitet werden. Das Ergebnis: Facebook kennt die Vorlieben seiner Nutzer künftig viel besser, da sie nicht nur auf Profilangaben beruhen, sondern auf den eigenen Angaben der Nutzer. Facebook verbindet künftig also nicht nur Menschen miteinander, sondern Menschen mit Musik, Filmen, Spielen und sicher bald auch mit Produkten aller Art, für die es Apps geben wird.
An dieser Stelle wird es aus wirtschaftlicher Sicht richtig interessant: Facebook kann Bit für Bit die Vorlieben seiner Nutzer erkennen, was sie mögen, lesen, sehen, spielen, essen, künftig auch kaufen oder suchen. Das Ergebnis ist die Möglichkeit des fast perfekten Zuschnitts der Werbung und E-Commerce-Angebote. Auch in den Apps der Medienunternehmen kann Werbung dann exakt an den Bedürfnissen der Nutzer ausgerichtet werden – Facebook kennt sie ja.
Viele Unternehmen werden auf die Plattform drängen, um ihre Apps an den Mann zu bekommen. Wenn die Nutzer mitmachen, könnte Facebook besser als Google werden, denn die Suchmaschine ist nur der Navigator. Facebook ist die Destination, auf der Menschen sich aufhalten. Facebook wird also die Spinne im Netz – ob die deutschen Datenschützer das wollen oder nicht. Die Nutzer müssen entscheiden, ob sie mitmachen wollen.
Ich begreif's einfach nicht
paul osten (posten)
- 25.09.2011, 15:24 Uhr
Kampagne: AOL wurde auf 350 Mrd. USD hochgeschrieben - um bei 3 Mrd. zu enden
Klaus Wege (covenants)
- 25.09.2011, 13:51 Uhr
"Die Nutzer müssen entscheiden, ob sie mitmachen."
Rudolf Blasy (bayrubl)
- 25.09.2011, 11:59 Uhr