01.10.2006 · Nachdem der neue Eigentümer Benq das Aus der ehemaligen Siemens-Handysparte angekündigt hat, wehrt sich der deutsche Konzern gegen Vorwürfe einer Verschwörung. Über die rechtlichen Aspekte herrscht aber noch großes Durcheinander.
Von Joachim Herr, MünchenDie Hoffnung der Siemens-Vorstände, daß das unrühmliche Kapitel der Mobiltelefonfertigung ein für allemal abgeschlossen ist, hat sich jäh zerschlagen. Mit dem Insolvenzantrag von Benq Mobile am vergangenen Freitag rücken die Managementfehler, die zum Niedergang des Geschäfts geführt haben, und die hohen Verluste wieder in den Blickpunkt. Das Schlimmste an der Misere: Mehr als 3000 Arbeitsplätze in München, Kamp-Lintfort und Bocholt sind gefährdet. Politiker mehrerer Parteien und Gewerkschafter fordern deshalb von Siemens, für eine berufliche Zukunft der Frauen und Männer in der abgegebenen Mobilfunksparte zu sorgen. Der neue Eigentümer, der taiwanische Konzern Benq, steht zwar auch in der Kritik. Doch Taipeh ist weit weg. Wie soll das ferne Unternehmen für Arbeitsplätze hierzulande verantwortlich gemacht werden?
Siemens wird mit einer Verschwörungstheorie konfrontiert. Zusammengefaßt lautet sie: Das Unternehmen hat sein Handygeschäft im vergangenen Jahr an Benq abgegeben und den Taiwanern viele Millionen Euro gezahlt, damit sie die schmutzige Arbeit erledigen, nämlich die deutschen Werke zu schließen. Dank dieser „Abwrackprämie“ spare sich Siemens hohe Abfindungen und heftige Proteste.
Heilfroh, das leidige Geschäft losgeworden zu sein
Der Verdacht sorgt in dem Unternehmen für helle Aufregung. Angesichts der Debatte über 30 Prozent mehr Gehalt für die Vorstände und wegen des Umbaus und Stellenabbaus in der IT-Beratungssparte SBS ist die Unruhe derzeit ohnehin sehr groß. Raubtier-Kapitalismus wollen sich die Siemens-Manager, die für rund 160.000 Arbeitsplätze allein in Deutschland verantwortlich sind, nicht ankreiden lassen.
Nachfragen zum Mobilfunkgeschäft hat Vorstandsvorsitzender Klaus Kleinfeld in den vergangenen Monaten stets brüsk zurückgewiesen, mitunter ignoriert. Er war heilfroh, das leidige Geschäft losgeworden zu sein. Nun holt ihn die Vergangenheit ein, mehr noch seinen Vorgänger Heinrich von Pierer, jetzt Aufsichtsratsvorsitzender und als damaliger Konzernchef für die Misere mit den kleinen Telefonen verantwortlich.
Keine genauen Zahlen von Siemens
Die Empörung ist groß, zumal nun plötzlich mehr und mehr Details von Siemens zu erfahren sind. So sagte Finanzvorstand Joe Kaeser am Wochenende der Deutschen Presse-Agentur, eine Schließung des Mobiltelefongeschäfts hätte nach einer groben Schätzung alles in allem 250 Millionen bis 300 Millionen Euro gekostet. Die Abgabe der Sparte an Benq war jedoch viel teurer. Eine genaue Zahl gibt es von Siemens nicht, da zwischen Werten vor und nach Steuern, in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung des Unternehmens und als Zahlung an Benq unterschieden werden müsse. Außerdem stehen zwei Raten noch aus: 50 Millionen Euro an die deutsche Gesellschaft Benq Mobile und 117 Millionen Euro an Benq in Taiwan.
In dem im Dezember 2005 veröffentlichten Geschäftsbericht von Siemens war jedenfalls ein Verlust aus der Abgabe der Mobilfunksparte von 546 Millionen Euro vor Steuern festgehalten worden, deutlich mehr, als Siemens zuvor angekündigt hatte. 413 Millionen Euro wurden davon direkt Benq zugeordnet. Die Taiwaner haben den größten Teil in den vergangenen Monaten bekommen: vor allem für das Marketing, für die Verlagerung der Produktplattform von Taiwan in das Werk nach Kamp-Lintfort, zur Absicherung gegen mögliche Patentstreitigkeiten und für den Aufbau eines europäischen Logistikzentrums in Kamp-Lintfort.
Geld für deutsche Tochter sollte nach Taiwan fließen
Die Zahlung der letzten zwei Raten von zusammen 167 Millionen Euro steht für Oktober und Dezember noch aus. In den vergangenen Wochen hatte sich Benq um eine vorgezogene Überweisung des Geldes bemüht, wie Siemens am Wochenende berichtete. Dazu wäre das Unternehmen auch bereit gewesen. Allerdings habe Benq verlangt, daß auch der für die deutsche Tochtergesellschaft veranschlagte Betrag an die Zentrale in Taiwan fließe. Nun prüfen die Münchner, die sich an ihre Vereinbarung halten wollen, wohin die Millionen gezahlt werden. Überhaupt herrscht noch großes Durcheinander um viel Geld, Rechte, Patente und Unternehmensstrukturen. Am Freitag hatte ein Sprecher von Benq Mobile berichtet, sämtliche Rechte und Patente seien schon im vergangenen Jahr der Muttergesellschaft in Taiwan übertragen worden.
Martin Prager, der vorläufige Insolvenzverwalter, stellte am Wochenende die Sache jedoch anders dar. Einen Teil der Rechte besitze das deutsche Mobiltelefonunternehmen, sagte er. Prager muß das Geflecht in den nächsten Tagen aber erst entwirren, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Junges und frisches Image gesucht
Auf die Kosten und die Marke stützt Siemens die Argumente gegen den Verdacht, die Schließung des Mobilfunkgeschäfts mit Benq im vergangenen Jahr ausgehandelt zu haben. Benq darf fünf Jahre lang den Namen Siemens für die Mobiltelefone nutzen. „Wir haben denen doch nicht die Marke gegeben, damit sie ein Jahr später das Deutschland-Geschäft schließen“, sagte ein Siemens-Sprecher am Sonntag empört. Das Unternehmen behält sich rechtliche Schritte vor.
Auf dem Höhepunkt des Mobiltelefongeschäfts um die Jahrtausendwende hatte die Marke Siemens noch von den Mobiltelefonen profitiert. Sie gaben dem schwerfälligen Investitionsgüterkonzern ein junges und frisches Image. Pierer ließ in Pressekonferenzen keine Gelegenheit aus, sich mit den kleinen Geräten fotografieren zu lassen und für sie zu werben. Doch der Nachfragerückgang und besonders eine Reihe von Managementfehlern machten aus dem Vorzeigegeschäft eine riesige Verlustquelle.
Motorola wollte sofort deutsche Arbeitsplätze abbauen
Siemens verpaßte es immer wieder, mit dem richtigen Mobiltelefon zur richtigen Zeit auf den Markt zu kommen. Pierer und wenig später sein Nachfolger Kleinfeld, der im Januar 2005 an die Vorstandsspitze rückte, mußten erkennen, daß der Konzern die Schwierigkeiten in dem schnellebigen und von Modetrends getriebenen Geschäft nicht in den Griff bekam. Ein Käufer mußte gefunden werden. Die Suche und die Verhandlungen dauerten lange. Heute beteuert Siemens, die anderen Interessenten - der amerikanische Konkurrent Motorola gehörte dazu - hätten weniger Geld als Benq bekommen, aber sofort viele Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut. Ob dagegen mit Benq langfristige Arbeitsplatzzusagen schriftlich vereinbart worden sind, war von Siemens noch nicht zu erfahren. Das Vertragswerk wird nochmals durchforstet.
Die am 7. Juni 2005 bekanntgegebene Vereinbarung mit Benq feierten beide Konzernchefs, Kleinfeld und Kuen-Yao Lee, als ideale Ergänzung von Käufer und Verkäufer. „Benq, bisher sehr stark in Asien, erhält so Zugang zu den europäischen und lateinamerikanischen Märkten, wo wir führende Positionen einnehmen“, sagte Kleinfeld. Lee sah sich dem Ziel, mit Benq zu den größten Mobiltelefonherstellern der Welt aufzuschließen, ein erhebliches Stück näher gekommen. Doch nun haben die Taiwaner ihre Basis in Europa aufgegeben. Und Siemens steht vor dem Scherbenhaufen.
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Dirk Nickel (Teddy0123)
- 02.10.2006, 02:14 Uhr
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