11.06.2010 · Andreas von Bechtolsheim hat einen der ersten Schecks über 100.000 Dollar für Google ausgestellt, Sun mitbegründet und schon wieder eine tolle Idee. Längst gehört er zu den reichsten Menschen der Welt. Doch viele Menschen in Deutschland haben noch nie etwas von ihm gehört.
Von Carsten KnopAndreas von Bechtolsheim ist Jahrgang 1955, aber er hat in seinem Wesen noch immer etwas von "Jugend forscht". Der Deutsche, den man mit Ausnahme der Gründer von SAP als einzigen Landsmann in eine Reihe mit den prominentesten Vätern amerikanischer Informationstechnologie-(IT-)Konzerne stellen kann, ist grau geworden; die Falten um seine Augen zeugen von mancher beinahe durchgearbeiteten Nacht. Aber der jugendliche Drang, etwas Neues zu erforschen und dann auf einen gewinnbringenden Weg zu bringen, ist Bechtolsheim erhalten geblieben.
Technische Entwicklungen üben auf ihn noch immer die Faszination aus, die sie im Idealfall auf Ingenieursstudenten haben sollten. So wird Bechtolsheim schon durch viele IT-Labore gelaufen sein, aber wenn er in diesen Tagen in Frankfurt-Niederrad durch die entsprechende Einrichtung des Netzwerk-Systemintegrators Xantaro spaziert, ist für ihn noch immer jede der blinkenden Rechnerboxen interessant. Hier fühlt sich der große, in der Haltung schlaksige Mann offensichtlich wohl: Denn Bechtolsheim kann die Welt der IT so ganzheitlich erfassen wie kaum ein anderer. Während andere Moore's Law, also die Beobachtung, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise alle zwei Jahre verdoppelt, nur noch als Selbstverständlichkeit hinnehmen, kann sich Bechtolsheim darüber begeistern wie ein Mensch, der zum ersten Mal einen Computer anfasst.
Wenn die Rede darauf kommt, lächelt er verschmitzt, dreht sein Macbook Pro zum Gesprächspartner herum, tippt ein paar Zeilen in die Suchmaske und ruft eine Powerpoint-Präsentation mit dem entsprechenden Schaubild auf: "Im Jahr 2022 wird es Prozessoren mit 1000 Rechenkernen geben", sagt Bechtolsheim dann. Derzeit freuen sich Anwender, wenn sie mit vier Kernen bedient werden.
Schon die erste Boomphase des Internets hat er genutzt
Seine Finger kreisen über das Display: entsprechend werde die Speicherfähigkeit von Chips steigen, der Datendurchsatz und so weiter. Aber es sind nicht die Zahlen, die Bechtolsheim antreiben, sondern die Möglichkeiten, die sich aus solchen fortlaufenden Technologiesprüngen ergeben. Immer wieder erschließen diese Entwicklungen neue Märkte. Und Bechtolsheim hat es in den vergangenen Jahrzehnten wie kaum ein anderer geschafft, zu erkennen, wann solche Fortschritte Fenster für neue Produkte öffnen.
Interessant ist, dass viele Menschen in Deutschland über Bechtolsheim trotz seiner zahlreichen Erfolge noch nie etwas gehört haben. Dabei hat er im Alter von nur 25 Jahren das amerikanische Unternehmen Sun Microsystems mitbegründet, das die Netzwerkrechner (Server) für die erste Boomphase des Internets gebaut hat und erst jüngst vom Softwarehersteller und SAP-Konkurrenten Oracle übernommen worden ist. Er hat viele Jahre in leitenden Funktionen für den Netzwerkspezialisten Cisco gearbeitet, immer wieder junge Unternehmen finanziert und auch selbst gegründet.
Google hat er früh gefördert
Zu den von Bechtolsheim früh geförderten Neugründungen zählt unter anderem der Internetkonzern Google: Einen der allerersten Schecks über 100.000 Dollar hat Bechtolsheim ausgeschrieben und den Kontakt zu weiteren Kapitalgebern vermittelt. Das war nicht zu seinem Schaden. Längst gehört Bechtolsheim zu den reichsten Menschen der Welt.
Als klar war, dass Sun von Oracle gekauft würde, hat er dem Unternehmen in diesem Jahr - und damit in seinem Leben schon das zweite Mal - den Rücken gekehrt und wieder ein Start-up unter seine Fittiche genommen. Es handelt sich um einen Anbieter von Computern, die helfen, den Verkehr in großen Datennetzen zu verbinden und zügig fließen zu lassen, in der Fachwelt Switches genannt. Das Unternehmen heißt Arista und hat seit April einen Switch im Angebot, über den die Fachwelt begeistert ist. "Das Gerät verbraucht zwischen einem Drittel und einem Zehntel weniger Strom als vergleichbare Konkurrenzprodukte und kostet in der Anschaffung nur ein Zehntel", verspricht Bechtolsheim - und seine deutschen Partner von Xantaro bestätigen das. Wieder setzt Bechtolsheim auf eine technologische Entwicklung, die bis vor kurzem auf diesem Markt so nicht zur Verfügung stand: "Wir verwenden Standardkomponenten bis hin zu den Chips. Das macht unsere Rechner schneller und billiger, und wir profitieren vom Wettbewerb unter den Chiplieferanten." Etablierte Konkurrenten wie Cisco oder Juniper hingegen setzten zu häufig auf selbstentwickelte und oft schon ältere Technologien. Sie hätten es deshalb schwer, Technologiesprünge in ihrem bestehenden Produktangebot nachzuvollziehen. Hinzu komme ein Imageproblem: "Sie möchten einen Mercedes nicht zum Preis eines VW verkaufen." Wobei Bechtolsheim keinen Zweifel daran lässt, dass sein Arista-VW in diesem Fall genauso viel leistet wie der Mercedes.
Die Ära „Cloud Computing“
Mit dem Switch will Bechtolsheim für die neue Ära des sogenannten "Cloud Computing" gerüstet sein, also die Zeit, in der Unternehmen immer mehr Daten außerhalb ihrer eigenen Computer in Rechenzentren speichern und verarbeiten, die von dritten Unternehmen betrieben werden. Das nennt man Datenwolke; es soll die Kosten für die IT senken und den Umgang mit den Daten selbst effizienter machen. Deshalb müssen auch die dafür eingesetzten Geräte zum einen leistungsfähiger, zum anderen preiswerter werden, weshalb der Arista-Switch von der "New York Times" als "Switch für das Google-Zeitalter" bezeichnet worden ist. Google ist eines der Unternehmen, das am stärksten auf die Kraft der Datenwolke setzt.
Geld für Arista braucht Bechtolsheim nicht mehr, lässt er Wagniskapitalgeber wissen, die bei ihm anklopfen. "Mein Partner und ich stellen die Finanzierung bereit, im übrigen arbeitet Arista schon heute profitabel." Zu den ersten Kunden gehören amerikanische Regierungsstellen, Universitäten, neu gegründete Internetunternehmen und, natürlich, Google.
Den Wettbewerb "Jugend forscht" übrigens hat Bechtolsheim schon 1974 gewonnen, an der deutschen Universität hielt es ihn wegen der mangelnden Computerausrüstung später nicht lange. Er studierte in Pittsburgh und Stanford, wo er Scott McNealy und die anderen Sun-Mitbegründer kennenlernte. Deutschland habe in der IT-Welt viel verpasst, sagt Bechtolsheim. Doch gebe es immer neue Chancen, rund um die "Cloud" zum Beispiel, aber auch im Rahmen von Steuerungssoftware für Fertigungsmaschinen - und wenn es gelinge, in Europa noch mehr bürokratische Hemmnisse abzubauen.
Dass es in dieser Branche stetig vorwärtsgeht, steht für ihn trotz aller (Finanz-)Krisen außer Zweifel. "Das Geld für den Fortschritt in der IT wird es immer geben, denn nur wer investiert, hält das notwendige Tempo." Es sei zudem auch unproblematisch, wenn Banker Computer untereinander handeln ließen und sich einen Kampf um den schnellsten und besten Algorithmus lieferten. "Wo ist das Problem, wenn dabei alle auf der Basis desselben Informationsstandes handeln?", fragt Bechtolsheim. Wer im Kampf um Millisekunden vorne liegt, darf von ihm aus gerne dafür belohnt werden, denn es ist das Glück des Tüchtigen - und damit auch Bechtolsheims Glück.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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