20.06.2008 · Saudi-Arabien fürchtet, dass die Nahrungsmittel knapp werden und ermuntert saudische Firmen, auch in anderen Ländern in Landwirtschaft zu investieren. Im Gespräch sind die Türkei, die Ukraine und Sudan.
Von Rainer HermannDie steigenden Preise für Grundnahrungsmittel haben die Regierung Saudi-Arabiens alarmiert. Um Versorgungsengpässe zu verhindern, ermuntert sie saudische Firmen, außerhalb des Königreichs in Landwirtschaft zu investieren. Die Regierung rede bereits mit der Türkei, der Ukraine und Sudan sowie mit Ägypten und Pakistan, sagte ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Riad.
Vor allem will die saudische Regierung den Anbau von Weizen, Gerste, Soja und Reis fördern. Denn das Königreich, das von Protesten gegen den Anstieg der Nahrungsmittelpreise verschont geblieben ist, will ein ausreichendes Angebot an Nahrungsmitteln sicherstellen.
Soja statt Immobilien
Insbesondere die Länder Afrikas hoffen, saudische Investitionen in ihre Länder anzuziehen. Ins Spiel gebracht hat sich auch Äthiopien, das von seiner geographischen Nähe zu Saudi-Arabien zu profitieren hofft. Saudische Unternehmen haben in Äthiopien bereits investiert, wie in vielen anderen Ländern Afrikas, aber überwiegend in Immobilien. Nun will die Regierung in Addis Abeba saudische Unternehmen auch für ihre Landwirtschaft gewinnen. Zwar sind 56 Prozent des Landes kultivierbar, aber erst 15 Prozent werden tatsächlich für landwirtschaftlichen Anbau genutzt.
Saudi-Arabien muss auch deswegen vermehrt Getreide importieren, weil es seinen Weizenanbau zur Schonung des Grundwassers, dessen Spiegel von Jahr zu Jahr weiter sinkt, vorerst einstellen will. Damit werden Reisende künftig aus der Luft nicht mehr grüne Kreise sehen, die die Bewässerungssysteme inmitten der hellbraunen Wüste schaffen. Weiter unterhält Saudi-Arabien eine entwickelte Milchindustrie. Die Milchkühe der 33 großen industriellen Kuhfarmen erzielen einen Ertrag von 30 bis 35 Litern pro Kuh und Tag und damit mehr als in jedem anderen Land des Nahen Ostens, mehr aber auch als in vielen Ländern Europas.
Nahrungsmittelpreise steigen schneller als die Löhne
Andererseits hat die Regierung in diesem Frühjahr die Subventionen für Grundnahrungsmittel angehoben. Denn die Nahrungsmittelpreise steigen erheblich schneller als die Löhne und haben bereits zu einer Beschneidung der verfügbaren Einkommen geführt. Der saudische König Abdullah hat Anfang Juni aber auch an das World Food Programme der Vereinten Nationen eine Spende von 500 Millionen Dollar überwiesen, das den Armen in den Entwicklungsländern zugutekommen soll.
Die steigenden Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten treffen die ölproduzierenden Staaten am Golf, weil sie mehr als 80 Prozent der Lebensmittel, die sie verbrauchen, einführen müssen. Neben Saudi-Arabien haben daher auch Unternehmen aus anderen Golfstaaten begonnen, landwirtschaftliche Nutzflächen in ärmeren Ländern wie Pakistan und dem Sudan aufzukaufen, um dort großflächig Getreide anzubauen. Neben Saudi-Arabien spricht auch Qatar mit Sudan über die Nutzung der brachliegenden Agrarflächen im größten Flächenstaat Afrikas. Ägypten hat mit der sudanesischen Regierung bereits ein Abkommen unterzeichnet, nahe der gemeinsamen Grenze jährlich 2 Millionen Tonnen Weizen für den ägyptischen Markt anzubauen.
Begehrter Reis
Die Vereinigten Arabischen Emirate wiederum wollen in die Agroindustrie Pakistans investieren, und Bahrein hat Verhandlungen mit Thailand aufgenommen, um dort Kulturen für den Jasminreis als Alternative zum Basmatireis zu züchten. Neben Weizen sind die Golfstaaten vor allem an Reis interessiert. So konsumieren 85 Prozent der saudischen Bevölkerung und 80 Prozent der Ausländer im Königreich täglich Reis. Der Reisverbrauch erreicht mit 45 Kilogramm pro Kopf und Jahr eine der weltweiten Spitzenwerte.
Analysten prognostizieren, dass er bis 2014 um 58 Prozent klettern wird. Um die Wirkung der steigenden Weltmarktpreise aufzufangen, führte die saudische Regierung die Subventionierung von 1 Tonne Reis mit 1000 Rial (rund 175 Euro) ein, was zu einem spürbaren Rückgang des Reispreises im Einzelhandel führte.
Saudi-Arabien hat eine entwickelte Hühnerzucht, so dass 54 Prozent von dem weißen Fleisch, das konsumiert wird, aus den 500 eigenen Farmen stammt. Rotes Fleisch wird hingegen überwiegend importiert, meist aus Australien und Neuseeland, aber auch Sudan, aus Somalia und Äthiopien. Saudi-Arabien produziert 82 Prozent seines Gemüseverbrauchs selbst und 65 Prozent seines Obsts. Allerdings leidet die Agroindustrie unter steigenden Preisen für Düngemittel und Transport.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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