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Nein Facebook macht Spaß

 ·  Katrin habe ich seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen. Aber ich weiß, dass sie am Montagnachmittag ihre letzte Prüfung bestanden hat und jetzt Lehrerin ist. Ich habe ihr auch gleich gratuliert, per „Like“.

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Katrin habe ich seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen. Aber ich weiß, dass sie am Montagnachmittag ihre letzte Prüfung bestanden hat und jetzt Lehrerin ist. Ich habe ihr auch gleich gratuliert, per „Like“.

Ist das nötig? Nein. Aber nett ist es. Wir haben uns zwar in den vergangenen Jahren kaum noch gesehen, seit wir mal zusammen studiert haben. Aber ich weiß, dass sie gegenüber ihrer Wohnung eine Autowaschanlage hat und dass sie aus ihrem Fenster manchmal Kranichschwärme ziehen sieht.

Wichtig ist das nicht. Aber das sind nette Details, die mir helfen, den Kontakt zu ihr zu halten. Früher hätten wir uns solche Dinge in der Pause an der Universität erzählt, heute verschicken wir sie eben per Status-Update.

Ohne Facebook hätte ich Katrin aus den Augen verloren. Nie hätte sie mich angerufen, um mir zu sagen, dass ein Kranichschwarm vor ihrem Fenster vorbeifliegt. Ich hätte dafür auch gar keinen Anruf erwartet.

Auf Facebook funktioniert das anders: Sie schreibt es einmal auf, und alle Freunde können es lesen. Und wer gerade keine Zeit hat, der liest es halt nicht – niemand muss auf Facebook schauen, wenn es gerade hektisch ist.

Auf diese Weise ersetzt Facebook das Dorf: Auf dem Dorf hat man alle, die man seit Jahren kennt, um sich herum. Immer wieder erzählt man einander Nebensächlichkeiten. Wir aber wohnen nicht auf dem Dorf. Wir haben studiert, sind umgezogen, haben geheiratet – Facebook hilft, gegenseitig auf dem Laufenden zu bleiben. Ich habe erfahren, wer inzwischen ein Kind gekriegt hat. Ich weiß, wer nach Schanghai gezogen ist und wer nach Australien. Und ich weiß, wer bei der Hochzeit wessen Namen angenommen hat.

Irgendwann haben auch meine Eltern angefangen, sich für Facebook zu interessieren. Es ist die elektronische Form zu tratschen – nur haben wir das eigene Facebook-Profil besser unter Kontrolle als das Gerede im Dorf.

Sind wir deswegen wirklich „Freunde“? Natürlich nicht. Wir sind Facebook-Freunde.

Ich kann auch nichts dafür, dass Facebook das englische „Friends“ nicht ordentlich mit „Bekannte“ übersetzt – wie es sich eigentlich gehört. Echte Freundschaften bestehen nicht nur aus Facebook. Da trifft man sich, redet die Abende durch und leert zusammen eine Flasche Wein. Und erzählt sich Dinge, die Facebook nicht wissen darf.

Wenn Facebook weiß, dass Katrin einen Kranichschwarm gesehen hat, dann schadet das ihrem Datenschutz überhaupt nicht. Dinge, die man Bekannten erzählt, die sind nicht so geheim. Aber auch die Dinge, die Facebook wissen darf, machen Spaß. Deshalb ist Facebook kein Unsinn.

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Jahrgang 1981, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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