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Am Ziel wird abgerechnet Bahn führt Handy-Ticket deutschlandweit ein

16.08.2011 ·  Das Handy soll die Geldbörse überflüssig machen. Die Deutsche Bahn führt Anfang November das Handy-Ticket in ganz Deutschland ein. Die sogenannte NFC-Technik steckt aber noch in den Anfängen.

Von Holger Schmidt
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Die Deutsche Bahn ist Spitze in einer Disziplin, die ihr kaum jemand zugetraut hätte. Im jährlichen Gartner "Hype-Cycle" der aktuell angesagtesten Technologie-Trends steht "NFC Zahlungen" ganz oben auf der Kurve, was das maximale Maß an Aufgeregtheit um eine Technik darstellt. Besitzer eines Smartphones mit der Nahfunktechnik NFC können künftig ihre Rechnungen quasi im Vorbeigehen bezahlen, zum Beispiel im Supermarkt, oder bald auch ihr Zugticket. Denn genau diese Technik wird die Bahn zum 1. November in ganz Deutschland einführen. "Touch & Travel" heißt das System, mit dem alle Fernbahnhöfe bis zum November ausgerüstet sein werden.

Vor dem Einstieg in den Zug können sich Reisende mit ihrem Smartphone dort an- und am Zielort wieder abmelden. Das System berechnet dann die gefahrenen Kilometer und bucht den Ticketpreis vom zuvor hinterlegten Bankkonto ab. Der größte Vorteil: Wenn - idealerweise - auch die öffentlichen Personennahverkehre in den Städten mitmachen, können Reisende künftig ohne lästiges Ticketlösen kreuz und quer durch die Republik fahren. "In Deutschland ist es für den Kunden noch nicht einfach möglich, mit einem Ticket eine geschlossene Mobilitätskette abzubilden. Touch & Travel kann den öffentlichen Personenverkehr attraktiver machen, weil Zugangshemmnisse abgebaut werden", sagt Birgit Wirth, die beim Personenverkehr der Bahn für Innovationsprojekte und damit Touch & Travel verantwortlich ist.

„Wir haben ein Henne-Ei-Problem“

Die NFC-Technik ist zwar nicht ganz neu, aber bisher wenig verbreitet, so dass nicht einmal Apples aktuelles iPhone 4 die Technik an Bord hat. "Wir haben ein Henne-Ei-Problem: Ohne attraktive Anwendungen gibt es auch keine Nachfrage für die Technik. Aber ich wage die Prognose, dass spätestens 2014/2015 ein großer Anteil der Geräte im Markt damit ausgerüstet ist, wenn es zwei bis drei wichtige Anwendungen gibt. Der Markt ist reif dafür", hofft Wirth. Um jetzt schon genügend Menschen anzusprechen, fährt die Bahn zweigleisig. Die Bahn-Apps nutzen Satellitentechnik und die Ortungsfunktion der Smartphones, um den Standort des Zugfahrers zu ermitteln. Der Ticketpreis errechnet sich dann mit Hilfe der Funkzellen, die der Bahnfahrer auf einer Reise durchfährt. Wenn auch das nicht funktioniert, gibt es noch die Möglichkeiten, einen Barcode zu scannen oder die jeweiligen Touchpoint-Nummern abzutippen, um den Ein- und Ausstiegsbahnhof zu ermitteln. Die gewonnenen Daten sollen ausschließlich genutzt werden, um den Ticketpreis zu ermitteln, und später auch in einer externen Gesellschaft gespeichert werden, damit sie nicht in die Hände der Bahn gelangen.

Wer mitmachen möchte, muss sich zuvor bei der Bahn registrieren, seine Kontoverbindung hinterlegen und eine Bonitätsprüfung über sich ergehen lassen. Abgebucht wird dann per Lastschrift. Allerdings beschränkt sich der Vorteil für die Reisenden weitgehend auf den Verzicht auf das Ticketlösen. Billiger ist das elektronische Ticket nicht; es kann lediglich die normalen Bahncard-Rabatte berücksichtigen. Immerhin: Wer einen Tag in einem Tarifgebiet hin und her fährt, bekommt das günstigere Tagesticket statt der Einzelfahrten in Rechnung gestellt. Im Fernverkehr sind aber keine Rabatte möglich, denn Sondertarife müssen nach deutschem Tarifrecht allen Kunden angeboten werden - ob sie nun das passende Smartphone haben oder nicht.

Touch & Travel ist vorläufig auf Netze von Telekom und Vodafone beschränkt

Noch gibt es für das System einige Beschränkungen: Die Apps existieren bisher nur für Smartphones mit den Betriebssystemen von Apple und Google (Android). Touch & Travel ist vorläufig auf die Mobilfunknetze der Deutschen Telekom und Vodafone beschränkt. "Das System ist aber offen für andere Provider", sagt Wirth. Auch die Zahl der Nahverkehre in den Städten ist noch überschaubar: In der aktuellen Pilotphase ist nur der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg an das System angeschlossen. Weitere der 70 Verkehrsverbünde in Deutschland können und sollen mitmachen, auch wenn der Nutzen im Nahverkehr beschränkt ist, denn dort spielen Monatskarten eine viel wichtigere Rolle als Einzelfahrten.

Die Bahn könnte mit ihrem Projekt den mobilen Zahlsystemen zum Durchbruch verhelfen. Im Vergleich zu ähnlichen Verkehrsprojekten in anderen Ländern, die meist mit Chipkarten arbeiten, soll das offene System der Bahn kundenfreundlicher sein. "Kunden können die Verkehrsmittel jederzeit betreten. Eine Kontrolle der Chipkarte ist nicht erforderlich", sagt Nicole Göbel vom Beratungsunternehmen Accenture, die an dem Projekt beteiligt war.

An mobilen Zahlsystemen arbeiten inzwischen viele Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen: Google, die Ebay-Tochtergesellschaft Paypal, die Betreiber der Mobilfunknetze und die Kreditkartengesellschaften. Noch fehlen aber genügend attraktive Einsatzgebiete, was die Nachfrage noch beschränkt.

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