07.01.2008 · Mit den Worten „das ist meine letzte Rede“ hat Microsoft-Mitgründer Bill Gates in Las Vegas seinen offiziellen Ausstand aus der Software-Branche gefeiert - mit einem Stück Melancholie und mit viel Humor. Natürlich rief er auch ein neues digitales Zeitalter aus. Wieder einmal.
Von Roland Lindner und Raymond Wisemann, Las VegasIn einer Rolle ist die lebende Computerlegende Bill Gates noch nicht aufgefallen: in der des Inszenierungskünstlers. Der Gründer des weltgrößten Softwarekonzerns war am Sonntagabend bei der CES in Las Vegas wie üblich der Eröffnungsredner. Doch diesmal lag darin eine besondere Symbolik, denn es sollte die letzte CES-Rede von Gates sein, bevor er sich im Juli aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft zurückzieht und sich auf seine wohltätige Stiftung konzentriert.
Wahrscheinlich hatten viele Besucher erwartet, dass Gates diese Zäsur weitgehend unterschlägt und sich auf seine üblichen Visionen von der Computer- und Elektronikwelt der Zukunft beschränkt - passend zu seinem etwas vergeistigten und linkischen Image in der Öffentlichkeit.
Ein Stück Komik und ein Stück Melancholie
Aber ganz im Gegenteil: Bill Gates kostete den Anlass aus, ja, er badete geradezu darin. Erst führte er das Publikum mit vermeintlicher Nachdenklichkeit in die Irre, als er sagte: „Es wird das erste Mal sein, dass ich nicht mehr jeden Tag für Microsoft arbeite, seit ich 17 Jahre alt bin. Ich frage mich, wie mein letzter Arbeitstag aussehen wird.“
Und dann überraschte er mit einem urkomischen Videofilm, in dem er sich selbst aufs Korn nahm. Das Video zeigt Gates, wie er an seinem letzten Arbeitstag plötzlich die aberwitzigsten Ambitionen hegt, weil er nicht loslassen kann. Ein wahrer Aufmarsch an hochkarätiger Prominenz ist darin zu sehen: Gates ruft bei den beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Barack Obama an und drängt sich ihnen als möglicher Vizepräsident auf. Beide wimmeln ihn ab. Ebenso wenig Erfolg hat er beim Sänger Bono, den er um einen Platz in dessen Rockband U2 anfleht. Mit dem Rapper Jay-Z nimmt Gates ein Lied auf und singt die schrägsten Töne ins Mikrofon. Den muskelgestählten Schauspieler Matthew McConaughey engagiert er als Fitnesstrainer (“Bin ich schon so weit, dass ich mein T-Shirt ausziehen kann?“, fragt Gates einen kopfschüttelnden McConaughey). Außerdem erscheinen der Schauspieler George Clooney, der Regisseur Steven Spielberg und der Komiker Jon Stewart. Am Ende des Clips verlässt Gates das Bürogebäude und steigt in einen alten Ford Focus, nicht ohne in seiner Zerstreutheit seinen Karton mit Habseligkeiten auf dem Autodach zu vergessen.
„Der Übergang läuft sehr gut“
Viel Beifall gab es für Gates und seinen Film. Anders als auf der Leinwand wird Gates auch nach seinem Rückzug von Microsoft nicht krampfhaft nach Beschäftigungen suchen müssen: Seine Stiftung, die er zusammen mit seiner Frau Melinda betreibt, ist eine gigantische Organisation. Mit einem Vermögen von fast 38 Milliarden Dollar ist sie die größte Privatstiftung der Welt. Gates wird sich auch nicht vollständig von Microsoft lösen und das Amt als Verwaltungsratsvorsitzender (Chairman) behalten. Daneben wird er auch in einzelne Projekte von Software eingebunden sein, „etwa wenn es darum geht, wie Software eingesetzt werden kann, um Ausbildung und Gesundheitswesen auf der ganzen Welt voranzubringen“. Erziehung und die Bekämpfung von Krankheiten sind auch Schwerpunkte seiner Stiftung.
Über seine beiden Nachfolger bei Microsoft, Ray Ozzie und Craig Mundie, sagte Gates nur: „Der Übergang läuft sehr gut. Ray und Craig nehmen die Zügel stärker in die Hand.“ Ozzie übernimmt die Funktion von Gates als Chef-Softwarearchitekt, Mundie soll sich als „Chief Research und Strategy Officer“ mit langfristigen Trends in der Branche beschäftigen.
„Das nächste digitale Jahrzehnt“
Nach dem persönlichen und humorigen Auftakt kamen dann aber doch die von Gates gewohnten Inhalte: seine Sicht der Technologietrends und wie Microsoft davon profitieren will. Noch einmal ließ er im Zeitraffer die Errungenschaften Revue passieren, die das erste „digitale Jahrzehnt“ brachte. Diesen Begriff hatte Gates vor einigen Jahren für die aktuelle Dekade geprägt, die aus seiner Sicht durch die rasche und durchgängige Verbreitung von Personalcomputern, Mobiltelefonen, digitalen Medien und dem stetigen Ausbau der Netzwerkbandbreite gekennzeichnet ist.
Diesmal rief Gates in Las Vegas „das nächste digitale Jahrzehnt“ aus, mit dem das Alltagsleben weiter bereichert werde. Dazu gehören nach seiner Meinung: allgegenwärtige High-Definition-Technologie, das nahtlose Zusammenspiel vernetzter Dienste und die einfache oder, wie Gates es nennt, „natürliche“ Nutzung der Geräte. Während bislang Maus und Tastatur die Bedienung bestimmten, steht künftig eine Steuerung mit Berührungen, Sprache und Bilderkennung im Vordergrund. Aufhorchen ließ, dass er in diesem Zusammenhang bei der Aufzählung von Geräten auch das iPhone des Erzrivalen Apple nannte, zu dessen herausragenden Eigenschaften der berührungsempfindliche Bildschirm gehört.
Keine Rede von Europa
Was Gates demonstrierte, war indessen nicht neu. So hatte er „Surface“ - einen vernetzten Tisch mit berührungsempfindlichem Bildschirm - schon früher präsentiert. Das digitale Wohnmöbel steht exemplarisch dafür, wie einfach es in Zukunft sein soll, Ideen zu realisieren und zu verbreiten. Gates Beispiel war der Kauf eines selbstgestalteten Snowboards: Mit wenigen Fingerstrichen entwarf er auf der Monitor-Tischplatte ein Snowboard und gestaltete es mit Symbolen und Schriftzug. Dann verschickte er den Entwurf, indem er einfach ein Mobiltelefon auf die Tischplatte legte.
Auf der Bühne wurde Gates von Robbie Bach unterstützt, dem Präsidenten der Unterhaltungssparte von Microsoft, zu der die Videospielekonsole Xbox und der Musikspieler Zune gehören. Für Bach ist die Xbox Paradebeispiel für den veränderten Umgang der Menschen mit digitaler Technik. 17,7 Millionen Spielekonsolen hat Microsoft in aller Welt verkauft. Und im amerikanischen Einzelhandel liegt die Xbox mit 3,5 Milliarden Dollar Umsatz in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres um eine Milliarde Dollar vor Nintendo Wii und zwei Milliarden Dollar vor der Sony Play Station 3. Für Bach sind die Zahlen eine klare Angelegenheit. Auch das hauseigene mobile Abspielgerät Zune, das Bach als „klare Alternative zum iPod“ bezeichnete, ist für den Unterhaltungschef Beleg, wie leicht inzwischen der Umgang mit digitalen Geräten ist: Auf der Plattform Zune Social können Anwender ihren Musikgeschmack veröffentlichen, ihre Lieblingsstücke listen und Ausschnitte hörbar machen. Musikliebhaber bewerten die Titel, und daraus wird dann eine „soziale“ Hitliste erstellt. Freilich können damit die Zune-Nutzer zu transparenten Micorosoft-Kunden werden - bisher nur in Amerika, von 2008 an auch in Kanad. Von Europa redete Bach nicht.
„See you next year“ - sagt Bach, nicht Gates
Gates Vision neuer Benutzerschnittstellen kommt auch die Spracherkennung Tellme sehr nahe. Damit kann die Internetsuche über Geräte mit Windows Mobile in wörtlicher Rede ausgeführt werden. Keine Frage, Bill Gates, der zum Abschluss der Show die Bühne mit Robbie Bach teilte, gefiel sich in der Rolle des Visionärs. Ein Prototyp hatte es ihm besonders angetan: ein Gerät, das optisch in der Lage ist, Personen, Gebäude und Gegenstände zu erkennen, und gespeicherte Informationen hierzu abruft.
Und am Ende der Veranstaltung zeigte Gates sein bisher unbekanntes Talent für Inszenierungen. Robbie Bach forderte ihn zu einem Duell im populären Videospiel „Guitar Hero“ heraus, das mit einer gitarrenförmigen Fernsteuerung bedient wird. Anstatt selbst zu spielen, ließ Gates den mit der Rockband „Guns 'n' Roses“ bekannt gewordenen Gitarristen Slash auf die Bühne kommen. Die letzten Worte des Abends überließ Gates seinem Mitspieler Bach. „See you next year“, rief der dem Publikum zu. Untrügliches Zeichen, dass Bach die Eröffnungsrede von Gates im kommenden Jahr übernimmt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 9.012,54 | +0,73% |
| EUR/USD | 1,3239 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 118,24 $ | +0,29% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |