26.01.2010 · Es könnte eine Revolution sein - oder nur ein weiteres Apple-Produkt: Steve Jobs wird am Mittwochabend in San Francisco wahrscheinlich einen Tablet-Computer präsentieren. Viele haben darauf gewartet und zuvor spekuliert. Wir tun es ein letztes Mal.
Von Marco DettweilerNein, wir wissen nicht, was Jobs am Mittwochabend im Yerba Buena Center for the Arts Theater enthüllen wird. Ja, wir beteiligen uns an den Spekulationen. Warum? Weil wir hippen Technik-Journalisten Apple lieben und Aktien besitzen? Nein. Weil Steve Jobs in dieser Woche wieder einmal eine Revolution präsentieren wird? Vielleicht. Es muss nicht so kommen, aber es kann. Das iPhone war eine Revolution. Der Tablet-Computer könnte es auch werden.
Steve Jobs selbst hat die Latte sehr hoch gelegt. Das Technologie-Blog TechCrunch zitiert den Apple-Chef mit den Worten, das neue Produkt sei „das Wichtigste, was ich bisher gemacht habe“. Und in einer Pressemitteilung lässt sich Jobs zitieren: „Die neuen Produkte, die wir in diesem Jahr präsentieren werden, sind sehr gut. Wir starten in dieser Woche mit einem neuen wichtigen Produkt, was uns wirklich begeistert.“ Genug Gründe also, um sich über das bevorstehende Event im Vorfeld ein paar Gedanken zu machen.
Ballmers Blamage
Eines vorneweg: Ein technisch revolutionäres Gerät muss nicht zwingend ein Produkt sein, dessen Merkmale und Funktionen allesamt neu sind und die es vorher nicht gab. Das iPhone hat den Mobilfunkmarkt revolutioniert. Das dürfte niemand bezweifeln. Dass es davor Smartphones gab, die ähnliche Hard- und Softwaremerkmale aufweisen konnte, sollte ebenso niemand bezweifeln. Weil das Besondere am iPhone häufig reduziert wird auf das Touch-Display, laden solche Behauptungen die Kritiker dazu ein, haufenweise Produkte zu nennen, die das schon lange können, was das iPhone jetzt erst kann.
Apple kann es sich nicht leisten, ein Produkt zu präsentieren, das mittelmäßig ist. Steve Ballmer hat diesen Fehler Anfang Januar auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas gemacht, als er schneller sein wollte als sein Konkurrent Jobs und eine Prototypenfamilie namens Slate präsentierte. Die Vorstellung des Microsoft-Chefs verpasste nur knapp die Peinlichkeitsfalle. Ballmer wirkte hilflos, weil weder der im Hintergrund mächtig aufgeblasene Trailer von Hewlett-Packard noch die wenige Minuten dauernde Produktpräsentation nur annähernd beweisen konnten, dass da wirklich gerade ein innovatives Gerät in die schöne digitale Welt geboren wird.
„One more thing“
Möglicherweise steht uns diese Geburt am Mittwochabend bevor. Sicher ist, dass Steve Jobs wieder wie der Heiland auftreten wird. Er wird nicht an semantischen Superlativen sparen, auch wenn er den Tablet-PC wahrscheinlich mit der gewohnten Understatement-Rhetorik „One more thing“ einführen wird. Es wurde schon so viel in Blogs und Medien über das unbekannte Apple-Objekt geschrieben, dass sich die Informationen in drei Kategorien einteilen lassen. Bei der Namensspekulation liegt „iSlate“ ganz vorne; ebenfalls nett, aber eher unwahrscheinlich sind „MagicSlate“, „iPad“, „iGuide“, „Flat Mac“ oder „iTablet“. Überhaupt taugt „Tablet-PC“, der Ausdruck, auf den sich die Fachwelt schon vorab geeinigt hat, kaum als Gattungsbegriff. Schließlich hat Apple noch nie einen PC präsentiert.
Am meisten wird indes über die zweite Kategorie spekuliert, die Ausstattung. Weitgehend Einigkeit besteht über das Display: etwa zehn Zoll groß soll es sein und durch Fingergesten bedient werden können. Das Gehäuse dürfte eine Mischung aus iPhone und iMac sein. Die Glasscheibe könnte also von einem dünnen Alurand gehalten werden, der leicht abgerundet zur Rückseite übergeht. Mehr als An- und Ausschalter, Eingang fürs Netzgerät und USB-Buchse dürfte die Schlichtheit des Äußeren nicht stören. Selbstredend sind ein schneller Prozessor, eine Wlan- und Bluetooth-Schnittstelle sowie ein UMTS-Modul. Die Auflösung des Displays könnte HD-Qualität haben. Eine Videokamera dürfte auch an Bord sein. Aber für wen? Und wozu?
Wer ist die Zielgruppe?
Am spannendsten dürfte deshalb die dritte Kategorie sein: Anwendung und Zielgruppe. Wenn Steve Jobs den iSlate, iPad oder was auch immer auf der Bühne präsentiert, wird das Publikum mutmaßlich noch nicht ins Staunen kommen. Beim MacBook Air war das noch anders, als das ehemals „dünnste Notebook der Welt“ aus einem DIN-A4-Umschlag gezaubert wurde und allein das Äußere eine Überraschung war. Dieses Mal werden die Zuschauer den Wert des Produktes wohl erst realisieren, wenn Jobs das Zusammenspiel von Hard- und Software vorführt.
Doch wie könnte dieses aussehen? In der Computer- und Smartphonebranche wurden - unter anderem auch von Apple - in letzter Zeit einige Lücken in der Palette der mobilen Produkte geschlossen und zudem die Auswahl in den einzelnen Gattungen erhöht. Kunden können - in der Regel zu akzeptierbaren Preisen - zwischen Smartphones, Netbooks, kleinen und leistungsstarken Notebooks und E-Book-Readern wählen. Längst findet sich auf dem Markt für jeden Bedarf und Geschmack ein mobiler Computer, der technisch hinreichend ausgereift ist. Wie kann ein Tablet-Computer von Apple da noch eine Revolution auslösen?
Die Lösung ist bekannt. Apple muss abermals auf einem Gebiet punkten, das die Kunden an dem Unternehmen so sehr schätzen: Lifestyle. Jobs muss abermals den Das-muss-ich-haben-Effekt erzeugen. Beim iPhone ist ihm das gelungen, beim MacBook Air aber schon deutlich weniger. iPods will nach wie vor jeder haben - auch wenn es genügend gleichwertige MP3-Player gibt. Auch iMacs überzeugen nach wie vor - als stylische All-in-one-Computer. Architekturbüros, Werbeagenturen, Designläden und Möbelfetischisten, denen der PC als digitale Dienstleistungsmaschine nicht genügt und die ein ästhetisches Objekt auf ihren Schreibtischen sehen wollen, besorgen sich in aller Regel einen iMac.
Jobs „one last thing“ könnte nun ein Computer sein, der sich mit geschmeidiger und glänzender Erscheinung aufdrängt, um mit aufs Sofa, ins Bett, in den Zug oder in Konferenzen mitgenommen zu werden. Der iSlate wäre dann immer da, wo man ihn braucht: Auf dem Sofa werden die E-Mails gecheckt, im Bett wird ein Film geschaut, im Zug werden Präsentationen verfeinert oder Spiele gezockt, in der Gesprächsrunde wird der fehlende Partner per Videokonferenz zugeschaltet.
Mehrere Produktgattungen vereinigen
Das gibt es schon? Klar, es gibt Notebooks, mit denen man mailen, surfen, videochatten und Filme schauen kann. Und ja, es gibt bereits Smartphones, mit denen die Besitzer die meisten Computeranwendungen ausführen können. Doch beide Gattungen haben Schwächen und Stärken. Die komfortable Größe des Notebooks wird zur Schwäche, wenn es handlich zugehen soll. Die Handlichkeit des iPhones wiederum wird zum Nachteil, wenn man ausgiebig surfen oder längere Mails schreiben will. Eines brauchen alle diese Produkte überdies in jedem Fall: entweder ein Wlan-Netz oder eine UMTS-Verbindung.
Vielleicht versucht Apple mit seiner neuesten Innovation die Stärken mehrerer Produktgattungen zu vereinen. Doch das allein würde noch nicht ausreichen, um die hochgelegte Latte zu überspringen. Jobs muss deshalb Features präsentieren, die man so nicht kennt. Ein verbessertes Multi-Touch-Display etwa, das weit mehr Fingergesten akzeptiert als die bisher bekannten wie Blättern, Auswählen oder Zoomen. Dazu müsste Apple seine Software - vielleicht die vom iPhone - anpassen. Malen auf dem Display müsste genauso einfach von der Hand gehen wie auf einem Blatt Papier. Die Bewegung von Icons müsste leichter zu bewerkstelligen sein als mit der Maus. Auch spezielle Spiele sind vorstellbar, die auf dem iPod Touch oder auf einer mobilen Playstation an den Grenzen des kleinen Displays scheitern.
„Come see our latest creation“
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Steve Jobs mit seinem „iSlate“ gleich auch das passende Geschäftsmodell mit aus dem Hut zaubert. Der iTunes-Store mit seinen Apps für das iPhone sowie Musik und Filmen für sämtliche Apple-Produkte ist ein Umsatztreiber des Unternehmens. Jobs wird sein neues Produkt deshalb ziemlich sicher in den iTunes-Store eingebunden haben. Womöglich wird es dort dann sogar Produkte geben, die in anderer (analoger) Form längst existieren: Zeitschriften und Zeitungen.
In Zusammenhang mit Apples Tablet-Computer wurde immer wieder die Hoffung der Verlagsbranche erwähnt, mit einer neuen Hardware zugleich neue journalistische Produkte verkaufen zu können. Von einer Kooperation zwischen Apple und der New York Times war die Rede. Laut Wall Street Journal gab es kürzlich auch Gespräche mit mehreren Buch-, Magazin- und Zeitungsverlagen wie Condé Nast oder HarperCollins Publishers. Zeitungen und Zeitschriften könnten dann als Ergänzung zu dynamischen Online-Portalen als tägliches oder wöchentliches Produkt in digitaler Form erscheinen - kostenpflichtig und multimedial. Im Netz kursiert ein Youtube-Video, wo eine Spezialfassung von Sports Illustrated zu sehen ist: eine Art PDF-File mit Videos, Audios und Bilderstrecken. Der Leser kann darin Notizen machen, Stellen markieren und diese direkt per Mail verschicken. Wie könnte das bei Apple noch besser aussehen?
Vielleicht. Vermutlich. Wahrscheinlich: Keiner weiß, was Steve Jobs am Mittwochabend präsentieren wird. Wir kennen nur das Motto des Event: „Come see our latest creation“. Wir werden sehen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,18 | +0,58% |
| EUR/USD | 1,3256 | +0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 118,31 $ | +0,35% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |