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Nachtleben Willkommen im Club

 ·  Das Nachtleben ist das härteste Geschäft der Welt. Ob ein Musikclub länger als zwei Jahre überlebt, hängt von zwei Fragen ab: Wer kommt rein? Und, noch wichtiger: Wer nicht?

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© Jens Gyarmaty / F.A.Z. Berghain, Berlin

Der beste Musikclub des Landes steht am Wriezener Bahnhof im Berliner Osten: das Berghain. Es soll Menschen geben, die aus Venezuela einfliegen, um einmal im Berghain zu tanzen. Außer über das Studio 54 des New York der Siebziger wurde über keinen Club so viel geschrieben, und in der Hochfrequenzphase einer Berghainer Samstagnacht, also sonntagmorgens um sieben, zeigt sich das Herz des Hypes, und niemand hat es so messerscharf seziert wie die Reporterlegende Marc Fischer.

Fischer ging nicht in den Club hinein. Er lauschte draußen vor der Tür dem Gespräch der Wartenden, die in einer 60 Meter langen Schlange zwei Stunden lang zittern, ob ihnen der gefürchtete Türsteher, genannt Echse, Eisenmann, Gorilla, Zutritt gewährt zum Paradies, was gemeinhin alles andere als sicher ist. Das Berghain hat die härteste Tür der Welt.

“Stimmt es, dass sie dort den letzten wahren Techno spielen?“

“Ist es wahr, dass es einen Bereich gibt, den man nur nackt und mit einer Baulampe auf dem Kopf betreten darf?“

Vor allem drehen sich die Gedanken um das Ich: Bin ich lässig genug? Hip genug? Oder sind Hipster heute Nacht verpönt? Und was sagt es über mich aus als Person, dass ich darüber nachdenke, ob ich hip bin oder nicht?

Der Eisenmann weist Hunderte ab

Während der zwei Stunden weist der Eisenmann Hunderte ab, jeder neue Bannstrahl schärft den Mythos. Am Ende stehen die Anwärter vor dem Scharfrichter und zweifeln an ihrer Würdigkeit für diesen Club. Sie fragen sich, ob es nicht rechtens wäre, sie würden vom Eisenmann exkommuniziert.

Mythos, darum geht es im Club-Geschäft: um eine Erzählung. Ein Club ist gut, wenn er das Geheimnis seiner Kunst geheim hält, Raum für Legenden schafft, und deshalb scheren sich die 46 und 54 Jahre alten Betreiber des Berghains einen Dreck um Trends und verpflichten Discjockeys, die aufgezeichnete Lebenslaute eines Hausschweins vom Wurf bis zur Schlachtung über die Beats legen. Deshalb haben Michael Teufele und Norbert Thormann, ein Fotograf, noch nie ein Interview gegeben, nicht als ihr Club 2009 zum besten der Welt gekürt wurde und nicht vor ein paar Wochen, als die Leser der Zeitschrift „DJ Mag“ das Berghain aus den Top Ten der Rangliste warfen. Es gibt nur ein einziges überliefertes Zitat: „Wir machen weiter wie bisher.“

Wichtig ist die Tür

Für den Mythos von Clubs sind Ranglisten unwichtig, wichtig ist die Tür. Das Unternehmen Club ist erfolgreich, wenn es sein Produkt radikal rationalisiert, die Gäste hineinwollen, weil der Club sich aussucht, mit wem er seine großartigen DJs feiert. Ein Club ist schon per definitionem nicht für alle da, sondern elitär, ob er nun wie im Fall des Berghain von sonntagmorgens bis montagmittags die prekäre Raver-Avantgarde beherbergt oder den solventen Bussi-Block wie im Fall der Münchener Schickimicki-Disco P1.

Mythen verblassen schnell, das P1 ist das beste Beispiel. Der Club hat seine besten Zeiten hinter sich: die 80er, als Mick Jagger Hof hielt und Schauspieler Helmut Berger (“Das Bildnis des Dorian Gray“) aus Versehen an die Bar pinkelte. Heute erleichtern sich die vermögenden, manchmal bekannten und niemals interessanten Gäste auf dem teuer renovierten Pissoir neben dekorative Baumstämme und tanken dann in der Klo-Bar wieder auf. CSU-Chef Seehofer hat jüngst ins P1 geladen, und kürzlich legte ein DJ auf, der in der Musikszene bis dato unbekannt, dafür aber der Sohn von Boris Becker war. An der Prinzregentenstraße geht es bergab.

Nichts ist so flüchtig wie ein Mythos des Nachtlebens, und deshalb ist der Kauf von nigerianischen Internetaktien ein sicheres Investment im Vergleich zum Club-Geschäft. Zwei Jahre beträgt die durchschnittliche Lebensdauer eines Clubs; in Berlin, wo die Szene schnell weiterzieht, ist die Halbwertszeit noch kürzer. Keine Bank gibt bei so einem Risiko Kredit, in einer Umfrage gaben Berliner Club-Betreiber an, drei Viertel ihrer Finanzierung über Eigenkapital zu stemmen, es folgten Gelder aus Sponsoring und Darlehen von Brauereien, die dafür Abnahmeverträge für ihr Bier abschließen.

Die acht Jahre, die das Berghain steht und nichts an seiner Anziehungskraft verloren hat, sind also eine Ewigkeit, und in Deutschland wie in London, New York, Ibiza blicken die Club-Betreiber mit Ehrfurcht auf die unverputzten Betonwände und Stahlträger des ehemaligen Heizkraftwerks, in dem das DJ-Pult an Ketten baumelt, der Auflegende ist auf Augenhöhe mit den Tanzenden.

In Bayern und Sachsen gibt es die meisten Tanzflächen

1900 Clubs und Discotheken gibt es in der Republik, wobei Club für die kleinere, weniger kommerziell ausgerichtete Variante des Tanzlokals steht, in der weniger Chart-Hits gespielt werden als in den einkaufszentrumähnlichen Tanztempeln mit mehreren Ebenen und Pizza-Theken, zu finden in der Provinz und im Ruhrgebiet. Gefühlt ist die Club-Dichte in Berlin am größten, laut offizieller Statistik gibt es verblüffenderweise jedoch in Bayern und Sachsen die meisten Tanzflächen auf 100.000 Einwohner, was zum Teil damit zu erklären ist, dass nur die Zahl der steuerzahlenden Club-Betreiber erfasst wird, egal ob sie ein Lokal betreiben oder zehn, was in den Städtekiezen öfter der Fall ist als auf dem zersiedelten Land. Der Betreiber des Berliner Lido ist der gleiche wie der vom Astra Kulturhaus, der Gesellschafter des Hamburger Bunkerclubs „Uebel und Gefaehrlich“ neben dem St.-Pauli-Stadion hat am Fischmarkt das „Golem“ aufgemacht, in München betreibt Club-König Michi Kern neben dem Pacha allerhand anderes.

Doch auch in der Provinz ist Deutschland Diskothekenland, denn ein Club kann viel Rendite einspielen, zwei Drittel des Umsatzes werden mit Getränken eingenommen, und in Clubs ist die Gewinnspanne riesig. Jeder dritte Deutsche ist laut einer Allensbach-Umfrage ein häufiger oder gelegentlicher Club-Gänger, und für Ungebundene sind Anzahl und Qualität der Clubs ein Standortfaktor. In Berlin sind die Clubs das größte Asset, mit dem die Stadt wuchern kann. Bald tragen Touristen ein Drittel zum Club-Geschäft in der Hauptstadt bei.

Der langfristige Ruf zählt

Nur sind schnelle Gewinne nichts wert, wenn langfristig der Ruf vor die Hunde geht, und deshalb sortiert der Eisenmann vor dem Berghain nun vermehrt Italiener, Schweden und Spanier aus, denen ihre Heimatblätter wie die Madrider „El País“ ganzseitig Kostenaufstellungen für ein Berghain-Wochenende vorgerechnet haben: 176,20 Euro inklusive Flug, Übernachtungen, Currywurst und Drinks in der Panoramabar im oberen Teil des Clubs.

Touristenhorden, die den Club-Mythos zerstören: das Problem hat Madjid Djamegari nicht. Sein Club heißt Gibson, er ist sechs Wochen alt, und wenn die Berghain-Macher eine Blackbox sind, ist Djamegari ein offenes Buch. Einen Mythos hat sein Club noch nicht, Touristenhorden vor der Tür wohl nie. Das Gibson steht in Frankfurt. Die Bankenstadt wird am Wochenende leerer, nicht voller, ein Club wie das Berghain würde in Frankfurt nicht laufen. Das Robert Johnson, der hessische Techno-Club von Weltruhm, 13 Jahre alt und mit fast so harter Tür wie im Berghain, im Programm ähnlich selbstbewusst bis an die Grenze der Arroganz, steht nicht im teuren Frankfurt, sondern im billigen Offenbach.

Wodka mit Wunderkerze

Frankfurt war mal Techno-Metropole, das Dorian Gray war legendär, doch die Zeiten sind vorbei. Im Gibson wird zwar samstags elektronische Musik gespielt, unter der Woche erklingt Handgemachtes: Band-Konzerte, dem Gesellschafterkreis gehört die Band Söhne Mannheims an.

Zwischen drei und vier Millionen Euro hat der Club gekostet, vier Jahre lang hat Djamegari geplant, er hat ein Martin Audio Soundsystem eingebaut, das mit dem kraftvollen Bass im Robert Johnson mithalten soll, das Prunkstück ist die Lichtanlage mit LED-Wand, die dreimal so teuer war.

Das Gibson braucht einen Durchlauf von 1200 Personen pro Abend, um kein Minus zu machen, die Gäste müssen neben dem Eintrittsgeld im Schnitt zwölf Euro für Getränke ausgeben. Wenn im Gibson alle 40 Tische besetzt sind, die man nur mieten kann, wenn man mindestens 250 Euro pro Tisch vertrinkt, dann ist das Geschäftsführer Djamegari nur recht. Die Flasche Schampus kostet 80 Euro, Wodka 120, er wird mit einer brennenden Wunderkerze serviert. Nicht selten sind die Empfänger wohlfrisierte Knaben von 18 Jahren im sorgfältig aufgeknöpften Oberhemd, mit locker gekrempelten Ärmeln, wohnhaft im Vordertaunus, Vater Banker, Mutter Galeristin, eine Klientel „mit sorgenfreiem Leben“, wie Djamegari mit einem Lächeln durchblicken lässt.

Eigentlich ist seine Zielgruppe zwischen 25 und 35, aber die Strategie der Taunus-Kids, mit einem reservierten Tisch die Garantie auf Einlass zu erkaufen, schadet seinem Geschäft nicht, auch wenn der Geschäftsführer betont, es würden auch Tischgäste abgewiesen.

Weder Tischgäste noch Tische

Ein Club wie das Gibson hätte es schwer in Berlin. Im Berghain gibt es weder Tischgäste noch Tische, noch gibt es Wodka-Flaschen zu erwerben. Es gibt auch keine Firmenveranstaltungen wie im Gibson, die 15 Mal im Jahr die höchste Rendite einspielen. Den Jahresumsatz der Berghain-Betreibergesellschaft Ostgut GmbH gibt ein Wirtschaftsdienst mit gerade mal 3,5 Millionen Euro an, stimmt die Zahl, wäre das für Frankfurter Mietpreisverhältnisse ein Witz.

Eine dieser schicken roten Stoffhosen, die derzeit durch deutsche Innenstädte getragen werden, hätte es vor dem Berliner Berghain wohl schwer, vor dem Frankfurter Gibson wohl nicht. Seit sechs Wochen ist die Pforte des Gibson von Donnerstag bis Samstag auf der Einkaufsmeile Zeil geöffnet, und wenn Geschäftsführer Djamegari ab 22 Uhr mit seinen Türstehern vor dem Eingang hockt und jeden vierten Wartenden wieder nach Hause schickt, dann weil sie nicht seinen Vorstellungen eines gepflegten Äußeren entsprechen (“Smart Casual“) oder auf den Boden geguckt haben (“negative Energie“) oder männlich sind. An der Tür des Gibson ist die Frauenquote längst Gesetz, der Frauenanteil im Club liege bei über 50 Prozent, berichtet Djamegari, „ein guter Wert“.

Ohne Frauen kein Mythos

Frauen sind wichtig. Ohne Frauen kein Mythos. Der Single-Anteil Frankfurts ist 60 Prozent stark, kämen zu viele Männer in Djamegaris Club, könnte er bald Insolvenz anmelden.

Im Grunde sei es aber so: „Wer zeigt, dass er sich in seiner Haut wohl fühlt, der kommt rein.“ An der Tür des Gibson ist es wie vor dem Berghain, es gilt das Marc-Aurel-Prinzip: Unser Leben ist das, was unser Denken daraus macht.

Und so schieben sich Samstagnacht die Wartenden in Berlin, München, Hamburg der Tür entgegen, Geschwindigkeit zwei Stundenmillimeter, auf der Frankfurter Zeil stehen drei Jungs im T-Shirt vor einer schwarzen Kordel, dahinter sitzt Madjid Djamegari, es geht jetzt um alles, die Alternativen sind eine Nacht voller Möglichkeiten oder Tristesse. Djamegari blickt die drei an, er sieht die T-Shirts, er denkt an die Frauenquote, er zögert. Dann gleitet die Kordel zur Seite.

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Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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