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Computerspiel „Second Life“ Der Terror ist in der Idealwelt angekommen

22.01.2007 ·  Wer gehofft hatte, in „Second Life“ bleibe das Böse ausgeschlossen, sieht sich nun getäuscht. In die Computerwelt, in der bereits Millionen Menschen ein Zweitleben führen, ist nicht nur der Konsumterror eingezogen.

Von Andreas Rosenfelder
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Eine der spannendsten Theorien zum Weltuntergang läuft unter dem Namen „Grey Goo“ („Graues Zeugs“). Sie entstammt der Science-Fiction und postuliert, dass unsere Erde dem Fortpflanzungsdrang von Nanorobotern zum Opfer fällt. Kleinstmaschinen zehren das gesamte Ökosystem auf, um sich unter Verwendung aller Rohstoffe zu vermehren – bis der Erdball einem klebrigen Klumpen aus grauer Technik gleicht.

Dieses apokalyptische Szenario ist bereits eingetroffen, allerdings nicht in der wirklichen Welt, sondern im Paralleluniversum von „Second Life“ (siehe auch: Weihnachten im virtuellen Paralleluniversum von „Second Life“). Das „3D-Internet“, in dem inzwischen zwei Millionen Menschen ein Doppelleben führen, brach im Herbst unter dem Angriff eines eingeschleusten „Wurms“ zusammen. Das bösartige Programm verseuchte die virtuelle Welt mit rotierenden Goldringen, die sich selbst vervielfältigen: Mehr als fünf Millionen der Rechenleistung verbrauchenden Objekte ließen sämtliches Leben in „Second Life“ erstarren. Der Wiederaufbau der zerstörten Zweitwelt dauerte geschlagene drei Stunden – was als Alternative zum realen Weltuntergang zwar glimpflich klingt, in einem schnell wachsenden Wirtschaftssystem mit einem Tagesumsatz von einer halben Million echter Dollars aber durchaus schmerzt.

Hier herrscht noch weitgehend das Gesetz der Wildnis

Seit ihrer Erschaffung durch das in San Francisco ansässige „Linden Lab“ im Sommer 2003 gibt es in „Second Life“ auch Rebellen, die sich gegen die unsichtbaren Götter dieser Welt auflehnen – gefallene Engel, die den obersten Programmierer mit seinen eigenen Mitteln schlagen wollen. Das ist, zumindest in Teilerfolgen, durchaus möglich. Denn „Second Life“ befindet sich seit seinen Anfängen in einem seltsamen Zwischenstadium. Zur Hälfte ist es ein Paradies, wo für jeden geheimen Traum und jede Obsession eine einsame Insel bereitsteht. Und zur anderen Hälfte ist es eine Arbeitswelt, wo die Avatare im Schweiße ihres virtuellen Angesichts ihre Linden-Dollars verdienen.

„Second Life“ steckt eben im wilden Naturzustand eines neuentdeckten Kontinents, der alle anzieht: Unternehmer und Betrüger, Abenteurer und Desperados, Mafiosi und Zuhälter. Und wie im amerikanischen Westen der Pionierzeit herrscht hier noch weitgehend das Gesetz der Wildnis. Wahrscheinlich besteht der Reiz von „Second Life“ in dieser Freiheit, die mit der Anarchie der Hausbesetzer ebenso viel zu tun hat wie mit dem Wirtschaftsliberalismus der FDP.

Dem Konzern tut ein geklauter Pixel-Nissan nicht weh

Allerdings wirft das Fehlen einer zentralen Staatsgewalt auch Probleme auf – zumindest einen Nachtwächterstaat, der das Eigentum schützt, wünschen sich sowohl die kleinen Leute als auch die großen Unternehmen in „Second Life“. So kamen am 19. November 2006 in der „Town Hall“ des Linden-Lab-Präsidenten Philip Rosedale aufgebrachte Bürger zusammen, um wie in einer korrupten Westernstadt gegen Sittenverfall und Verbrechen zu protestieren. Vor allem ging es um ein kleines Programm namens „CopyBot“, das seinen Besitzern erlaubte, in „Second Life“ vorgefundene Gegenstände und sogar ganze Avatare in Sekundenschnelle zu kopieren.

Für die Markenartikler mag das nicht so schlimm sein – für sie bedeutet die Präsenz in der Kunstwelt vor allem Werbung, und ein geklauter Nissan Sentra aus Pixeln tut dem japanischen Autokonzern nicht weh. Aber die kleinen und mittleren Ladenbesitzer leben davon, auf kunsthandwerkliche bis serielle Weise virtuelle Möbelstücke, Autos oder Kleider herzustellen und zu verkaufen. Das Auftauchen des Kopierwerkzeugs ließ die Spielewährung des Linden-Dollars einbrechen, und erst die Verbannung aller Benutzer des „CopyBot“ stoppte die Inflation. Bei der Schaffung einer Jurisdiktion allerdings hielten sich die Macher von „Second Life“ zurück und forderten die Bewohner auf, eigene Lösungen zu finden.

Was heißt Aufdringlichkeit in einer körperlosen Welt?

Aber wie sollte ein Sozialvertrag für „Second Life“ auch aussehen? Zwar sind im täglichen Polizeibericht („Second Life Police Blotter“) akribisch Vergehen und Disziplinarstrafen aufgelistet: So gab es in den letzten Tagen für „Waffengebrauch“ in der „Sandbox Goguen“ einen Bannspruch von sieben Tagen, für „sexuelle Belästigung“ in „Luna“ eine Verwarnung und für „Verschmutzung“ in „Tancred West“ eine Auszeit von drei Tagen. Aber wie definiert man in einer körperlosen Welt den Gebrauch von Waffen, körperliche Aufdringlichkeit oder Umweltverschmutzung?

Letzterer Straftatbestand soll lediglich verhindern, dass das Gemeinwesen an ausgestreuten Objekten erstickt. Eine Menschenrechtlerin mit dem Pseudonym „breakingranks“ beklagt sich im Internet, dass man sie wegen „Littering“ aus dem „Second Life“ hinauswarf, nachdem sie kleine Gegenstände mit angeklebten Flugblättern auf zahlreichen Bänken und Tischen hinterlegt hatte.

Da konnte die Kamera nur auf die Wände schwenken

Tatsächlich gibt es in „Second Life“ keine materielle Grundlage für das Recht. Erst kommt das Fressen, dann die Moral? Diese Faustregel gilt in einer Welt nicht, in welcher die Avatare weder Nahrung brauchen noch altern. Sogar Selbstmord klappt in „Second Life“ nicht: Anfänger, die sich gleich im Trainingsparcours vom höchsten Turm stürzen, spazieren auf dem Boden einfach weiter. Und wo nichts weh tut, könnte man argumentieren, ist auch alles erlaubt – sofern es nicht den Wirtschaftskreislauf stört, an dem die Benutzer mit ihren realen Kreditkarten teilnehmen.

Obwohl den frei gestaltbaren Avataren alle Kreatürlichkeit abgeht, ist körperliche Unversehrtheit in „Second Life“ keineswegs garantiert. So kam es am 8. Januar zu einem Zwischenfall, bei dem durch Überlastung der Server ganze Scharen von mühevoll eingekleideten und frisierten Online-Persönlichkeiten nackt und haarlos auf dem Bildschirm erschienen. Und als vielleicht größter Skandal ging im Dezember ein Attentat auf eine der mächtigsten Spielfiguren in die Annalen von „Second Life“ ein: Anshe Chung, die im echten Leben Ailin Gräf heißt, mit Grundstückgeschäften in „Second Life“ zur Dollar-Millionärin wurde und mehr als zehn Prozent der Landmasse besitzt, wurde bei einer von vierzig Avataren besuchten PR-Veranstaltung von einer Phalanx fliegender Penisse attackiert. Die Geschlechtsteile waren von Hackern eingeschleust worden, denen die Vormacht der Immobilienmagnatin nicht passte. Da konnte die Kamera, welche das virtuelle Ereignis für eine Internet-Übertragung filmte, nach etlichen Schrecksekunden lediglich auf die Mauertexturen an den Wänden schwenken. Die Veranstaltung wurde abgebrochen.

Sie können dich nicht töten - aber weg schießen

Was den Gebrauch von Waffen angeht, so wird dieser in „Second Life“ durchaus nicht einhellig verdammt. Im Gegenteil gibt es eine starke Fraktion, die wie im Wilden Westen jedem Gewaltmonopol misstraut und ihr „right to bear arms“ verteidigt. So basteln besonders die als „Script Kiddies“ bezeichneten Guerrilla-Programmierer an Wunderwaffen bis hin zur virtuellen Atombombe (für 1700 Linden-Dollars) und nutzen ganze Territorien dazu, im ansonsten sehr sozialen „Second Life“ als Ego-Shooter zu agieren. In den umgrenzten „Sandboxes“ ist dies auch erlaubt und sogar im Sinne der Erfinder, die auch die klassischen Computerspieler gewinnen wollten. Doch zum Teil tauchen die umherschweifenden Banden auch in Einkaufszentren auf und schießen ahnungslose Avatare mit ihren Laserkanonen ab – was in „Second Life“ zwar niemals zum Tod führt, aber den Avatar meterweit durch die Luft schleudern oder sogar an einen fernen Ort teleportieren kann. Wir landeten zum Beispiel nach einem Abschuss in einer deutschen Ritterburg.

Längst tobt in der Gemeinschaft ein Streit darüber, ob „Second Life“ von solchen bizarren Möglichkeiten bereinigt werden soll oder ob gerade die unbegrenzten Möglichkeiten seinen Charme ausmachen. Befürworter der letzteren Ansicht empfehlen „Linden Lab“, nicht einzugreifen. Schließlich ergäben sich sogar aus Anschlägen neue ökonomische Möglichkeiten wie etwa das Berufsbild des Bodyguards oder der Verkauf von Schutzschildern und Sicherheitskameras. Und wer ein wirklich ungestörtes Plätzchen sucht, für welche Zwecke auch immer, kann immer noch eine zutrittsbeschränkte Plattform in den Wolken erbauen. Denn Avatare können nur bis in eine Höhe von 250 Metern fliegen, Objekte aber bis in 768 Meter Höhe angelegt werden. In „Second Life“ ist in jeder Hinsicht der Himmel die Grenze.

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Zu ausgeklügelt

Von Kerstin Schwenn

Das System des Mautbetreibers Toll Collect ist eine tolle deutsche Erfindung, aber leider nicht wirtschaftlich. Eine Maut lässt sich auch mit einem weniger ausgeklügelten System erheben. Mehr 1 5

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