Home
http://www.faz.net/-gqe-78j5z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Cyber-Kriminalität Im digitalen Fadenkreuz

Angeblich gibt es weltweit 15 Milliarden Cyberattacken - an einem einzelnen Tag! Während Großunternehmen einigermaßen gewappnet sind, ist der Mittelstand kaum darauf vorbereitet.

© dpa Waffenarsenal für Cyber-Attacken

Nichts scheint mehr sicher zu sein, alles ist unter Beschuss. Computerhacker schleusen im Sekundentakt elektronische Viren, Würmer und Trojaner in die globalen Datennetze. Sie greifen Rechner und Netzwerke an, infizieren, spionieren und sabotieren, räumen Konten leer, erpressen, stehlen Konstruktionspläne oder Konzernstrategien, Betriebs- oder Forschungsgeheimnisse. Der Schaden wird von der internationalen Polizeiorganisation Interpol auf mehrere Billionen Euro geschätzt. Allein in Europa beträgt er 750 Milliarde Euro im Jahr. Das ist viel, aber nicht erstaunlich. Denn in den dunklen Ecken des Internet sind gewaltige Schwarzmärkte für den Handel mit digitalen Einbruchswerkzeugen, gestohlenen Daten und Informationen entstanden.

Stephan Finsterbusch Folgen:

Neben Amerika rücken Hacker auch Deutschland in ihr Fadenkreuz. Die hiesige Wirtschaft mit ihren profitablen, gut vernetzten und innovativen Industrieclustern ist eines der Hauptangriffsziele geworden. Es geht um Patente und Wissen, um Macht und Geld. So zählt die Deutsche Telekom jeden Tag bis zu einer Viertelmillion Hackerangriffe auf ihre Systeme. Thyssen-Krupp sah riesige Schwärme von Spionageviren durch seine Rechner ziehen. Die Techniker von Volkswagen fischten Spitzeltrojaner der Spitzenklasse aus ihren Computern.

15 Milliarden Attacken pro Tag

Das IT-Unternehmen IBM berichtet jeden Tag von 15 Milliarden Attacken auf die Datennetze der Welt. Allein hierzulande standen vor wenigen Wochen mit 9500 Betreibern von Netzwerkrechnern fast alle wichtigen Schaltzentralen des Internet unter Beschuss. Die Computer der Bundesbehörden befinden sich nach Angaben des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) im Dauerfeuer. Jedes vierte deutsche Unternehmen räumt ein, mindestens einmal im Jahr ausgespäht zu werden.

Mehr zum Thema

Anders als viele Großkonzerne sind erschreckenderweise weite Teile des Mittelstandes auf Hackerattacken nicht vorbereitet. Auch die Rechner vieler Forschungsinstitute sind nur schlecht gesichert. Das ist seitens der Geschäftsführer, Vorstände und Institutsleiter nicht nur achtlos; es ist geradezu unverantwortlich, öffnen solche Sicherheitslücken doch Datendieben Tür und Tor. Mit nur wenigen Mausklicks kann das einem Unternehmen die Geschäftsgrundlage entziehen oder ein Institut um die Ergebnisse vielversprechender und oft mit Steuergeld finanzierter Forschungsarbeiten bringen.

Täglich werden 60.000 Schadprogramme entdeckt

Während das BSI im Netz jeden Tag 60.000 neue Schadprogramme ausfindig macht, hat nur jedes zweite deutsche Unternehmen ein digitales Sicherheitskonzept, das den Namen verdient und über die üblichen Firewalls oder Passwörter hinaus geht. Das aber ist zu wenig. Denn herkömmliche digitale Schutzmauern können von Angreifern heute leicht umschifft, Passwörter ohne viel Aufwand ausgespäht werden.

Hier zeigen sich vor allem mittelständische Unternehmen verwundbar. Sie müssen in Zeiten der Dauerkommunikation via sozialer Netzwerke, internetfähiger Mobiltelefone, Tablet-, Laptop- oder Personalcomputer ihre Systeme besser absichern. Die Sicherheit der Computer geht im Übrigen nicht nur die IT-Abteilung an. Das ist Chefsache. Geschäftsführer sollten ihre besonders schützenswerten Unternehmensdaten definieren und verschlüsseln lassen. Zweitens dürfen sie digitale Kundenkarteien nicht an allgemein zugängliche Netzwerke hängen. Drittens sollten sie mögliche Wege angreifender Schadsoftware ausloten und blockieren lassen. Wer das nicht macht, darf sich nicht wundern, Opfer von Attacken zu sein.

Der Weltmarkt für IT-Sicherheit ist heute 50 Milliarden Euro groß

Um das zu gewährleisten, sollten Unternehmen ihren Mitarbeitern klare Richtlinien geben. Sie müssen Pläne für Notfälle erarbeiten. Und sie sollten mehrstufige Zugriffs- und Überwachungssysteme für Technik und Personal installieren. Diese Systeme gibt es auf dem Markt. Denn je höher die Gefahr aus dem Internet, desto größer das Schutzbedürfnis. So ist der Weltmarkt für IT-Sicherheit über die vergangene Dekade jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich auf heute 50 Milliarden Euro gewachsen.

Zwar gibt es auf dem Schwarzmarkt der Computerhacker alles, was das kriminelle Herz begehrt. Doch ist auch die Sicherheitsbranche gut bestückt. Daher sollten Politik und Behörden im lobenswerten Bestreben nach einer sicheren Netzwirtschaft dem Markt den Vorrang lassen. Wer nach dem Staat als großen Schutzpatron ruft, überschätzt dessen Möglichkeiten. Kein Amt kann ein brauchbares Sicherheitsprogramm erstellen.

Softwarefallen für den Gegenangriff

Das muss es auch gar nicht. Denn Unternehmen wie Symantec bieten schon wirksame Schutzsoftware an. Konzerne wie SAP verkaufen keine IT-Leistung mehr, die nicht Teil eines Sicherheitssystems ist. Die Deutsche Telekom errichtet gerade digitale Honigtöpfe, die gezielt Hacker anlocken und sie in aufgespannte Softwarefallen tappen lässt. Dadurch kann deren Vorgehen analysiert und zum Gegenangriff übergangen werden, bevor die Attacke die Kunden erreicht hat.

Sicher, das alles hat seinen Preis, und der ist auch nicht gering. Der Schutz der Computer mag für viele mittelständische Unternehmen nicht billig sein. Doch ihn nicht zu haben, wird früher oder später teuer.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Cyber-Waffen statt Panzer Der virtuelle Krieg

Virtuelle Angriffe gewinnen laut Bundesnachrichtendienst an Bedeutung. Darauf stellt sich auch die Bundeswehr ein. Mehr Von Johannes Leithäuser, Berlin

28.07.2015, 21:12 Uhr | Politik
Cyber-Angriffe Tipps für Unternehmen gegen Internet-Attacken

Verlust von Kunden- oder Unternehmensdaten, Betriebsstörungen durch Computerschädlinge, bis hin zum Imageverlust: Deutlich mehr Unternehmen haben mit Angriffen aus dem Internet zu kämpfen. Aber investieren Unternehmen genug in die IT-Sicherheit? Joachim Bühler vom Branchenverband Bitkom gibt Antworten. Mehr

17.02.2015, 10:18 Uhr | Wirtschaft
Seiko Watch Die Neuerfindung der Zeit

Seiko Watch hat alle Drehungen und Wendungen der Zeiten mitgemacht. Doch nun lassen die Internetuhren von Apple und Samsung die Japaner kalt. Sie setzen auf eigene Technik. Mehr Von Stephan Finsterbusch

21.07.2015, 07:41 Uhr | Wirtschaft
Online-Kriminalität Schadsoftware erpresst Smartphone-Nutzer

Digitale Erpressung mit sogenannter Ransomware ist auf dem Vormarsch. Kriminelle infizieren einen Computer mit einem Schadprogramm, das den Rechner quasi als Geisel nimmt. Zugriff auf seine Daten erhält der Nutzer erst wieder, wenn er ein Lösegeld bezahlt. Mehr

27.02.2015, 14:56 Uhr | Technik-Motor
Freies Internet W-Lan-Wüste Deutschland

In ganz Europa gibt es fast überall frei zugängliches W-Lan. Nur Deutschland hinkt weit hinterher, gerade einmal 15.000 Netze sind frei zugänglich – weil wir Angsthasen sind. Mehr Von Corinna Budras

21.07.2015, 13:35 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 20.04.2013, 08:29 Uhr


Aktienkurse
Name Kurs Änderung
  Nasdaq 100 --  --
  Facebook --  --
  Google --  --
  Apple --  --
  Zynga --  --

Der Doppelhut der EU-Kommission

Von Werner Mussler, Brüssel

Was ist eigentlich die Aufgabe der EU-Kommission? Soll sie oberste Regierung Europas sein oder nur „Hüterin der Verträge“? Die Diskussion ist überfällig. Mehr 23 27

Grafik des Tages Junge Männer sind oft arbeitslos

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland ist gut; das spürt auch die junge Generation; die Jugendarbeitslosigkeit sinkt. Allerdings: Frauen profitieren stärker von der Entwicklung als Männer. Mehr 5