01.02.2005 · Was der Zukunft der größten deutschen Biergruppe dienen soll, kostet 450 Arbeitsplätze: Die Berliner Kindl-Brauerei und die Brinkhoff's-Brauerei in Dortmund werden stillgelegt.
Mit der Stillegung der Berliner Kindl-Brauerei in Berlin und der Brinkhoff's-Brauerei in Dortmund sowie dem Abbau von 450 der insgesamt 5500 Arbeitsplätze will die größte deutsche Biergruppe die Zukunftsfähigkeit der anderen Betriebe an ihren 11 Braustandorten stärken. Die in der Branche erwartete Ankündigung einer umfassenden Kapazitätsbereinigung hat Ulrich Kallmeyer mit heftigsten Klagen über das Vordringen der Billigbiere und den dadurch vergrößerten Kapazitätsüberhang bei den Mittelpreis- und Premiumbieren verbunden.
Außerdem hat der Geschäftsführer der RB Brauholding in Frankfurt, unter deren Dach der Bielefelder Nahrungsmittelkonzern Oetker sein Biergeschäft bündelt, in Dortmund erste Einzelheiten über die schlechte Absatzentwicklung im vergangenen Jahr und die Sanierung der 2004 übernommenen Brau- und -Brunnen-Gruppe (BuB) mitgeteilt.
"Brau und Brunnen allein nicht lebensfähig"
"Brau und Brunnen wäre und ist allein nicht lebensfähig", erklärte Kallmeyer. Die Prognosen des früheren BuB-Vorstands seien mehr ein auf die Verkaufsabsichten des früheren Großaktionärs Hypo-Vereinsbank zugeschnittenes Wunschdenken gewesen. Statt geplanter Wachstumsraten von 3 Prozent bei Bier und 1 Prozent bei Mineralwasser habe die BuB-Gruppe tatsächlich 2004 sieben beziehungsweise 15 Prozent eingebüßt. Und während in den ersten drei Quartalen operativ nur acht Millionen Euro Verlust aufgelaufen seien, zeichne sich jetzt für das gesamte Jahr ein Minus von rund 30 Millionen Euro ab. Der stabile Bierabsatz der Radeberger-Gruppe sei zwar nur durch die Übernahmen von Stuttgarter Hofbräu und Altenmüster erreicht worden. Aber beim bereinigten Absatzrückgang müsse der konsequente Rückzuck aus den billigen Handelsmarken im In- und Ausland berücksichtigt werden.
Die von der RB Brauholding beschlossene Sanierung der BuB-Gruppe und die Zusammenführung der Gruppen Radeberger und BUB besteht aus sechs Elementen. Von den seit BuB-Übernahme nun jeweils zwei Braustätten in Dortmund und Berlin werden zwei geschlossen. In der ehemaligen Stahlstadt wird die Produktion auf die 1982 eröffnete Braustätte der Dortmunder Actien Brauerei (DAB) konzentriert. In dem auf einen Ausstoß von vier Millionen Hektoliter ausgerichteten Betrieb werden zunächst 30 Millionen Euro investiert, ehe die Schwesterbrauerei Brinkhoff's (2,5 Millionen Hektoliter) Anfang 2006 stillgelegt werden kann. In gleichem Zeitrahmen sind in der Bundeshauptstadt der Ausbau der Schultheiss-Brauerei für 20 Millionen Euro und die Stillegung der Kindl-Brau- und -Abfüllbetriebe (1,0 Millionen Hektoliter) vorgesehen.
Wo die Stellen gestrichen werden
Damit entfallen in der Produktion 275 von insgesamt 1350 Arbeitsplätzen in den vier Brauereien. Außerdem will die Gruppe im Gastronomie- und Handelsvertrieb 100 Planstellen und in der zentralen Verwaltung 70 Beschäftigte einsparen. Der neue Verbund soll in sechs Regionalschwerpunkte eingeteilt werden. Zur Wiederbelebung des selbst bei den Flaggschiffen Radeberger und Jever 2004 stark rückläufigen Absatzes ist eine Marketingoffensive im Wert von mehr als 100 Millionen Euro vorgesehen. Ferner ist für die Brau und Brunnen AG eine tiefgreifende Bilanzsanierung und organisatorische Straffung eingeleitet worden, um vor der engeren Verflechtung mit Radeberger eine vergleichbar konservative Bilanzierung sicherzustellen.
Dazu gehören eine völlige Entschuldung der Ende September noch 63 Millionen betragenden Finanzschulden und eine Auffüllung der bei Übernahme mit 213 Millionen Euro dotierten Pensionsrückstellungen um 70 Millionen Euro. Die grob skizzierten Aufwendungen für die Verlustübernahme, die Bilanzsanierung und die Braustättenrestrukturierung lassen darauf schließen, daß das Programm der Oetker-Biergruppe einen Betrag kostet, der eher bei 200 Millionen als bei 100 Millionen Euro liegen dürfte.
Stillgelegte Brauereien werden nicht verkauft
Der Vorstand erklärte, daß die stillgelegten Braustätten auf keinen Fall verkauft würden. So soll sichergestellt werden, daß mit dieser Kapazität nicht der Wettbewerb durch die Billigstanbieter noch verschärft wird. Denn dieses Preissegment, auf das inzwischen mehr als 10 Prozent des Inlandsabsatzes von rund 95 Millionen Hektoliter entfällt, rechne sich nur bei einer Produktion weitgehend ohne Kapitalkosten. Während der Biermarkt 2004 um 1,5 Prozent geschrumpft ist, haben Produzenten im Billigst-Segment wie die Öttiger-Gruppe bis zu 20 Prozent zugelegt. "Wenn wir die Radeberger-Gruppe auf ein Oettinger-Geschäftsmodell umstellen würden, brauchen wir statt der vorgesehenen 5000 Arbeitsplätze nicht einmal die Hälfte", erklärte Kallmeyer.
Er geht davon aus, daß der Bierabsatz im Inland auch in diesem Jahr wiederum um ein bis zwei Prozent schrumpfen wird. In diesen schwierigen Rahmenbedingungen will die RB Brauholding nach Darstellung Kallmeyers die mit 15 Prozent Marktanteil erreichte Führungsposition verteidigen und sich trotz des aufwendigen Restrukturierungsprogramms nach neuen Beteiligungen umschauen. Er erwartet, daß in dem anhaltenden Konzentrationsprozeß in den nächsten drei bis fünf Jahren bei einem Drittel der Braukapazität in Deutschland ein Eigentümerwechsel stattfinden wird.
"Das ist, als ob sie das Rathaus abreißen."
Der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), zur Schließung der Kindl-Brauerei.
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