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Asien : Chinas Telekommunikationsmarkt boomt

Chinesische Telekommunikationsfirmen drängen an die Börse. Die chinesischen Handy-Hersteller verdrängen sogar die etablierten Anbieter Motorola, Siemens und Nokia vom heimischen Markt.

          Im kommenden Frühjahr will das Telekommunikationsunternehmen China Network Communications Group in Hongkong und New York an die Börse gehen. Die vierte Erstnotiz eines chinesischen Telefonkonzerns dürfte 2 bis 3 Milliarden Dollar einbringen. Die Führungsriege von China Netcom und Investmentbanker an der Wall Street haben schon in der vorvergangenen Woche in New York über Details verhandelt. Davon gibt es viele im chinesischen Telefonmarkt: Bis heute ist er geprägt von staatlichen Eingriffen, von Umorganisation und hohen Wachstumsraten.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Staat ordnet Pressenkung an

          Beispiel Regulierungen: Peking hat 2001 den Telefongesellschaften vorgeschrieben, die Preise für Ferngespräche um gut 70 Prozent zu senken. Die Regierung hat dem Telefonmarkt großes Augenmerk gewidmet. Nach hohen Investitionen umfaßt das Netz inzwischen alle Städte und 90 Prozent des riesigen Hinterlandes. Allein 2,4 Millionen Kilometer Glasfaserkabel wurden verlegt. Offiziellen chinesischen Angaben zufolge ist der Umsatz des Gesamtmarktes bis Ende Oktober um 14,5 Prozent, der Wert der Investitionen um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Peking vermeldet stolz, daß mit rund 500 Millionen Telefonnutzern in China etwa ein Fünftel aller Telefonnutzer der Welt im Reich der Mitte sitze - auch wenn diese Rechnung Mobilfunk und Festnetz addiert, ohne Überschneidungen zu berücksichtigen.

          Chinesen verdrängen Motorola, Siemens und Nokia

          Kein Wunder, daß die Berater von Skillnet zu einem positiven Schluß kommen: "Die Entwicklung des Telekom-Marktes in China konnte auch von der Lungenkrankheit Sars nicht beeinträchtigt werden. Das Marktvolumen soll in den kommenden drei Jahren mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von etwa 16 Prozent von derzeit 55,6 Milliarden Dollar auf rund 90 Milliarden Dollar steigen." Allerdings stagnierten die Investitionen, nachdem sie im vergangenen Jahr um fast 18 Prozent gesunken sind. Drastisch war der Verfall des Marktanteils der ausländischen Hersteller im Mobilfunkbereich: Standen Motorola, Siemens oder Nokia im ersten Halbjahr 2002 noch für 70 Prozent des chinesischen Marktes, haben in den ersten sechs Monaten 2003 Bird, TCL und die übrigen Chinesen gut 66 Prozent erobert. Die Ausländer waren zu teuer und boten dem Markt die falschen Modelle an.

          Nur auf den ersten Blick erscheint die Struktur des Marktes einfach. Insgesamt gibt es derzeit sieben Telefongesellschaften in China - allerdings sind zwei davon marktbeherrschend (China Telecommunications Corp. mit seinem Tochterunternehmen China Mobile Communications Co. Ltd.). Gemeinsam standen sie im vergangenen Jahr für etwa 70 Prozent des Marktes, wobei ihr Anteil von Jahr zu Jahr dank der staatlich geförderten Konkurrenz schmilzt. Neben diesem Duo ist mit China Unicom (12 Prozent Marktanteil) nur ein weiteres Telekom-Unternehmen börsennotiert. Börsenaspirant China Netcom (16 Prozent) ist der zweitgrößte Festnetzanbieter jenseits der Chinesischen Mauer und auch dank staatlicher Geburtshilfe entstanden: Dank der Verschmelzung der nördlichen Einzugsgebiete von China Telecom mit dem kleineren Anbieter Netcom entstand ein Wettbewerber zum Marktführer und Exmonopolisten.

          Ausländische Anbieter haben zwar vereinzelt Gemeinschaftsunternehmen mit den Chinesen gegründet, stehen insgesamt aber noch vor verschlossenen Toren. Bis spätestens 2006 aber will - und muß aufgrund der Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation - China sich weiter öffnen und sollte dann Ausländern in Gesamtchina zumindest die Möglichkeit eines Telekom-Gemeinschaftsunternehmens mit 50-Prozent-Anteil bieten.

          Das Festnetz dürfte seinen Umsatz von rund 22 Milliarden Dollar (2002) auf gut 35 Milliarden Dollar 2006 steigern - Treiber ist das Internet. Ende Oktober lag die Zahl der Festnetzanschlüsse bei 255 Millionen und damit 40 Millionen über dem Wert des Vorjahres. Sie dürfte bis 2006 auf mindestens 342 Millionen Nutzer ansteigen. Von geringerer Basis aus holen die kleinen Unternehmen auf: Während Marktführer China Telecom im vergangenen Jahr nur noch um 7,6 Prozent wachsen konnte, legten etwa China Satellite (plus 36 Prozent), China Railcom (34) und China Unicom (12) wesentlich stärker zu. Für alle Anbieter aber gilt: Die Tage der hohen Margen scheinen gezählt, da die Neukunden eher dem preisbewußten Segment zuzurechnen sind. So geht das Ringen der Telefongesellschaften weniger um Marktanteile als darum, zahlungskräftige "High-End-Kunden", wie etwa Firmen, zu gewinnen, um die Margen zu verbessern. Beispiel China Mobile: Auch wenn die Zahl ihrer Premium-Kunden nur ein Fünftel der Gesamtzahl ausmacht, bringen sie 60 Prozent des Umsatzes.

          So wichtig die Festnetzanbieter in China sind und bleiben, wichtiger ist inzwischen der Mobilmarkt. Ende November lag dessen Teilnehmerzahl mit 263 Millionen Nutzern über der Zahl der Festnetzteilnehmer - ein Zuwachs von 58 Millionen in den ersten elf Monaten gegenüber dem gleichen Zeitraum 2002. China Mobile Ltd. und China Unicom Ltd. prägen den Markt. Gemessen an der Zahl seiner 137,1 Millionen Nutzer, ist China Mobile inzwischen der größte Mobilfunkanbieter der Erde. Allein im Oktober kamen weitere 2,1 Millionen Kunden hinzu - Zuwächse, von denen Vodafone nur träumen kann. Rivale China Unicom zählt derzeit 77 Millionen Vertragskunden und konnte im Oktober weitere 2 Millionen Neukunden gewinnen. Die Industrie rechnet damit, daß der Mobilmarkt 2007 die Grenze von einer halben Milliarde Teilnehmer sprengen und damit einen Umsatz von mehr als 60 Milliarden Dollar generieren wird. Zur Zeit liegt die Marktdurchdringung erst bei 20 Prozent. Gesättigte Märkte verfügen aber über eine Durchdringung von bis zu 80 Prozent.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2004, Nr. 1 / Seite 17

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