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Veröffentlicht: 06.06.2013, 19:29 Uhr

Nachschub erwünscht Das Geschäft mit den Sandsäcken

Stefan Seidel verkauft Sandsäcke, gefüllt oder ungefüllt. Wegen des Hochwassers brummt das Geschäft. Dass manche seiner Wettbewerber jetzt die Preise stark anhöben, sei „beschämend“.

von Christian Müssgens
© dpa Neuralgischer Punkt: Sandsackdamm in Sachsen-Anhalt

Das Telefon von Stefan Seidel klingelt zurzeit ohne Unterlass. Denn der Unternehmer aus Braunschweig verkauft ein Produkt, das die Menschen in den Hochwassergebieten dringend brauchen: Er liefert Sandsäcke, gefüllt oder ungefüllt, aus Jute oder Plastik, an Privatleute, Firmen und Behörden. Wegen der schweren Überschwemmungen im Süden und Osten der Republik brummt das Geschäft. Die Kunden reißen ihm die Beutel aus den Händen. Eine halbe Million Säcke seiner Firma Seidel GmbH sind allein in diesen Tagen auf Lastwagen in Richtung Elbe unterwegs. Sie fahren zum Beispiel nach Dessau in Sachsen-Anhalt oder nach Wittenberge im nördlichen Brandenburg, wo Einsatzkräfte die Deiche verstärken und Dämme gegen die wilden Fluten bauen.

Langsam, aber sicher gehen Seidel die Säcke aus. In ganz Deutschland seien kaum noch welche zu bekommen, sagt er. Nun versucht er über Großbritannien und Italien welche heranzuschaffen. Denn die Wege der üblichen Lieferanten aus Asien und der Türkei seien für einen akuten Notfall wie jetzt viel zu weit. Zum Schlafen kommt Seidel kaum noch. In den vergangenen Nächten habe er nie mehr als vier Stunden Schlaf gefunden, sagt der 61 Jahre alte Geschäftsführer im Gespräch mit der F.A.Z..

Leere Säcke kosten bei ihm zwischen 10 und 25 Cent je Stück

Seidel ist nicht der Einzige, der von der Hochwasserkatastrophe profitiert. Allerdings machten sich so manche Konkurrenten die Not der Leute zunutze, indem sie satte Preisaufschläge forderten, sagt er: „Das ist beschämend.“ Es gebe Wettbewerber, die für jeden leeren Sandsack 1,20 Euro verlangten - viermal so viel wie sonst. „Das ist für mich absolut unverständlich und geht gar nicht“, sagt er. Seidel hat die Preise nach eigenen Angaben auch leicht angehoben, um höhere Kosten für schnelle Sondertransporte in die Hochwassergebiete auszugleichen, allerdings nur um wenige Cent, betont er. Leere Säcke kosten bei ihm zwischen 10 und 25 Cent je Stück. Wer mit Sand gefüllte Säcke will, muss ungefähr 1,30 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer und Transportkosten auf den Tisch legen. Seidel liefert ab 25 Stück. Etwa fünfzig volle Säcke reichten für Privatleute, um Haustür, Terrassentür und Garage abzudichten. Allerdings hätten Feuerwehren, Stadtverwaltungen und Landkreise momentan Vorrang, sagt er.

Der Unternehmer ist ein alter Hase im Sackgeschäft. Vater und Großvater haben den Betrieb vor mehr als sechzig Jahren gegründet. Sie stellten Sacknähzwirne und große Nähmaschinen für Beutel her, erst später verkauften sie auch im Ausland produzierte Sandsäcke. Der Kreis an Wettbewerbern ist überschaubar. Seidel zählt sich hierzulande zu den größeren Anbietern in diesem Geschäft. Je nach Auftragslage beschäftigt er zwischen 5 und 15 Mitarbeiter. Leere Säcke werden aus Braunschweig verschickt, gefüllte Säcke kommen aus Süddeutschland. Im Katastrophenfall stockt Seidel das Personal im Süden schnell mit Aushilfen aus der Region auf. Das war schon im Jahr 2002 so, als die Elbe über die Ufer trat und Teile von Sachsen und Sachsen-Anhalt überschwemmte.

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Dieses Mal sei der Stress noch größer, sagt der Geschäftsführer. Die Pegel seien deutlich stärker gestiegen als erwartet. Folglich wurden mehr Flächen überflutet. Auch seien auf einen Schlag zahlreiche Gebiete sowohl in Deutschland als auch in den Nachbarländern betroffen. Die Transporte seien deshalb insgesamt aufwendiger als 2002. Nach dem kommenden Wochenende, so hofft er, wird das Schlimmste überstanden sein. Trotzdem bricht die Nachfrage nicht abrupt ein: Die nächste Auftragswelle kommt in zwei bis vier Wochen, wenn die Feuerwehren ihre Lager auffüllen.

Den Vorwurf, ein Krisengewinner zu sein, lässt Seidel nicht gelten: „Wir verkaufen Materialien, die Menschen helfen, ihr Hab und Gut zu schützen - und das zu einem vernünftigen Preis.“ Das lasse ihn gut schlafen. An neue Geschäftsfelder denkt er nicht: „Wir sind sehr gut ausgelastet.“ Außerhalb von Krisenzeiten bestellen zum Beispiel Bauunternehmer Säcke, um Baustellen abzusichern.

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