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Jetzt sprechen die Schüler : Das Einfache können uns die Eltern beibringen

  • Aktualisiert am

In einem Gymnasium in Niedersachsen Bild: dpa

Ein Tweet der 17-jährigen Schülerin Naina lässt Deutschland über seine Schulen streiten. Ihr fehlt es an Finanzwissen im Alltag. Damit sind nicht alle Schüler einverstanden.

          Was ich lerne, bringt mir nichts

          Nicolas Kersten, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin

          Herzlich willkommen im Leben! Schön wär's, wenn ich das schon während meiner Schulzeit sagen könnte. Denn für mich bedeutet Schule nicht nur, chemische Formeln auswendig zu lernen und die Strukturformel eines Alkylbenzolsulfonats zu entwickeln. Ich sehe die Aufgabe von Schule vor allem darin, mir eines beizubringen: Lebenstüchtigkeit. Stattdessen werden wir mit Informationen überhäuft, die bestenfalls im Kurzzeitgedächtnis bleiben und die die Allerwenigsten von uns im „Leben nach der Schule“ wieder anwenden können.

          Wie viele Erwachsene haben noch mit Kurvendiskussionen oder höherer Differential- und Integralrechnung zu tun? Kaum jemand! Mit Mietrecht, Altersvorsorge, dem Wissen über gesunde Lebensmittel, Zinsen und dem verantwortungsvollen Umgang mit Geld haben wir aber alle zu tun – unabhängig davon, welchen Schulabschluss wir machen und ob wir studieren oder eine Berufsausbildung machen.

          Es ist doch verrückt, wenn bekannte Hirnforscher wie Gerald Hüther feststellen, dass wir schon zwei Jahre nach dem Abitur nur noch zehn Prozent von dem, was wir in der Schule gelernt haben, wissen. Diese Erkenntnis führt für mich zu der logischen Schlussfolgerung: Entweder wir verkürzen die Schulzeit um weitere zwei Jahre oder aber die Lehrpläne werden so modernisiert, dass wir uns theoretisch und praktisch (!) mehr Alltagswissen über gesunde Ernährung, den Umgang mit Geld und die Nutzung moderner Medien aneignen können. Mit diesen Fähigkeiten die Schule zu verlassen, heißt für mich, lebenstauglich zu sein.

          Fürs Leben lernen wir zu wenig

          Benjamin Denke, 16 Jahre, Leibniz-Gymnasium Offenbach

          „Ich habe mich auf den Schreibtisch gestellt um mir klarzumachen, dass wir alles auch aus anderer Perspektive sehen müssen.“

          Diesen Satz kennt man aus dem Film „Der Club der Toten Dichter“. Er stammt von dem Englischlehrer John Keathing, gespielt von Robin Williams. Die Ziele seines Unterrichts sind so unkonventionell wie aus einer humanistischen Denkweise heraus relevant: Keathing will seine Schüler zu eigenständigen, freiheitsliebenden, selbstbewussten Erwachsenen erziehen, die eben auch andere Perspektiven einnehmen können – ungeachtet ihrer persönlichen Meinung.

          Das ist, so will es Filmfigur, die Aufgabe der Schule. Doch mit dem, was in deutschen Schulen gelehrt wird, hat das wenig zu tun.

          Naina sagt in ihrem Tweet, die Schulen vermittelten lediglich Fachwissen, das in den meisten Fällen auch noch irrelevant sei, denn die Fächerbelegung zielt ja nicht unbedingt auf spätere Studienfächer oder eine Berufswahl ab. Schon nach einer Betrachtung des Lehrplans oder eines „Durchführungserlasses“ zum Abitur, findet man das bestätigt.

          Ich denke, die Kritik, dass die Schule mehr als nur die Ansammlung von schnödem Fachwissen vermitteln soll, ist berechtigt. Wir sollten Bildung als umfassenden Begriff ansehen. Sprechen wir nicht auch von einem „Bildungssystem“?

          Es ist das Recht eines jeden Bürgers, Bildung vom Staat vermittelt zu bekommen. Und diese sollte die Menschen zu mehr befähigen denn als Arbeitstiere zu dienen. Was aber genau das ist, was momentan das Ziel des Schulwesens ist: qualifizierte, aber nicht unbedingt frei denkende, gar kreative Mitarbeiter heranzuziehen. Im Interesse der Gesellschaft sollte es aber sein, meinungsstarke, tolerante, weltoffene und freiheitsliebende Mitglieder zu bilden.

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