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Christoph Bellmer Der Ausputzer

12.06.2006 ·  Er ist der Mann für heikle Fälle. Erst hat er Toll Collect vor der Katastrophe bewahrt, jetzt baut er Arena auf - ein Ingenieur an der Spitze eines Fußball-Senders. Das ist Sport als Mittel zum Zweck. Es geht gegen die Telekom. Das Ziel: die Bündelung von Fernsehen, Telefon und Internet.

Von Georg Meck
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Eine Sache ist klar. Und die kann Christoph Bellmer nicht oft genug wiederholen in diesen Tagen: „Bundesliga live über Kabel und Satellit gibt es nur bei uns." Uns - das heißt Arena, nicht bei Premiere, wo der Ball bisher rollte.

Christoph Bellmer ist Chef eines Senders, den bis vor kurzem niemand kannte, niemand kennen konnte, weil es ihn schlicht nicht gab. Die Kabelfirma Unity hat ihn erst voriges Jahr erfunden, um dem Pay-TV-Sender Premiere die Rechte an der Bundesliga abzuluchsen. Das ist gelungen. Im August startet die neue Saison. Bei Arena packen sie derweil noch die Kisten aus. "Wo soll dein Schreibtisch hin?" wird da diskutiert. Und die Branche fragt sich: Schaffen die das?

„Natürlich schaffen wir das", bekräftigt Geschäftsführer Bellmer. "Noch nie wurde in Deutschland so schnell ein Sender aufgebaut", sagt der drahtige Manager mit dem Kurzhaarschnitt. Vergangene Woche hat er die neuen Büroräume eingeweiht, als Untermieter beim ehemaligen New-Economy-Star EM.TV (den Witz, ob dessen Straucheln ein schlechtes Omen bedeutet, findet Bellmer mäßig lustig). Nur ein paar hundert Meter entfernt, im Münchner Medienvorort Unterföhring, sitzt Arenas Erzrivale Premiere.

Bis zuletzt hatte der dortige Chef Georg Kofler gehofft, Bellmers eilig zusammengestellte Mannschaft doch noch auszustechen. Irgendwie, und mit der Deutschen Telekom als Partner. Diese Idee hat sich gerade zerschlagen. Die Telekom tritt nicht in Konkurrenz zu Arena, so hat sie angekündigt. Sie beschränkt sich gegen Erhalt der Namensrechte an der Liga auf eine Übertragung über das erst noch auszubauende VDSL-Netz - vorerst keine wirkliche Alternative für den Fußball-Fan, „ein teures Nischenprodukt für die, die es sich leisten und empfangen können", wie Bellmer frohlockt.

Nicht noch draufhauen, wenn einer am Boden liegt

Die Premiere-Aktie ging nach dieser Entscheidung in die Knie. Nach Monaten der gegenseitigen Boshaftigkeiten und einstweiligen Verfügungen gibt man sich bei Arena jetzt großmütig. Nicht noch draufhauen, wenn einer am Boden liegt, heißt das unausgesprochene Motto. Wer nur Spielfilme gucken will, kann ja Premiere-Abonnent bleiben. Und irgendwie ist er auch ein netter Kerl, der Herr Kofler.

Der Premiere-Chef hat sich nur furchtbar verzockt. Er wollte mehr Exklusivität, das machte die Liga nicht mit und vergab die Rechte für mehr als 200 Millionen Euro pro Saison an Arena. Kofler bleibt so nur die Hoffnung, daß Bellmer patzt, daß der Kanal beim Fußball dunkel bleibt oder die Bilder wackeln, sich daraufhin der Volkszorn erhebt und die Liga reuig zu Premiere zurückkehrt - diese Hoffnung hat Kofler freilich exklusiv.

Aus Sicht der DFL ist die Sache gelaufen

Aus Sicht der DFL ist die Sache gelaufen. Arena hat genügend Profis für die Übertragungen verpflichtet, glauben die Bundesliga-Funktionäre. Und für die 200 Millionen Euro Lizenzgebühr bürgen namhafte Banken - und das ist dann doch das Wichtigste. Schließlich geht es um Fußball. Also um das große Geld.

Mit Arena tritt nicht nur ein neuer Sender auf. Erstmals liefert ein Anbieter - die Kabelgesellschaft Unity - nicht nur die Infrastruktur, sondern auch den Inhalt, Fußball bei Arena nämlich.

Dies hatten die Medienwächter immer zu verhindern versucht. Daß Arena trotzdem eine Sendelizenz erhalten hat, liegt daran, daß die Firma beteuert, eigenständig zu arbeiten, auch wenn sie zu 100 Prozent zu Unity gehört. Für die ist der Fußball Mittel zum Zweck. Damit attackiert die Kabelgesellschaft die Telekom beim Festnetz, damit erhofft sie sich den Durchbruch bei dem sogenannten Triple Play, der Bündelung von Fernsehen, Telefon und Internet.

Der Mann war noch nie beim Fernsehen

Mit diesem Hintergrund erklärt sich auch die Berufung des Ingenieurs Bellmer an die Spitze eines Fußball-Senders. Denn eigentlich sprechen zwei - nicht ganz unwichtige - Gründe dagegen: Der Mann war noch nie beim Fernsehen. Und er ist nicht das, was man einen eingefleischten Fußballfan nennt. Als Jugendlicher hat er zwar in der Mannschaft seiner Jungenschule mitgekickt, eine Zeitlang auch im Verein. Das war es dann aber mit seinen fußballerischen Ambitionen. Und die stammen aus der Zeit, als er die Haare noch als lange Mähne trug und mit seinen Kumpels eine Band gründete, um die Songs der Rolling Stones nachzuspielen.

Nach Abitur und Studium (Elektrotechnik in Hannover und München) hat er bei Jost Stollmanns Firma Compunet angeheuert, Schröders Kurzzeit-Schatten-Wirtschaftsminister im Jahr 1998, der heute in Australien lebt. Als das Unternehmen von General Electric übernommen wurde, wechselte Bellmer zunächst mit dorthin.

Auf den amerikanischen Konzern folgte ein Abstecher in das Imperium des schwedischen Industriellenclans Wallenberg. In deren Auftrag stattete Bellmer Start-ups mit Wagniskapital aus. Ein zähes Geschäft, wie er im Rückblick einräumt. Nachdem die New Economy beerdigt worden war, beschlossen die Schweden: Die Venture-Capital-Gesellschaft wird großenteils abgewickelt. Frisches Geld gibt es nicht mehr.

Einer der schwierigsten Jobs der deutschen Industrie

Bellmer wechselte in die vermeintliche Sicherheit eines Großkonzerns, zur Telekom-Tochter T-Systems, noch nicht ahnend, daß ihn dort einer der schwierigsten Jobs der deutschen Industrie erwartete: die Rettung der Maut.

Deren Start war mehrfach verschoben worden, das Konsortium aus Daimler-Chrysler und Telekom blamiert, die von dort entsandten Manager vor allem damit beschäftigt, dem jeweils anderen Lager die Schuld für das Debakel zuzuschieben. Das war die Situation, als Christoph Bellmer bei Toll Collect als Geschäftsführer antrat. Es gab nichts zu verlieren, positiv gesehen.

Das Risiko hat sich für ihn gelohnt. Er brachte Toll Collect zum Laufen, hat sich so den Ruf als Mann für die schwierigen Fälle verdient und schwärmt noch immer von der aufregenden Zeit in Berlin („Klasse Aufgabe, Spaß mit der Mannschaft").

Verglichen dazu ist der Start eines Fußball-Senders nicht gerade ein Kinderspiel, aber doch beherrschbar. Die Zutaten, Ball wie Kameras, sind schließlich bekannt - im Gegensatz zu den OBUs bei der Maut. „Wir haben es bei Arena mit einer erprobten Technologie zu tun. Zudem war die öffentliche Spannung damals größer als jetzt", sagt Bellmer. Eine Lehre vor allem hat er sich aus der Zeit bewahrt: Nie zuviel versprechen. Auch bei Arena werde zum Start nicht alles glattgehen. "Wir haben es mit einem komplexen Projekt und hohem Zeitdruck zu tun."

Was passiert mit Fußball-Fans außerhalb Hessens und Nordrhein-Westfalens?

In der Tat muß Bellmer ein paar Dinge schleunigst klären. Zum Beispiel die nicht unwichtige Frage, was mit Fußball-Fans außerhalb Hessens und Nordrhein-Westfalens passiert. Nach heutigem Stand ist Arena nur in diesen beiden Bundesländern über Kabel zu empfangen. Andernorts brauchen die Zuschauer eine Satellitenschüssel; oder der Arena-Chef ein Abkommen mit den restlichen Kabelbetreibern der Republik, allen voran mit Kabel Deutschland (auch einer der Nachbarn in Unterföhring).

Seit Monaten steht diese Vereinbarung angeblich kurz vor dem Abschluß, nur kam es dazu bisher nicht. „Ich habe überhaupt keinen Zweifel, daß wir uns einigen“, sagt Bellmer nun. „Beide Seiten haben ein Interesse an einer Kooperation.“ Und wann wird endlich unterschrieben? „In Kürze“, so die ultimative Auskunft. Der Vertrag hänge nur noch von den Beratungen in den Aufsichtsräten auf beiden Seiten ab.

Ein weiterer potentieller Engpaß sind die Boxen, die sich alle frisch überzeugten Arena-Kunden jetzt auf einen Schlag anschaffen müssen. Auch das ist kein Problem, glaubt man Bellmer. „Wir haben genügend logistische Reserven, um auch bei enormen Peaks zu liefern. Wenn aber viele bis zum 5. August mit der Bestellung warten, wird es eng.“ Eine Woche später beginnt schon die Saison.

Investoren kalkulieren mit 500.000 Arena-Fans

Eine halbe Million Fußball-Fans sollen bis dahin das Monats-Abo bei Arena bestellt haben. So kalkulieren die Investoren, die hinter der Muttergesellschaft Unity stehen und das Milliarden-Abenteuer Fußball finanzieren.

Bellmer selbst will keine Planzahl nennen, außer der 3,5 Millionen Kunden, die er in drei Jahren haben will. Der Mai sei jedenfalls „supergut“ gelaufen. „Bemerkenswert ist, daß viele unserer Kunden bisher kein Pay-TV hatten.“ Für 14,90 Euro im Monat bekommen die künftig Fußball. Fußball. Und sonst erst mal nichts.

Aus den Stadien verspricht Bellmer erstklassige Ware. „Wir wollen den Standard von Premiere übertreffen.“ Als Neuerung wird er eine Highlight-Sendung ausstrahlen, mit Publikum, eine Stunde nach Spielschluß, garantiertes Ende um 18.30 Uhr. „Danach ist alles gesagt und analysiert. Dann wird der Fan vom Fußball zur Familie entlassen.“

Der Mensch

Christoph Bellmer wurde 1963 in Hannover geboren. Nach Schülerband und Abitur an einem humanistischen Gymnasium studiert er in Hannover und München Elektrotechnik und Datenverarbeitung.

Seine Karriere startet er bei Jost Stollmann, zehn Jahre bleibt Bellmer bei dessen Firma Compunet. Nach deren Verkauf an General Electric wechselt er zunächst zu dem amerikanischen Konzern, um sich dann als Wagniskapitalgeber zu versuchen.

2003 geht er zur Deutschen Telekom, die ihn als Geschäftsführer zum Maut-Konsortium Toll Collect schickt. Nach getaner Arbeit lockt ihn die Kabelgesellschaft Unity, um den TV-Sender Arena aufzubauen.

Bellmer ist verheiratet, Vater zweier Kinder und außerdem Inhaber einer Berufspilotenlizenz: „Auf dem Rücken durch die Wolken fallen - es gibt nichts Vergleichbares.“

Das Unternehmen

Der Bezahlsender Arena überträgt vom Saisonstart 2006/07 an alle Spiele der Ersten und Zweiten Bundesliga live über Satellit und im Kabel. Dazu wurden an den Standorten Köln und München etwa 250 Mitarbeiter eingestellt.

Arena ist eine 100prozentige Tochterfirma der Unternehmensgruppe Unity Media (mit Sitz in Köln), hinter der wiederum mehrere Beteiligungsgesellschaften stehen. Zu Unity gehören der Kabelnetzbetreiber ish (Nordrhein-Westfalen), iesy (Hessen) und Tele Columbus. Zum 31. Dezember 2005 meldete Unity Media für ish und iesy rund 5,1 Millionen Kunden mit Kabelanschluß, davon 119 900 Digital-TV-Abonnenten, 34 600 Internetkunden und 13 200 Telefonkunden.

In das Abenteuer Fußball investiert Unity etwa eine Milliarde Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.06.2006, Nr. 23 / Seite 48
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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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