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Ökonomin Keyu Jin : China? Machen Sie sich nicht so große Sorgen!

Keyu Jin forscht an der London School of Economics. Bild: Picture-Alliance

„Jede gute Idee hat hier das Potential, ihren Erfinder über Nacht zum Milliardär zu machen.“ Eine Forscherin aus Peking nennt fünf Gründe, warum Chinas Wirtschaft nicht kollabiert. Und nochmal fünf, warum es technologisch führend ist.

          China hat wirtschaftliche eine beeindruckende Entwicklung hinter sich: Das Land ist nach Jahrzehnten mit hohen Wachstumsraten die zweitgrößte Ökonomie der Welt. Zugleich holt das Reich der Mitte auch in anderen wichtigen Bereichen auf. Erstmals sind aus China mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen gekommen in einem Jahr als aus jedem anderen Land der Welt, wie die amerikanische „National Science Foundation“ ausgerechnet hat.

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Und schließlich zeigt sich, dass das Land auch technologisch an die Spitze drängt: Die drei großen Internetunternehmen Alibaba, Baidu und Tencent sind an der Börse ähnlich wertvoll wie ihre amerikanischen Pendants Amazon, Google und Facebook. Im Bereich der Künstlichen Intelligenz, auf dem derzeit große Hoffnung ruht, geben sie viel Geld aus, und auch die Regierung in Peking hat einen enormen Einsatz angekündigt. Sogar von einem technologischen kalten Krieg ist mittlerweile die Rede. Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) warnte während seiner Rede auf der Technologiekonferenz DLD in München gerade davor, zuvor äußerte sich der renommierte Politologe Ian Bremmer so in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Andererseits machen gelegentlich auch Sorgen die Runde über den wirtschaftlichen Zustand Chinas. Die Fachleute des Internationalen Währungsfonds etwa weisen auf die Verschuldung hin und mahnen zu Reformen. Wie es um China steht, interessiert Unternehmer und Anleger rund um den Globus.

          „Über China gibt es derzeit ungefähr so viele falsche Vorstellungen wie starke Meinungen“, sagte die Ökonomin Keyu Jin auf der DLD. Sie stammt aus Peking und forscht derzeit an der London School of Economics über die Volksrepublik unter internationale Wirtschaftszusammenhänge. Der wirtschaftliche Kollaps Chinas sei schon oft ausgerufen worden auch in der jüngeren Vergangenheit, „momentan erleben wir den Kollaps 3.0“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Fünf Gründe gebe es, „aus denen Sie sich nicht so viele Sorgen machen müssen“.

          Fünf Gründe für Chinas Wirtschaft

          Einmal seien dies hohe private Ersparnisse im Volumen von umgerechnet mittlerweile 27 Billionen Dollar, „und sie wachsen schnell“. Zweitens sei die Auslandsverschuldung gering, was China von vielen Ländern unterscheide, die in der Vergangenheit Finanzkrisen erlebten. Die lokalen Verwaltungen verfügten drittens über Vermögenswerte in Höhe von zusammengerechnet 70 Billionen Yuan, was 15 Prozent mehr sei als ihre Verbindlichkeiten. Viertens seien die Staatseinnahmen substantiell. Und fünftens schließlich sei die Koordinationsfähigkeit groß – „die Regierung kann jederzeit alle Akteure steuern und aufeinander abstimmen“. Sie bezeichnete dieses Instrumentarium schmunzelnd als „Waffen der Massen-Intervention“.

          China sei darum weder mit Europa noch mit den Vereinigten Staaten zu vergleichen. Außerdem sei die Volksrepublik das erste Land, das sich ökonomisch noch in Teilen auf dem Niveau eines Entwicklungslandes befinde und zugleich in einigen technischen Aspekten führend sei – und diese Führung ausbauen werde. Auch hierfür nannte sie abermals fünf Gründe.

          Fünf Gründe für Chinas führende Stellung

          Einmal der große Markt: Von den ungefähr 1,4 Milliarden Chinesen nutzt mehr als die Hälfte regelmäßig das Internet, der Markt für digitales Bezahlen sei beispielsweise fünfzig Mal so groß wie der amerikanische. Das sei ein großer Anreiz für Unternehmer, „jede gute Idee hat hier das Potential, ihren Erfinder über Nacht zum Milliardär zu machen“.

          Die Chinesen hätten zweitens auch vergleichsweise wenige Probleme, ihre Daten den Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Drittens nannte sie eine technikfreundliche Führung in Peking – sie erwähnte dabei weder auf der positiven Seite ausdrücklich den angekündigten nationalen KI-Plan noch auf der negativen Seite die Überwachungsambitionen (Stichwort ist hier das soziale Kreditpunktesystem). Viertens fehle immer noch viel andernorts übliche Infrastruktur, was die Einsatzmöglichkeiten für neue Technologien verbreitere. Und schließlich sei der „reale Sektor“ so stark durch Staatseingriffe verzehrt, dass verglichen damit der Technologiebereich umso größere Vorteile aufweise.

          Wirtschaftlich, etwa gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, sei China nach wie vor eine aufstrebende Volkswirtschaft und habe noch viel Raum, um alleine zu den Industrieländern aufzuschließen. In Sachen Urbanisierung sei erst der „halbe Weg“ zurückgelegt, der Anteil der Dienstleistungen an der Wirtschaftsleistung (derzeit 50 Prozent) noch weit entfernt etwa von den Vereinigten Staaten (derzeit 80 Prozent). „China wird mittelfristig vom globalen Sparer zum globalen Konsumenten“, schloss sie und fügte hinzu: „Und das ist für Sie eine gute Nachricht.“

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