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Branchen (73): Telekommunikation Die Deutsche Telekom wird noch mehr Kunden verlieren

10.12.2006 ·  Bis zum Jahr 2015 wird die Zahl der Haushalte mit Breitbandanschluß in Deutschland auf 27 Millionen wachsen. Die reine Telefonie wird es von den Anbietern dann längst gratis dazugeben.

Von Holger Schmidt und Johannes Winkelhage
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Der Wettbewerb auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt ist in den vergangenen zwölf Monaten deutlich schärfer geworden. Wie heftig es hier inzwischen zugeht, das haben einige Top-Manager der Deutschen Telekom jetzt bitter erfahren: Der zaudernde Konzernchef Kai-Uwe Ricke und der glücklose Leiter der Festnetzsparte, Walter Raizner, mußten ihre Posten räumen, weil in diesem Jahr schon 1,5 Millionen Kunden in Deutschland ihren Telekom-Telefonanschluß gekündigt haben, um zu einem Wettbewerber zu wechseln.

Insgesamt hat die Telekom bisher rund 4,6 Millionen Anschlüsse verloren. Jetzt steht René Obermann, der neue Vorstandsvorsitzende der Telekom, vor dem gleichen Problem wie sein Vorgänger. Vor allem in den Ballungszentren wandern die Kunden weiterhin zu günstigeren Wettbewerbern ab, und die Telekom kann die eigenen Preise angesichts einer Kostenstruktur, die von hohen Personalaufwendungen geprägt ist, kaum ad hoc an das Niveau der Konkurrenz anpassen.

Die Konsolidierung ist in vollem Gange

Auslöser der Kundenwanderung ist vor allem das Internet: Die inzwischen wieder in den Konzern integrierte Tochtergesellschaft T-Online hatte vor fünf Jahren noch einen Anteil von etwa 90 Prozent am Markt für schnelle DSL-Internetanschlüsse. Dieser Markt wächst zwar rasant, aber bis heute ist der direkte Telekom-Anteil auf rund 40 Prozent gefallen. Und ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. Denn während der ehemalige Monopolist schwächelt, bündeln die Konkurrenten ihre Kräfte: Die Konsolidierung ist in vollem Gange.

Der Hamburger Anbieter Hansenet hat sich in diesem Jahr das Internet-Zugangsgeschäft von AOL einverleibt, und Arcor arbeitet inzwischen enger mit der Muttergesellschaft Vodafone zusammen. Gemeinsam mit United Internet und der Summe der Stadtnetzbetreiber stellen sie die Speerspitze der prosperierenden Telekom-Konkurrenten dar, die auch Ricke-Nachfolger Obermann das Leben schwermachen werden. Der harte Wettbewerb und die Regulierungspolitik werden unweigerlich zu weiteren Verlusten im Festnetzgeschäft führen, sagte Obermann in vergangenen Woche: „Wir können keine Wunder erwarten.“

Rund 20 Euro Preisvorteil im Monat

Damit ist das Internet gleichzeitig Wachstumstreiber auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt und das Hauptproblem der Telekom. Rund 14 Millionen Haushalte in Deutschland verfügen inzwischen über schnelle DSL-Internetanschlüsse. Bis zum Jahr 2010 wird die Zahl der Haushalte mit Breitbandanschluß auf 21 Millionen und bis 2015 auf 27 Millionen wachsen, schätzt die Bundesnetzagentur. Dann wären rund 70 Prozent der deutschen Haushalte an das Breitband-Internet angeschlossen.

Jahrelang hat T-Online die Strategie verfolgt, mit hohen Preisen möglichst hohe Umsätze mit den bestehenden Kunden zu generieren. Kunden, die rechnen konnten und mußten, haben sich daher der Konkurrenz zugewandt, die mit rund 20 Euro Preisvorteil im Monat bei vergleichbaren Produktbündeln aus Telefon- und DSL-Anschluß sowie Pauschaltarifen für DSL und Festnetztelefonie gelockt haben.

Marktanteil von 30 Prozent

Der Lockruf des Geldes hatte Erfolg: In den ersten drei Quartalen des Jahres haben sich 1,7 Millionen der insgesamt 2,7 Millionen neuen DSL-Haushalte gegen die Telekom und damit für einen Wettbewerber entschieden. Noch dramatischer für die Telekom ist aber der steigende Anteil der Unternehmen mit eigener Infrastruktur wie Arcor, Hansenet oder Versatel, die den gesamten Telefonanschluß von der Telekom für 10,65 Euro im Monat mieten, um den Kunden dann einen eigenen Anschluß inklusive den passenden Internetdienste zu verkaufen.

Hatten diese Unternehmen Ende 2004 nur knapp 14 Prozent Anteil an den DSL-Anschlüssen, ist dieser Wert bis Ende 2005 auf 24 Prozent und inzwischen auf rund 30 Prozent gestiegen, obwohl sie in den vielen ländlichen Gebieten gar nicht auf dem Markt aktiv sind. In den beiden vergangenen Quartalen haben diese Infrastrukturwettbewerber fast die Hälfte des Marktes auf sich vereint, der Anfang des Jahrzehnts noch fest in Telekom-Hand war.

Bündelangebote mit Pauschaltarifen

Erst seit Oktober steuert die Telekom konsequent gegen. Nach Angaben von Obermann zeige der bereits eingeläutete gemeinsame Marktangang von Festnetz und Mobilfunk in Deutschland erste Wirkung. Die „kräftige Nachfrage“ nach den im Herbst eingeführten neuen Tarifen zeige, „daß das Bild der in Scharen davonlaufenden Kunden schief und einseitig ist“, sagte Obermann. In der Tat hat die Telekom den Preisabstand zur Konkurrenz für das Bündel aus Festnetztelefonie und Internet auf etwa 10 Euro je Monat verringert, was zumindest einige Kunden von einer Abwanderung abgehalten hat.

Unterdessen wird das Geschäft mit den reinen Telefonminuten im Festnetz immer unwichtiger. In den vergangenen zwölf Monaten haben sich in den meisten Bündelangeboten Pauschaltarife von weniger als 10 Euro im Monat für alle Telefonate in das deutsche Festnetz durchgesetzt. Es ist schon heute absehbar, daß sich dieser Trend fortsetzen wird und die reine Telefonie bald nur noch als kostenlose Dreingabe zu den Breitbandanschlüssen angeboten wird.

Ausholen zum Gegenschlag

Dies allerdings setzt nicht nur die Telekom unter einen zusätzlichen Druck, da sie bisher an ihren relativ hohen Sprachtarifen noch gut verdient. Auch die Unternehmen, die sich allein auf den Minutenverkauf im sogenannten Call-by-Call spezialisiert haben, werden nach Ansicht von Marktbeobachtern in deutliche Schwierigkeiten geraten - und mittelfristig vom Markt verschwinden.

Aber nicht nur bei den Bündelangeboten, sondern auch in Sachen Breitband holt die Telekom inzwischen zum Gegenschlag aus. Für ihr neues VDSL-Netz, das einen ultraschnellen Zugang zum Internet oder auch zu digitalen Fernsehkanälen (IPTV) ermöglicht, hat sie bei der Bundesregierung „Regulierungsferien“ durchgesetzt, die inzwischen im neuen Telekommunikationsgesetz festgeschrieben sind. Mit diesem Netz hofft der Konzern - ohne Kontrolle durch die Bundesnetzagentur -, verlorene Kunden zurückgewinnen oder zumindest den Bestand zu sichern. Als Zugpferd dient ihr dabei die Fußball-Bundesliga, für die sie die Rechte der Internetausstrahlung erworben hat.

300.000 Verteilerstellen für das VDSL-Netz

Gegen die Freistellung von der Regulierung laufen allerdings die Wettbewerber des Konzerns Sturm. Sie wissen sehr genau, daß es ihnen ohne Zugang zu der Telekom-Infrastruktur kaum gelingen wird, ein ähnliches Produkt auf den Markt zu bringen, da sie jeweils selber die Straßen aufreißen und langfristig rund 300.000 Verteilerstellen für ein VDSL-Netz in Deutschland selber anschließen müßten.

Dies ist sowohl unter Kostenaspekten als auch aus städtebaulichen Gründen ein unmögliches Unterfangen. So wird die Telekom selber steuern können, wer zu welchem Preis auf ihr VDSL-Produkt zugreifen kann und sich dabei vor allem auf die Wiederverkäufer (Reseller) wie 1&1 konzentrieren.

Umstellung auf IP-Telefonie

Die Bedeutung der VDSL-Investition geht aber weit über den jetzt gestarteten ersten Bauabschnitt hinaus. Nach Einschätzung von Branchenkennern ist die zunächst geplante Anbindung der 50 größten deutschen Städte an dies Netz nur der Anfang. Hierfür gibt die Telekom etwas mehr als drei Milliarden Euro aus.

Parallel zu dieser Investition stellt der Konzern aber sein gesamtes Netz auf das Internet-Protokoll (IP) um. Dadurch verspricht sich die Telekom eine erhebliche Kostensenkung, da in einem IP-Netz Sprache und Daten auf derselben Leitung und mit demselben Protokoll transportiert werden. Dies ermöglicht eine deutlich bessere Auslastung der Kapazitäten. Bis spätestens zum Jahr 2012 soll das gesamte Netz der Telekom auf IP umgestellt sein - manche Beobachter glauben allerdings, daß diese Umstellung sehr viel früher vollzogen sein wird.

Quelle: F.A.Z., 11.12.2006, Nr. 288 / Seite 21
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