14.07.2004 · Die deutschen Anbieter von Computerspielen reden in diesen Tagen gern über das Wetter - es steigert den Umsatz. Auch den schlechten Auftritt der deutschen Nationalmannschaft bei der Euro 2004 haben sie genossen.
Von Carsten KnopDie deutschen Anbieter von Computerspielen reden in diesen Tagen gern über das Wetter. Sie haben auch den schlechten Auftritt der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballeuropameisterschaft verfolgt. Sie sind zufrieden: "Natürlich hilft uns ein verregneter Sommer. Das frühe Ausscheiden der Nationalmannschaft beim Turnier in Portugal war ebenfalls positiv", sagt Christoph Syring, für das Tagesgeschäft verantwortlicher Chief Operating Officer und in Personalunion Finanzvorstand des Karlsruher Spielesoftwareanbieters CDV. Solche vorteilhaften Einflüsse kann die Branche in Deutschland gut gebrauchen - und ganz besonders CDV.
Mit elektronischen Spielen für Personalcomputer (PC) und Videospielkonsolen wie der Playstation von Sony oder der X-Box von Microsoft wurden im vergangenen Jahr zwar 1,13 Milliarden Euro umgesetzt, was gegenüber dem Vorjahr einem Plus von 8,1 Prozent entspricht. Doch hat das Plus seinen Grund vor allem darin, daß der zuständige Verband seine vorherigen Umsatzstatistiken deutlich - zuletzt um mehr als 200 Millionen Euro - nach unten korrigieren mußte. Das Marktvolumen war systematisch überschätzt worden. Grundsätzlich ist auch hier die allgemeine Konsumzurückhaltung feststellbar.
Markt für Videospiele stark gewachsen - PC-Spielemarkt stagniert
Fest steht aber, daß sich der Umsatz mit Computerspielen im vergangenen Jahr zu fast gleichen Teilen auf Konsolensoftware (Videospiele) und PC-Programme aufgeteilt hat. Dabei ist der Markt für die Videospiele stark auf einen Umsatz von 564,3 (Vorjahr: 473,7) Millionen Euro gewachsen. Der PC-Spielemarkt hingegen hat auf 569 (574) Millionen Euro Umsatz stagniert. Das mag für Unternehmen wie den unumstrittenen Branchenführer Electronic Arts (EA) aus dem kalifornischen Silicon Valley eine Entwicklung sein, die sich leicht auffangen läßt, da das Unternehmen beide Segmente elektronischer Spiele bedient. EA hat im vergangenen Jahr auf der Welt dann auch 3 Milliarden Dollar umgesetzt, vor Zinsen, Abschreibungen und Steuern 778 Millionen Dollar verdient und wird an der Börse mit stattlichen 16,3 Milliarden Dollar bewertet. Für die deutsche CDV ist das Gegenteil richtig: Das Unternehmen konzentriert sich auf den - zuletzt im Saldo wenig attraktiven - Markt der Computerspiele.
Von den Umsatz- und Gewinndimensionen von EA kann der einzige börsennotierte deutsche Videospielanbieter deshalb nur träumen. Schlimmer noch: "Ich wußte 2003 lange nicht, ob es uns in den folgenden acht Wochen überhaupt noch geben würde", räumt Syring ein. Die Aktionäre der Gesellschaft, die im April 2000 an den Neuen Markt gegangen ist, haben mitgelitten. Das Halbjahresergebnis war im vergangenen Sommer so katastrophal schlecht ausgefallen, daß sich der Aktienkurs ein weiteres Mal um die Hälfte reduzierte und zum Jahresende ein Kurs von nur noch 2,73 Euro je Aktie notiert wurde. Auf diverse Entwicklungsprojekte und erfolglose Spiele wurden Abschreibungen von 7,2 Millionen Euro fällig; der Jahresfehlbetrag erreichte 11 (0,18) Millionen Euro. Syring begegnet der Entwicklung mit entwaffnender Ehrlichkeit: "Der Kursverlauf unserer Aktie ist beschämend, eine typische Neuer-Markt-Geschichte."
Vor allem das Jahr 2003 sei miserabel verlaufen, der Erlös aus dem Börsengang schließlich aufgebraucht gewesen. "Wir hatten erhebliche Liquiditätsprobleme und waren lediglich in der Lage, ein einziges Spiel mit akzeptablem Umsatz auf den Markt zu bringen." Die Folge: Der Jahresumsatz sank auf 15,4 (21,7) Millionen Euro und damit auf eine im Vergleich zu EA oder auch zu anderen internationalen Wettbewerbern wie Activision oder Take Two Interactive lächerlich niedrige Zahl.
Konzentration von CDV allein auf PC-Spiele
Der Größenvergleich spiegelt die Verhältnisse auf dem deutschen Markt für Computerspiele insgesamt wider. 20 Prozent der Unternehmen, meist Tochtergesellschaften ausländischer Anbieter, teilen sich 80 Prozent des Umsatzes. CDV gehört zur anderen Gruppe - und muß sich dort nun eine neue Perspektive schaffen. Das soll mit der Fokussierung auf die Kernkompetenz von CDV gelingen, dem Angebot sogenannter Echtzeit-Strategiespiele für den PC, die zumeist einen kriegerischen Hintergrund haben und deshalb martialische Titel wie "Blitzkrieg", "Panzers" oder "Cossacks" tragen. Konsolenspiele werden von CDV nicht mehr entwickelt, da die verfolgten Projekte keinen ausreichenden Erfolg versprachen. Damit entfällt allerdings auch eine Chance zum Risikoausgleich. CDV kann allein darauf hoffen, daß sich das Segement der hochpreisigen PC-Spiele, das vom Unternehmen vorrangig bedient wird, weiterhin erfreulicher entwickelt als der Rest dieses Marktes.
Zum Glück für CDV hat sich das erst in diesem Jahr veröffentlichte Spiel "Panzers" zu einem Verkaufserfolg entwickelt und sich nach den Worten von Syring allein in Deutschland in den ersten drei Wochen nach dem Verkaufsbeginn schon mehr als 60 000 mal verkauft. Damit hat sich CDV zunächst Luft verschafft; zudem haben die Restrukturierungsmaßnahmen dazu beigetragen, daß für das erste Quartal wieder ein Gewinn von 156 000 (Vorjahresfehlbetrag: 136 000) Euro ausgewiesen wird. Der Aktienkurs hat sich wieder auf rund 4,80 Euro erholt. Doch weiß Syring, daß er mit dem Eintritt bei CDV in einem Geschäft tätig ist, das von "Hits" lebt. Viele weitere Mißerfolge darf sich CDV nicht mehr leisten, die liquiden Mittel sind im Jahresvergleich der ersten Quartale von 3,9 auf 0,87 Millionen Euro gefallen. Noch etwas mehr Regen würde wohl nicht schaden.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
Jüngste Beiträge
Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?