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Briefverkehr im Internet De-Mail für dich

 ·  Am Anfang war der E-Postbrief. Jetzt sollen sich Verbraucher für die rechtssichere De-Mail registrieren. Doch was bringt das? Das Verbraucherthema.

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Wir erinnern uns. Vor zwei Jahren hatten es alle auf einmal ganz eilig. Die Post hatte als erster Anbieter den rechtssicheren digitalen Brief für Privatkunden auf den Weg gebracht, den E-Postbrief. Viele wollten auf Zack sein und sicherten sich eine „gute“ persönliche Adresse. Wir sind damals auch in Hektik verfallen, haben die Kollegen und noch die halbe Verwandtschaft verrückt gemacht. Nicht nur die fragt sich heute: E-Postbrief - war da was? Drei belanglose Briefe der Post haben wir im Laufe von zwei Jahren empfangen.

Nun fordert uns die Deutsche Telekom, bei der wir Telefon-Kunde sind, auf, uns eine De-Mail-Adresse zu sichern, damit wir von zu Hause aus „sicher und bequem“ offizielle Post erledigen und uns in Zukunft „immer öfter“ den Gang zum Briefkasten sparen können. Die Telekom gehört neben der United-Internet-Tochter 1&1 (web.de, gmx.de) und dem Software-Unternehmen Mentana-Claimsoft (Francotyp Postalia) zu den Providern, die im Auftrag des Staates die Deutschland-(De-)Mail anbieten. Sie wittern einen zukunftsträchtigen Wachstumsmarkt. Die neue De-Mail soll nach dem Willen der Unternehmen mittelfristig den Versand von Briefen überflüssig machen. Auch die Deutsche Post wird Ende des Jahres mit einem De-Mail-Angebot nachziehen. Das hat auch einen anderen Grund: Der E-Postbrief entspricht nicht den Vorgaben für die rechtssichere elektronische Kommunikation, die Behörden einhalten müssen. Diese wurden erst nach dem Start des E-Postbriefes festgelegt.

Darum geht es: Verträge, Mahnungen, Behördenschreiben

Grundsätzlich geht es bei der sicheren digitalen Kommunikation um das Verschicken sensibler Dokumente wie Versicherungsverträge, Mahnungen und Behördenanträge über verschlüsselte Kommunikationskanäle. Bisher wurden solche Dokumente aus gutem Grund per Post verschickt, in vielen Fällen als Einschreiben, um den Erhalt eines Schriftstückes zu dokumentieren. Die klassische E-Mail eignet sich dafür nicht, da Inhalte auf dem Weg vom Absender zum Empfänger mitgelesen und verändert werden können.

“Mails sind offen wie eine Postkarte“, sagt Gerhard Landmann, der Leiter des Amtes für Informations- und Kommunikationstechnik der Stadt Frankfurt, die sich wie alle anderen Behörden nach dem E-Government-Gesetz auf die sichere elektronische Kommunikation einlassen muss. Es geht dabei um ein Einsparvolumen in Milliardenhöhe. Die Stadt Frankfurt hat sich noch nicht für einen Anbieter entschieden. „Wir sind noch bei der Auswahl“, sagt Landmann. So oder so könne der Verbraucher noch nicht viel mit dem digitalen Brief anfangen, meint der Amtsleiter. „Anwendung und Nutzen werden sich erst allmählich entwickeln.“

Kaum Angebote von Unternehmen und Behörden

Noch ist auch in Frankfurt Zukunftsmusik, was ein Post-Sprecher als konkrete Vorzüge des sicheren Briefverkehrs für Privatkunden nennt. Einen Schwerbehindertenausweis etwa kann der Bürger noch nicht per De-Mail bei der Stadt bestellen, ebenso keinen Bewohnerparkausweis beantragen oder eine Ausnahmegenehmigung für die Umweltzone.

Auch Unternehmen haben nur wenig zu bieten. Die Post hat mit einer Million E-Postbrief-Privatkunden die längste Erfahrung. Nach Angaben eines Sprechers machen rund 4000 Mittelständler und 150 Großunternehmen mit. Fragt man nach konkreten Angeboten, bleibt jedoch vieles im Vagen. Der ADAC prüfe noch die Einsatzmöglichkeiten, Globetrotter könne noch keinen Anwendungsfall für Privatkunden benennen, heißt es. Immerhin, die Schufa verschickt Bonitätsauskünfte über den E-Postbrief, und bei der Volksbank Mittelhessen können Privatkunden Verträge darüber abwickeln, etwa auch Freistellungsaufträge übermitteln.

Bringt das etwas? Freistellungsaufträge stellen wir als Online-Bankkunde seit vielen Jahren schnell und sicher über das Internet. Und Porto für den Antrag auf einen Bewohnerparkausweis müssten Frankfurter auch für die De-Mail zahlen, in einem Fall etwas mehr als im anderen. Der E-Postbrief kostet 55 Cent, die De-Mail bei Telekom und 1&1 39 Cent, wobei beide Anbieter monatlich drei bis fünf Gratis-De-Mails anbieten.

Lotto Hessen hat E-Postbrief eingestellt

Bleibt - abgesehen davon, dass der Verbraucher keine Briefumschläge mehr kaufen, keine Briefmarken mehr mit Spucke anfeuchten und keinen Briefkasten mehr ansteuern muss - das Argument, endlich Ordnung auf dem Schreibtisch zu bewahren. Dagegen könnte man freilich anführen, dass die Suche nach den Passwörtern für die vielen Logins inzwischen viel nervenaufreibender ist als das Abheften einer Rechnung auf Papier.

Anträge bei den Behörden zeichnen sich zudem nicht gerade durch Häufigkeit aus. „Jeder sollte mal für sich überlegen, wie oft er in den letzten zehn Jahren bei der Behörde war“, sagt Amtsleiter Landmann. Er ist überzeugt: „Die Angebote an den Bürger müssen stimmen. Was nützt es dem Privatmann, wenn ein Rechtsanwalt die Möglichkeit hat, elektronisch bei Gericht Klage einzureichen?“ Auch die elektronische Signatur habe sich nicht durchgesetzt, sagt der Fachmann, da zu teuer, zu wenig Anreiz und ohne adäquate Gegenleistung. „Das war ein Flop.“ Landmann hat vor zwei Monaten, wie er erzählt, einen elektronischen Personalausweis beantragt, „das volle Programm“, wie er sagt. Fazit: „Bisher habe ich den Ausweis noch nicht einmal einsetzen können.“ Drei Forderungen hat Landmann aus diesem Grund: Der digitale Brief muss handhabbar sein, der Preis muss stimmen, und es muss ein Nutzen dagegenstehen.

Fest steht derweil: Lotto Hessen hat den E-Postbrief in dieser Woche wieder eingestellt. 4000 Nutzer und einen durchschnittlichen Wochenumsatz von 13 000 Euro hatte die Treuhandgesellschaft nach eigenen Angaben erzielt. Das Verfahren sei zwar sehr sicher, habe sich aber nicht durchsetzen können, sagt eine Sprecherin. Zum Vergleich: Seitdem seit Juli das Vermitteln von Lotterien im Internet wieder offiziell erlaubt ist - hierbei wird das herkömmliche Schufa-Sicherheitsverfahren angewandt - sammelt Lotto Hessen jede Woche Umsätze in Höhe von 100 000 Euro ein.

Der digitale Brief

Sinn und Zweck: De-Mail und E-Postbrief sollen die Kommunikation zwischen Bürgern, Behörden und Wirtschaft verbessern. Die digitalen Briefe ermöglichen über verschlüsselte Kommunikationskanäle eine rechtlich und technisch sichere Übermittlung von Schreiben und Dokumenten.

Die Konkurrenten: Die Deutsche Post ist vorgeprescht und hat vor zwei Jahren den E-Postbrief eingeführt. Nur dieser lasse sich mit Zusatzfunktionen verknüpfen, hebt das Unternehmen hervor. Allerdings wird auch die Post zu Ende des Jahres die De-Mail zusätzlich zum E-Postbrief anbieten, da Behörden Briefe und Urkunden künftig rechtssicher nur per De-Mail versenden dürfen. Die Telekom gehört neben United Internet und dem Software-Unternehmen Mentana-Claimsoft zu den Providern, die die Deutschland-Mail im Auftrag des Staates anbieten.

Der Kunde und die Kosten: Verbraucher müssen sich für E-Postbrief und De-Mail online anmelden und eine Adresse sichern. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Voraussetzung ist die Identifizierung mit dem Personalausweis. Das Versenden eines E-Postbriefes kostet 55 Cent, die Telekom und United Internet verlangen 39 Cent. (hoff.)

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