Eric Nicoli war guter Dinge an die Cote D'Azur gekommen: „Das Wachstum der digitalen Musik wird schneller sein als die Verluste im CD-Geschäft, der Markt wird wieder größer“, verkündete der Vorstandschef des britischen Musikkonzerns EMI Anfang 2006 auf der Musikmesse Midem in Cannes. Dreizehn Monate später ist der Optimismus verflogen und der Zustand von Nicolis traditionsreicher EMI desolater denn je.
Dramatische Marktanteilsverluste haben die Briten zu zwei Gewinnwarnungen binnen zwei Monaten gezwungen, mehrere Topmanager mussten gehen. Vermeintlich verlässliche Umsatzbringer unter den EMI-Künstlern wie Robbie Williams, Depeche Mode und Moby enttäuschten mit den Verkaufszahlen ihrer aktuellen Alben. Um 15 Prozent werde der Tonträgerverkauf im EMI-Geschäftsjahr 2006/07 (31. März) wohl einbrechen, bekannte Nicoli Mitte Februar - ein Desaster.
Mehr als doppelt so viele CDs daheim gebrannt
Die Krise von EMI wirft ein Schlaglicht auf den Zustand der Musikbranche. Zwar schlugen sich andere Plattenkonzerne besser als die Briten. Marktführer Universal, eine Sparte des französischen Medienkonzerns Vivendi, etwa steigerte mit Musikern wie U2 und Nelly Furtado vergangenes Jahr seine Umsätze sogar leicht. Doch insgesamt ist es der Branche noch immer nicht gelungen, die seit acht Jahren andauernde Erosion der weltweiten CD-Verkäufe in ein nachhaltiges Wachstum umzukehren.
Der Weltverband der Musikindustrie Ifpi schätzt den Umsatzrückgang im Tonträgermarkt für 2006 auf weitere 3 Prozent. Seit Mitte der neunziger Jahre ist er damit bereits um ein Viertel geschrumpft. Es ist weiter das alte Lied: Immer weniger Musikfans wollen für Tonträger bezahlen. In Deutschland werden mehr als doppelt so viele CDs daheim selbst gebrannt als im Laden gekauft. Auch das Jahr 2007 begann für die Musikriesen alles andere als hoffnungsvoll.
Nach Schätzung des Marktforschungsinstituts Nielsen Soundscan gingen in den ersten Wochen des neuen Jahres in den Vereinigten Staaten, dem mit Abstand wichtigsten Musikmarkt der Welt, die CD-Umsätze gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent zurück. Der digitale Musikvertrieb für iPod und Multimedia-Handy als Hoffnungsträger der Branche legte zwar um fast zwei Drittel zu. Doch unter dem Strich blieb laut Soundscan ein Minus von etwa 9 Prozent.
Ohne den Digitalmarkt keine Zukunft mehr
Die Zahlen zeigen, dass der Optimismus von EMI-Chef Nicoli und vielen anderen Musikmanagern bisher enttäuscht wurde: Das Digitalgeschäft kann auch vier Jahre nachdem der Computerkonzern Apple mit seinem Online-Musikladen iTunes den Startschuss gab, die Lücken im wegbrechenden traditionellen CD-Geschäft noch nicht schließen. Die Ifpi schätzt zwar, dass sich der Anteil der Digitalumsätze am gesamten Musikmarkt 2006 weltweit fast verdoppelt hat. Doch noch immer stammen 90 Prozent der Tonträgererlöse aus dem CD-Verkauf. Auf der Ertragsseite dürfte die Abhängigkeit noch weit höher sein.
Die Musikkonzerne stecken weiterhin in einem schwierigen Übergangsprozess. Die Kernfrage lautet: Wie offensiv sollen die Musikmanager den digitalen Vertrieb forcieren? Skeptiker wie Michael Haentjes, Vorsitzender der Deutschen Phonoverbände, warnen davor, das CD-Geschäft angesichts seiner wirtschaftlich noch immer überragenden Bedeutung zu schnell abzuschreiben. Andererseits, darüber sind sich alle einig, hat die Industrie, ohne den Digitalmarkt zu entwickeln, wohl gar keine Zukunft mehr.
Kundenfreundliche Kopiermöglichkeiten
Wie umstritten viele Fragen der Digitalisierung noch immer sind, zeigten die vergangenen Wochen. Die Branche diskutierte heftig über den Sinn digitaler Kopiersperren. Das sogenannte Digital Rights Management (DRM) soll verhindern, dass ein online erworbenes Musikstück unrechtmäßig an andere Musikfans weitergegeben werden kann. Apple-Chef Steve Jobs, dessen Unternehmen Marktführer im Online-Musikvertrieb ist, forderte die Musikkonzerne Anfang Februar öffentlich zum Verzicht auf den Kopierschutz auf und rührte an ein Tabuthema. Nur kundenfreundliche Kopiermöglichkeiten brächten den Online-Vertrieb richtig in Gang, argumentierte Jobs.
Musikmanager halten dem Apple-Chef dagegen vor, er wolle mit dem Vorstoß nur davon ablenken, dass iTunes selbst seinen Kunden ein übermäßig restriktives DRM-System aufzwinge. Der Online-Marktführer ist wegen dieser Geschäftspraktiken bereits vor Monaten in die Kritik von Verbraucherschützern geraten.
Doch wird offenbar auch innerhalb der Musikindustrie der Sinn der Kopiersperren angezweifelt. EMI hat die Abschaffung bereits geprüft, bislang aber nicht vollzogen. Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Jupiter Research ergab im Februar, dass fast zwei Drittel der befragten Musikmanager erwarten, mit einem DRM-Verzicht den Downloadverkauf ankurbeln zu können.
CDs mit Kopierschutz
Der Streit um die digitalen Kopiersperren erinnert fatal an das jahrelange Hickhack um den Kopierschutz für CDs. Diese wenig kundenfreundliche Sicherheitsvorkehrung haben die Musikkonzerne jahrelang verteidigt - auch wenn die CDs dann etwa im Autoradio nicht funktionierten. Doch nach gravierenden technischen Pannen, schwerwiegenden Datenschutzproblemen und vielen Negativschlagzeilen hat die Branche schließlich eingelenkt. Die Musikkonzerne bringen CDs mit Kopierschutz mittlerweile nach eigenen Angaben nur noch sehr selektiv in den Handel.
Angesichts der ungewissen Zukunft für die Musikindustrie könnte sich auch die Marktstruktur weiter verändern. Bertelsmann verliert offenbar zunehmend das Interesse am Popstar-Geschäft. Zwar gehört den Güterslohern die Hälfte an Sony-BMG, der Nummer zwei der Branche. Doch vergangenen Sommer verkauften sie bereits ihre im Gegensatz zum Tonträgergeschäft stabile Musikverlagssparte an den Konkurrenten Universal.
Im Zentrum der Spekulationen stehen aber wieder einmal Warner Music und EMI. Schon viele Male haben beide wechselseitige und stets erfolglose Übernahmeversuche gestartet. Nun wittert Warner angesichts der EMI-Krise eine neue Chance. Auch Finanzinvestoren haben seit langem ein Auge auf den Londoner Musikriesen geworfen, der Musiklegenden wie die Beatles und die Rolling Stones vermarktet.
Übergang von der CD zum digitalen Vertrieb
Ein Haupthindernis für weitere Zusammenschlüsse in der Musikindustrie ist jedoch weiterhin das Kartellrecht. Zwar haben die Wettbewerbsbehörden vor zweieinhalb Jahren die Fusion der Bertelsmann Music Group (BMG) mit Sony Music erlaubt. Doch die Wettbewerbskommission der Europäischen Union muss auf Geheiß von EU-Richtern seit dem vergangenen Sommer den Zusammenschluss nochmals prüfen. Zwar rechnet kaum ein Beobachter damit, dass die Fusion am Ende rückabgewickelt werden muss. Doch solange die Brüsseler Wettbewerbshüter nicht entschieden haben, werden nach Einschätzung der meisten Analysten auch die Planspiele rund um EMI und Warner Music nicht konkreter werden, und die Prüfungsfrist läuft bis Anfang Juli.
Ob weitere Elefantenhochzeiten die Unternehmen voranbringen würden, ist ohnehin umstritten. Zwar könnten damit die Kosten weiter gesenkt werden, was angesichts der schwachen Marktentwicklung eine wichtige Entlastung wäre. Doch letztlich wird das Kernproblem der Branche, der schwierige Übergang von der CD zum digitalen Vertrieb, durch Fusionen nicht gelöst. Hinzu kommt, dass in der Musikindustrie, die von der Kreativität ihrer Mitarbeiter lebt, solche Zusammenschlüsse besonders heikel sind.
Das zeigt das Beispiel Sony-BMG. Rechnerisch war das neue Unternehmen zum Zeitpunkt der Fusion Weltmarktführer vor Universal Music. Die Zusammenführung beider Konzerne und die anschließenden Sparmaßnahmen kosteten den neuen Riesen allerdings erhebliche Marktanteile. Zuletzt war daher wieder Universal zum Branchenprimus anvanciert. Ermutigende Vorzeichen für Warner und EMI sind das nicht.