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Nachwuchssorgen : Überalterung bedroht den öffentlichen Dienst

Überalterung und Nachwuchssorgen machen dem öffentlichen Dienst zu schaffen. Dabei werden gerade die sicheren Arbeitsplätze bei Berufsanwärtern geschätzt. Bild: dpa

Einer Studie zufolge geht jeder vierte Landesbeschäftigte bald in Rente. Der Nachwuchs schätzt die sicheren Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst, ist aber sehr rar gesät.

          Die Überalterung des Personals bedroht die Arbeitsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung. Dies ist das Fazit einer neuen Studie des Beratungsunternehmens McKinsey. Danach muss sich der Staat stärker als bisher auf den demographischen Wandel einstellen. Besonders im gehobenen und höheren Dienst sei das Personal überaltert, heißt es in der Studie. Schon heute herrsche Nachwuchsmangel, vor allem in Technik- und Gesundheitsberufen.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          „Die Zahlen sind alarmierend: Fast jeder vierte Landesbeschäftigte geht in den nächsten Jahren in Rente“, sagte Katrin Suder, Leiterin der Public Services Practice bei McKinsey der F.A.Z. in Berlin. „Im Schnitt sind 24 Prozent alle Beschäftigten in den Landesverwaltungen älter als 55 Jahre.“ Besonders betroffen seien Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen; aber in keinem Bundesland liege der Anteil unter 21 Prozent. Am Donnerstag findet im Bundeskanzleramt der Demographie-Gipfel der Bundesregierung statt. Neun Arbeitsgruppen werden sich in den kommenden Monaten weiter mit den Herausforderungen der demographischen Entwicklung befassen.

          Nachwuchs fehlt: Nur jeder Achte unter 30 Jahre alt

          Mehr als 51 Prozent aller deutschen Staatsdiener sind in den Bundesländern beschäftigt. Der Studie zufolge ist dort der Anteil der Älteren im höheren Dienst besonders hoch: Die Quote der mehr als 55 Jahre alten Beschäftigten liegt im Schnitt bei 28 Prozent. „Wenn so viele Fach- und Führungskräfte ausscheiden, wird in den nächsten Jahren viel Wissen verlorengehen“, warnte Suder. Dies sei schlecht, denn Landesverwaltungen seien Dreh- und Angelpunkt für die Planung und Umsetzung politischer Entscheidungen wie der Energiewende. Gleichzeitig fehlt in vielen Ländern der Nachwuchs. Nur etwa jeder achte Landesbeschäftigte ist jünger als 30 Jahre. In den neuen Ländern ist der Mangel am eklatantesten. So liegt der Anteil der Landesbeschäftigten unter 30 Jahren in Sachsen-Anhalt bei nur 7 Prozent, in Baden-Württemberg immerhin bei 18 Prozent. Sowohl im höheren als auch im gehobenen Dienst liegt der Anteil der Mitarbeiter unter 30 Jahren im Durchschnitt aller Länder bei nur 12 Prozent.

          Im Mittleren Dienst ist die Altersverteilung ausgewogener. Nur geringe Nachwuchssorgen haben die Justiz und Universitäten. „Nachwuchs fehlt in vielen Nischenbereichen mit spezifischen fachlichen und technischen Tätigkeitsfeldern, insbesondere den beruflichen Schulen, den Gesundheitsbehörden und politischen Führungsaufgaben“, heißt es in der Studie. Gerade in den technisch-naturwissenschaftlichen Berufen zieht es die Nachwuchskräfte in die Wirtschaft, auch weil die Unternehmen sie oft besser bezahlen.

          Motivation für den öffentlichen Dienst: „Sicherheit des Arbeitsplatzes“

          Der öffentliche Dienst kann im Wettbewerb um Fachkräfte bei der Grundvergütung mit privaten Unternehmen nicht mithalten. Der 2005 eingeführte Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes und der Haustarifvertrag der Arbeitsagentur, Deutschlands größter Behörde, hoben den Leistungsgedanken zwar stärker hervor. Dennoch bleibt der Staatsdienst vor allem für jene interessant, die einen sicheren Arbeitsplatz und ein stabiles Einkommen suchen. Dies gilt in wirtschaftlich unsicheren Zeiten mehr denn je. Der Beamtenbund hat im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, für die junge Leute zwischen 14 und 18 Jahren nach ihrer Berufswahl befragt wurden. Demnach konnten sich 61 Prozent eine Laufbahn beim Staat vorstellen. Als wichtigster Grund für eine Ausbildung oder Berufswahl im öffentlichen Dienst nannten 84 Prozent der Befragten die „Sicherheit des Arbeitsplatzes“. Nur für rund jeden Zweiten (55 Prozent) spielte „viel Geld verdienen“ eine Rolle, noch weniger wollten später „Führungsverantwortung“ übernehmen. Schlusslicht der Motive war „später mal ein Unternehmen gründen“ zu wollen.

          Um der Überalterung zu begegnen, empfehlen die McKinsey-Berater, sich auf jene Aufgaben zu konzentrieren, welche die öffentliche Verwaltung wirklich selbst erfüllen muss. Viele Aufgaben könnten außerdem gebündelt effizienter wahrgenommen werden, etwa in der Informationstechnik. Die Politik könne dann durch Verträge und Zielvorgaben steuern. Durch die Digitalisierung und Optimierung von Verwaltungsabläufen könne zugleich der Bedarf an Fachkräften gesenkt und die Qualität der Aufgabenerfüllung verbessert werden, sagte Suder. So sei es empirisch belegt, dass der Arbeitsaufwand zur Bearbeitung von Anträgen durch Digitalisierung um etwa 45 Prozent verringert werden könnte. Hier gebe es Nachholbedarf: Während sich in Finnland schon 85 Prozent aller Arbeitssuchenden online bei der Arbeitsagentur meldeten, seien es in Deutschland nur 1,5 Prozent.

          Personal muss „an den richtigen Stellen eingesetzt werden“

          Nicht zufällig sei jedoch der Bund davon abgekommen, prozentuale Vorgaben für den Personalabbau zu machen. „Effizienzen zu heben, ist an den allermeisten Stellen nicht mehr leicht – es braucht neue Methoden und Ansätze“, sagte Suder. „Wichtig ist darüber hinaus, das Personal an den richtigen Stellen einzusetzen. “ In die Optimierung der Aufgabenerfüllung müssten die Mitarbeiter einbezogen werden. So lasse sich auch deren Zufriedenheit steigern.

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