Seit Monaten tritt die indische Regierung auf der Stelle. Niemand erwartet von ihr, dass sich dies bis zum Wahljahr 2014 noch ändern wird - und deshalb bringen sich die Konkurrenten jetzt schon in Stellung. Als Favorit, die drittgrößte Volkswirtschaft der Erde zu führen, kristallisiert sich immer mehr der Ministerpräsident des westindischen Bundeslandes Gujarat heraus: Narendra Modi.
Gerade ergab eine Umfrage in den 28 größten Städten Indiens, 42 Prozent der Befragten sähen Modi als künftigen Ministerpräsidenten. Rahul Gandhi, Sohn der Führerin der Regierungspartei Sonia Gandhi, erreichte hingegen nur 29 Prozent. Auch wenn ihm der amtierende Ministerpräsident gerade einen Sitz in seinem Kabinett zusicherte, um ihn besser zu positionieren.
Held? Modernisierer? Mörder?
Doch so einfach, wie Umfragen andeuten, ist die Lage nicht. Denn zum einen werden indische Wahlen auf dem Land und nicht in den Städten entschieden. Zum anderen ist Modi höchst umstritten. Wirtschaftsführern und gerade ausländischen Managern gilt er als Held, denn er hat Gujarat auf Vordermann gebracht, es zum wohl am besten funktionierenden Bundesland des Subkontinents gemacht.
Doch klebt seine Rolle als frisch gewählter Ministerpräsident im Jahr 2002 beim Massaker an rund 2000 Muslimen an ihm. Seine Polizei schaute dem Foltern, Vergewaltigen und Morden tatenlos zu, richtete ihre Gewehre sogar gegen die Opfer. Modi wird nicht nur von Gegnern die politische Verantwortung dafür zugesprochen. Die Europäische Union und Amerika verweigern ihm die Einreise. Die Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts wurde 18 Mal verschoben. Selbst ein früherer deutscher Botschafter in Neu-Delhi bezeichnete Modi als „Mörder“.
Andere sehen ihn als Modernisierer. Indische Konzerne wie Tata oder Reliance ziehen in Gujarat ihre Fabriken hoch, Autohersteller investieren Milliarden. In Gujarat steht die größte Raffinerie der Erde, nun folgt BASF mit einem Werk. Modi fällt es leicht, sich als erfolgreicher Wirtschaftsreformer dazustellen. Gut 20 Prozent des indischen Exports stammen aus Gujarat, obwohl hier nur 5 Prozent der Inder leben.
Modi will um Rüstungsindustrie buhlen
Da er sein Bundesland fast nach Gutsherrenart steuert, gibt es weniger Korruption und schnellere Entscheidungen. Die fallen oft zugunsten der Industrie aus, die Arbeitsplätze schafft und Geld ins Land bringt. Die Regierung verfolgt ein Programm zur „Hilfe für Mega- und Innovationsprojekte“. Unter diesem Schirm bietet sie Investoren nicht nur Steuernachlässe, sondern auch Finanzhilfen, Straßenanbindungen und die Ansiedlung von Zulieferern. Nach der Automobil- und Solarindustrie will Modi nun verstärkt um die Rüstungsindustrie buhlen. „Die Regierung von Gujarat steht auf Seiten der Wirtschaft und zieht Unternehmen wie uns an“, schwärmt Michael Bonehem, der Indienchef von Ford.
Wirtschaft wuchs unter Modi zeitweise um 12,7 Prozent
Im Oktober 2001 wurde Modi zum Ministerpräsidenten gewählt. Das Wachstum der Industrie in Gujarat legte nach durchschnittlich knapp 4 Prozent bis 2004 zwischen 2005 und 2009 um 12,7 Prozent zu. Wuchs die Wirtschaftsleistung Indiens um durchschnittlich 8,6 Prozent in den fünf Jahren bis 2010, legte sie in Gujarat um 13,8 Prozent zu. Im kommenden Jahr dürfte Modi zum dritten Mal für fünf Jahre an die Spitze Gujarats gewählt werden. Er übt sich im Spagat zwischen Tradition und Moderne. Zur traditionellen Kurta und Sandalen will seine Intellektuellenbrille mit Goldrand kaum passen.
Der Einundsechzigjährige hat einen langen Weg hinter sich. Aus der unteren Kaste der Ganchi stammend, half er dem Vater bei dessen Geschäften, machte nach der Schule einen eigenen Teestand in Ahmedabad auf. Seit seiner Kindheit aber war er Mitglied der radikal-hinduistischen Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), die auch Kampfsportübungen lehrt. So kam er zur Hindu-Partei Bharatiya Janata (BJP), dem Gegenspieler der Kongress-Partei um den Gandhi-Clan, der heute das Land regiert.
„Eine Regierung hat im Geschäftsleben nichts verloren“
Er hasst Abhängigkeiten, hat nie geheiratet und mit seiner Familie gebrochen. Er gilt als fanatisch in seinem Hass gegen Muslime; aber eben auch als unbestechlich - was in Indiens Politik ein herausragendes Merkmal ist. Seinen Tag beginnt er um fünf Uhr morgens mit Yoga und Gebeten, gerne fastet er öffentlich, wobei er sich wie ein Guru verehren lässt.
Modi sagt, es sei kein großes Geheimnis, die Wirtschaft wachsen zu lassen. Bauern ließ er ans Stromnetz anschließen, Investoren erhalten Steuernachlässe über zwei Jahrzehnte, nun macht er sich öffentlich über die Unterernährung Gedanken. „Eine Regierung hat im Geschäftsleben nichts verloren“, sagt er und spricht damit Unternehmern aus der Seele. Vor allem aber setzt er sich ab von der Regulierungswut, die die Bundesregierung in Neu-Delhi nicht überwinden kann. Wenn ihn beim Einzug nach Neu Delhi etwas bremst, ist es seine Haltung den Muslimen gegenüber. Denn entschuldigt für das Massaker hat Modi sich nie.
Recherche ist nicht richtig
Harry Leng (VEDY)
- 06.09.2012, 10:22 Uhr
Megaprojekte
S. Lopp (radio11)
- 05.09.2012, 12:40 Uhr
Unterernährung hält Modi für falschen Schönheitswahn
S. Lopp (radio11)
- 05.09.2012, 09:26 Uhr