Amazon ist ein Phänomen. Der größte Onlinehändler der Welt wird an der Börse mit einem auf den ersten Blick exorbitanten Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 300 bewertet, muss aber mit hauchdünnen Margen auskommen, schüttet keine Dividende aus und hat auch keine mehrstellige Milliarden-Dollar-Summe Geld auf der Bank.
So gesehen ist auch der Elektronikkonzern Apple ein Phänomen: Das wertvollste Unternehmen der Welt hat gerade mal ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16, mehr als 27 Milliarden Dollar auf der Bank - und zahlt auch eine Dividende. Beide Unternehmen stellen in diesen Tagen neue elektronische Geräte vor: Apple in der kommenden Woche das schon lange erwartete iPhone 5, Amazon präsentierte am Donnerstagabend das neue Kindle Fire.
Dass aber Apple Inc. an der Börse in den vergangenen Jahren einen eindrucksvollen Lauf hatte, ist jedermann spätestens seit dem Tod des früheren Vorstandsvorsitzenden Steve Jobs am 5. Oktober des vergangenen Jahres bekannt. Allein für die vergangenen zwölf Monate steht dort ein Kursplus von fast 75 Prozent zu Buche.
Anders bei Amazon Inc.: Auch dort hat sich der Aktienkurs in den Jahren von 2009 bis heute zwar von Kursen unterhalb von 50 Dollar auf fast 250 Dollar in etwa verfünffacht, aber dieser Aufstieg bleib weitgehend unbemerkt. Und wer darüber stolpert und erstaunt auf den Kurszuwachs hinweist, bekommt die Hinweise, die Amazon schon seit seiner Gründung beziehungsweise seinem Börsengang begleiten.
Mit Pessimismus lag man bei Amazon meist daneben
Diese Hinweise kreisen immer um denselben Punkt - und richten sich nach den klassischen Bewertungsmaßstäben, womit in der Regel das exorbitante Kurs-Gewinn-Verhältnis gemeint ist. Tatsächlich liegt diese Zahl selbst mit Blick auf die Ergebnisse, die für Amazon im kommenden Jahr prognostiziert werden, noch bei 100 - im Vergleich wird nicht nur Apple zu einem Schnäppchen, sondern auch das an der Börse derzeit so unbeliebte Social-Media-Unternehmen Facebook.
Doch die Skepsis ist nicht neu; und wer auf Pessimismus gesetzt hat, lag bei Amazon bisher auf längere Sicht immer daneben. Das gilt auch für einen Leser, der im Jahr 2002 zu einem Text über Amazon schrieb: „Ich behaupte, spätestens im zweiten Quartal 2003 wird über eine Insolvenz von Amazon spekuliert.“ Eine Insolvenz von Amazon konnte man seinerzeit vermuten, wenn man unterstellte, dass das Unternehmen unter seinen langfristigen Verbindlichkeiten von damals rund 2,26 Milliarden Dollar zusammenbrechen würde.
Zinsanstieg könnte Amazon das Genick brechen
Um die Zinsen auf diese Verbindlichkeiten zu zahlen, musste Amazon in jedem Quartal rund 35 Millionen Dollar an seine Gläubiger überweisen. Wer dann noch glaubte, dass es Amazon zu der Zeit nur deshalb vergleichsweise gut ging, weil auch damals die Zinsen niedrig waren, konnte tatsächlich auf den düsteren Gedanken kommen, dass ein Zinsanstieg Amazon sehr schnell das Genick brechen könnte.
Dementsprechend waren damals rund 52 Millionen Aktien von Amazon „leerverkauft“, das heißt, die Papiere wurden von Anlegern zu einem festen Preis auf Termin zum Verkauf gestellt. Die Verkäufer besitzen bei einer solchen Konstruktion die Aktien aber gar nicht, sie hoffen nur darauf, die Papiere in der Zukunft zu einem niedrigeren Preis einsammeln zu können, als sie in ihrem Termingeschäft als Verkaufspreis vereinbart haben. Aber die Wette war überhaupt keine gute Idee.
Die wichtigste Zahl ist der Cash-flow
Fest steht nur, dass das Unternehmen seit seiner Gründung von den Anlegern an der Börse mit zu vielen Emotionen begleitet wird. Dabei ließe sich alles ganz nüchtern betrachten: Der Amazon-Gründer und Vorstandsvorsitzende Jeff Bezos betont seit dem Börsengang seines Unternehmens wieder und wieder, dass die wichtigste Zahl zur Beurteilung des langfristigen Bestands seines Unternehmens der Mittelzufluss (Cash-flow) sei. „Das ist der einzige Maßstab dessen, was bei uns wirklich passiert“, sagt er.
Zudem sei der Cash-flow leicht verständlich: „Du nimmst einfach dein Bankguthaben am Jahresende und ziehst es vom Bankguthaben am Jahresanfang ab“, erklärte Bezos schon früh den Kern der tatsächlich etwas komplizierteren Kennzahl. Bezos glaubte stets - und bewies bisher -, dass ein positiver Cash-flow Amazon helfen wird, alle Belastungen zu überstehen.
Die Börse belohnt Unternehmen wie Amazon
Im Jahresdurchschnitt erfreut sich Amazon derzeit über einen positiven Cash-flow von 3 Milliarden Dollar - und für kurzfristige Sicherheit sorgt ein Bestand an liquiden Mitteln von knapp 5 Milliarden Dollar. So geht Amazon nicht unter - und seine Bewertung zeigt nur, dass die Börse Unternehmen, die permanent in ihr eigenes Wachstum investieren, noch stärker belohnt als solche, die auf hohen Barmitteln sitzen und außer eine Dividendenzahlung ihren Aktionären wenig zurückgeben.
So können sich die Apple-Aktionäre über ihre Dividende und ebenfalls über sehr stark steigende Kurse freuen; wäre ihr Vorzeigeunternehmen aber so bewertet wie Amazon, würde die Apple-Aktie zu Kursen von rund 13.000 Dollar notieren.