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Big Data : Die Macht des Zufalls

  • -Aktualisiert am

Gekühlter Serverraum: Kein modernes Orakel von Delphi. Bild: AP

Big Data macht fast alles rechenbar, aber deswegen den Lauf der Dinge nicht vorhersagbar. Auch im Informationszeitalter bleibt es eine Kunst, die Zeichen der Zeit zu lesen.

          Vor einigen Jahren bestieg der Finne Lauri sein Fahrrad und bog in die Schnellstraße ein, ohne im dichten Schneetreiben den Lastzug zu bemerken. Lauri wurde von ihm erfasst und war sofort tot. Ein bisschen mehr als eine Stunde später starb sein Zwilling – auf die gleiche Weise. An einen tragischen Zufall wollte die Familie nicht glauben. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas zufällig passiere, sagte die Schwester, existiere gar nicht.

          Vielleicht hätte sie Aristoteles lesen sollen. „Es ist wahrscheinlich“, stellte der fest, „dass das Unwahrscheinliche geschieht.“ Was sich wie eine der Paradoxien aus dem alten Griechenland anhört, könnte als Leitmotiv des 21. Jahrhunderts taugen – dabei konnte Aristoteles kaum ahnen, wie unglaublich das Unwahrscheinliche in einer global vernetzten Welt ausfallen kann.

          In der globalisierten Wirtschaftswelt hängt über ungezählte Menschen-, Verkehrs-, Geld-, Medien-, Daten- und Rohstoffströme alles mit allem zusammen. Diese unvorstellbar vernetzte Welt wandelt sich durch innere und äußere Einflüsse so schnell wie nie zuvor.

          „Deshalb sieht der Zufall nach Ordnung aus“

          Wirtschaft und Gesellschaft waren zwar schon immer diffizile Systeme aus Milliarden von Menschen, deren einzelne Handlungen und Reaktionen unmöglich vorhersehbar waren. Mag ein Einzelereignis geplant oder Zufall sein, so kann man doch im Kollektiv, also mit dem Gesetz der großen Zahlen, vielfältige Muster und Gesetzmäßigkeiten beobachten und messen. Der Psychologe Daniel Kahneman von der Universität Princeton erhielt für die Erkenntnis den Wirtschaftsnobelpreis. „Wir sind dafür geschaffen, Muster zu sehen. Deshalb sieht der Zufall für uns nach Ordnung aus“, sagte er und ergänzte: Wir könnten nicht zugeben, „dass gewisse Dinge grundsätzlich nicht durchschaubar sind“.

          In der Tat: Politik und Wirtschaft werden immer vielschichtiger, und für komplexe Systeme gilt, dass zufällige, kleine Unterschiede zu Beginn eines Prozesses über alles andere entscheiden können. Die Globalisierung führt nicht nur zu einer Vernetzung der Wirtschaft, sondern auch zu einer Ausweitung und Verdichtung von politischen und sozialen Netzwerken sowie zu einer Verbreitung von Ideen auf der ganzen Erde.

          Am Anfang des Wettbewerbs steht oft der Zufall. Die Entdeckung des ersten Antibiotikums begann mit einer verschimmelten Bakterienkultur. Viagra wurde entdeckt, weil Männer ein Herzmedikament in der Testphase nicht mehr absetzen wollten. Manchmal entscheiden mehr oder weniger zufällige Startvorteile eines Unternehmens darüber, wer später Marktführer wird.

          Auch Big Data hat viele Variablen

          Die gesellschaftliche Debatte über die computergesteuerte Welt und den mathematisierten Menschen ist im vollen Gange. Internetkonzerne, Versicherungen, Banken und andere Unternehmen, aber auch die Politik versuchen, so gut es geht, den Zufall auszumerzen und Wahrscheinlichkeiten auszurechnen. In Sekundenbruchteilen handeln Computer Aktien aufgrund eines Algorithmus, der zeigt, wo sich das nächste Investment lohnen könnte. Alle möglichen Unternehmen versuchen mit Kundendaten herauszufinden, was der Trend und Markt von morgen sein könnte.

          Doch trotz Big Data, des Sammelns und Auswertens unvorstellbar großer Datenmengen, scheitern viele Strategien dann doch an der Wirklichkeit. Die Finanzkrise 2008 hat kaum jemand vorausgesehen, obwohl Banken in ihren Risikomodellen riesige Mengen an Daten verarbeiteten. Seit Jahren steigen an turbulenten Finanzmärkten die Ausschläge, oft gibt es abrupte Diskontinuitäten, die dann wieder verschwinden.

          Wie bei Erdbeben und Hurrikans lassen sich keine exakten Voraussagen treffen. Auch die hochkomplexen Klimamodelle können die Welt nicht abbilden, sondern müssen vermutete Wirkungszusammenhänge radikal vereinfachen. Selbst die Prognosen zum Wirtschaftswachstum, zum Dollar, oder zum Ölpreis wurden kaum treffsicherer, weil immer mehr Variablen eine, vielleicht entscheidende, nicht vorhersehbare Rolle spielen können. Aus einer bipolaren Welt ist eine multipolare geworden, wo Wirtschaft, Politik, Religion, Demographie, Umwelt sich immer stärker gegenseitig beeinflussen.

          Noah-Effekt: Erkennen wann die Flut kommt

          In Computersimulationen, die der leitende Forscher bei Microsoft, Duncan Watts, durchgeführt hat, um die Entwicklung von Pop-Songs zu vergleichen, zeigt sich, dass trotz gleicher Ausgangsbedingungen niemand vorhersagen kann, welche Lieder unter den Top Five landen. Die Globalisierung ist schuld. Durch soziale Netzwerke werden die Leute für Regierungen, Institutionen und Herrscher zu einem unberechenbaren Faktor.

          Facebook, Twitter, Blogs und Foren befeuerten die Umbrüche in der arabischen Welt, die neuen Medien wurden zum Mittel der Selbstermächtigung. Eine Schülerin beschwerte sich jüngst über Twitter über ihre mangelnde Schulbildung in Finanzfragen – und löste eine politische Debatte aus.

          Big Data macht fast alles rechenbar, aber deswegen den Lauf der Dinge nicht vorhersagbar. Auch im Informationszeitalter bleibt es eine Kunst, die Zeichen der Zeit zu lesen. Der polnische Mathematiker Benoît Mandelbrot nennt dies den Noah-Effekt. Wie auch immer die Einsicht des alttestamentarischen Noah zustande kam: Er war auf die Sintflut vorbereitet.

          Quelle: F.A.Z.

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