In den vergangenen beiden Wochen überraschte Microsoft mit Nachrichten, die demonstrieren sollten, dass der Softwarekonzern den Kampf mit Apple und Google um die geschäftliche Zukunft nicht verloren gibt. Erst die Präsentation des innovativen Tabletcomputers Surface, dann die Vorstellung einer modernisierten Version des mobilen Betriebssystems Windows Phone, schließlich der Kauf des sozialen Netzwerks Yammer alias „Facebook für den Arbeitsplatz“. Und jetzt das: 6,2 Milliarden Dollar muss der Konzern in seiner Online-Service-Sparte abschreiben – eine Summe, die den Gewinn des kommenden Quartals komplett auffressen dürfte.
Damit haben Fehler der Vergangenheit das Unternehmen eingeholt. 6,2 Milliarden, das entspricht in etwa der Summe, die Microsoft für den Kauf des Online-Werbeunternehmens Aquantive eingesetzt hat. 2007 wurde diese Firma für 6,3 Milliarden Dollar übernommen. Es war nach dem Kauf des Telefondiensts Skype die bislang zweitteuerste Übernahme des Windows-Konzerns überhaupt.
Heute ist Aquantive kaum mehr etwas wert, wie die Abschreibung zeigt. Das Unternehmen biete weiterhin Werkzeuge für Microsofts Online-Werbebestrebungen, formulierte das Management zwar, hielt aber mit seiner generellen Enttäuschung nicht hinterm Berg: Die Akquisition habe das Wachstum nicht in dem Maße befördert, wie man erwartet habe.
Hinter dem Milliardendebakel steckt eine Mischung aus Torschlusspanik, falscher Markteinschätzung und unterlassenen Investitionen. Vor fünf Jahren sah sich Microsoft genötigt, einen Fuß in das seinerzeit als sehr aussichtsreich eingeschätzte Internet-Display-Werbegeschäft zu bekommen. Werbe- und Technologiefirmen gingen damals auf breiter Front auf Einkaufstour. Zu den prominentesten Käufern gehörte Google, das für gerade 3,1 Milliarden Dollar Doubleclick kaufte. Zu den späten Käufern gehörte Microsoft, das für das ähnlich gestrickte Unternehmen Aquantive einen Aufschlag von 85 Prozent auf dessen Aktienkurs zahlte.
Mehr Investitionen wären nötig gewesen
Das war viel Geld – und danach hielt sich der Finanzfluss, so kritisieren Fachleute heute, in Grenzen. Investitionen wären schon deshalb nötig gewesen, weil sich der Markt in dieser Zeit gewandelt hat. Nicht mehr die wahllos verteilten Werbeanzeigen sind heute im Internet gefragt, sondern auf den individuellen Nutzer passgenau zugeschnittene Online-Reklame. Eine Disziplin, in der Konkurrent Google mit Doubleclick durchgestartet ist, im Gegensatz zu Microsoft.
Die Milliardenabschreibung demonstriert, dass das Online-Geschäft für Microsoft eine gefährliche Schwachstelle ist und bleibt. Die Suchmaschine Bing hat zwar an Marktanteilen gewonnen, doch gegen Googles Marktmacht kommt sie längst nicht an. Insgesamt ist in der Online-Service-Sparte in den vergangenen neun Monaten ein operativer Verlust von rund 1,45 Milliarden Dollar aufgelaufen. Im Vorjahreszeitraum hatte sich das Minus sogar auf mehr als 1,9 Milliarden Dollar summiert. Diese Verluste scheinen im Vergleich zum Neun-Monats-Konzerngewinn von 17,5 Milliarden Dollar nicht der Rede wert. Aber wer vermag im schnelllebigen Internet-Zeitalter schon mit Sicherheit zu sagen, dass das dicke Geschäft mit Windows und Office auch übermorgen noch so glänzend läuft wie heute?