Home
http://www.faz.net/-gqe-74gkx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Myanmar Viel Geld für Burma - nur wofür?

Burma wandelt sich in atemberaubendem Tempo von einer der schlimmsten Militärdiktaturen der Welt zu einer asiatischen Demokratie. Das Land steht auch bei Geldgebern hoch im Kurs. An Geld mangelt es kaum einer Hilfsorganisation, doch oft fehlt es an Möglichkeiten, die Mittel sinnvoll einzusetzen.

© dapd Hauptsache vorwärts: In Burma ist jedes Fortbewegungsmittel recht.

Die gut 50 Kinder schaffen gerade noch die Dankgebete für ihre Spender, dann schieben sie schnell den Reis und das Gemüse in den Mund, bevor der Tag seinen Höhepunkt erreicht: Die deutschen Unterstützer des Waisenhauses vor den Toren der brodelnden Wirtschaftsmetropole Rangun haben Eiscreme mitgebracht. Mango, Vanille, Erdbeere - für die kleinen Burmesen zwischen fünf und 17 Jahren ein Fest. Viele von ihnen wurden als Babys von ihren Eltern auf der Straße abgelegt, weil sie zu arm waren, das Kind zu ernähren.

Christoph Hein Folgen:

Viele haben ihre Eltern aber auch während des Zyklons Nargis 2008 verloren, bei dem wohl mehr als 100.000 Burmesen ihr Leben verloren. Das deutsche Waisenhaus ist perfekt geführt, im Hinterhof wachsen gerade die Betonpfeiler in die Höhe für ein zweites Haus, in dem später Mädchen aufgenommen werden.

Jeder Dollar wird gebraucht, keine Frage

Dank der rührigen Organisatoren mit ihrer jahrzehntelangen Burma-Erfahrung wird das Geld hier bestens eingesetzt. An Geld mangelt es derzeit auch kaum einer Hilfsorganisation in Burma. Das Land, das sich seit eineinhalb Jahren in atemberaubendem Tempo von einer der schlimmsten Militärdiktaturen der Welt zu einer asiatischen Demokratie wandelt, steht bei Gebern hoch im Kurs. Zu hoch vielleicht - denn im Land fehlt es immer öfter an Möglichkeiten, den Zustrom des Geldes sinnvoll einzusetzen. „Da werden Säcke mit Dollarnoten ins Land getragen, und niemand weiß so recht, was er damit soll“, warnt die Vertreterin einer deutschen Stiftung in der Region. Annette Dixon, Chefin der Weltbank für Südostasien, sagt nur wenig diplomatischer, Burma verzeichne „einen massiven Zufluss von Gebern, aber eine sehr schwache Aufnahmefähigkeit“.

Jeder Dollar wird gebraucht, keine Frage. Jeder vierte Burmese lebt unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 Dollar am Tag, drei von vier Menschen hier haben keinen Zugang zu Elektrizität. Das Land befreit sich von seinen Ketten, liegt aber in Scherben. Dabei war Burma noch 1948, als die englischen Kolonialherren ihre Seekisten packten, das reichste Land der Region: Teak und Rubine, Jade und Rauschgift zwangen die Briten ihm ab. Nach Jahrzehnten der Militärjunta fehlen heute die einfachsten Strukturen, wenigstens Hilfsgelder an die richtigen Stellen zu leiten. Zudem ist Burma von Korruption durchwuchert. „Die Regierung findet die richtigen Worte und nutzt den Sprachschatz der Entwicklungshilfe. Aber in den unteren Etagen bleiben die Denkmuster die alten. Bis jetzt sind die richtigen Worte noch nicht in der Bürokratie angekommen“, sagt Thein Swe, Professor an der thailändischen Chiang Mai Universität für Südostasiatische Studien.

Mehr zum Thema

Die Probleme beleuchtete eine Versammlung der Geber am Rande des Jahrestreffens von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in Tokio: So wie die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi bei ihrer ersten Auslandsreise zum Weltwirtschaftsforum nach Thailand Investoren zur Vorsicht mahnte, warnen nun die Helfer. „Bitte, strömen Sie nicht einfach so hinein“, rief Khin Ohmar ihnen in Tokio zu. Sie leitet die in Thailand mit seinen Hunderttausenden burmesischen Flüchtlingen ansässige Burma Partnership. „Wir müssen erst mal Luft holen. Und dann sicherstellen, dass wir wirklich das Richtige tun.“ Umstritten bleibt vor allem der Auftritt Japans in Burma.

Infografik / Karte / Burma © F.A.Z. Vergrößern Burma

Die Japaner sind neuerdings die wichtigsten Investoren. Und sie schaffen sich Wohlwollen auch über den raschen Erlass von 3,7 Milliarden Dollar Schulden der Burmesen Ende April. Ein westlicher Botschafter in Rangun bezeichnet das Streichen als „hart an der Grenze des von den Geberländern geduldeten Verhaltens“. Dem Vernehmen nach hat der Pariser Club sein Veto eingelegt, deshalb konnte Japan die Schulden der Burmesen nur zu 60 Prozent erlassen. Der IWF zeigte sich über die Geschwindigkeit, mit der die Japaner die Schulden aus den Büchern nahmen, erstaunt: „So etwas haben wir noch nicht gesehen.“ Tokio hat auch neue Überbrückungskredite von rund 1 Milliarde Dollar versprochen, um die Burmesen vom Druck der Rückzahlung ihrer seit Jahrzehnten bestehenden Kredite bei der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank zu befreien. Dixon wird für diplomatische Verhältnisse sehr deutlich: „Myanmar kommt wohl nicht in Frage für einen Schuldenerlass.“ Da hatten die Japaner ihn freilich schon seit Monaten gewährt. Der Botschafter, der offiziell nicht sprechen darf, zieht die klare Verbindung zwischen dem Wunsch, große Entwicklungs- und Industrieprojekte zu ergattern, und Entwicklungshilfe. „Diese Chance hat Japan sehr früh erkannt und genutzt.“ Anders als der Westen hatte Japan nie einen Bann gegen Myanmar verhängt - das gab ihm nun eine gute Ausgangsposition. Der Gewinn ist nicht zu übersehen: Die Tokioter Banken wie Mitsubishi UFJ, Sumitomo Mitsui und Mizuho Financial sind längst in Rangun. Die Japaner bauen die Börse dort auf. Ihre Autoindustrie will erste Werke bauen. Und sie sollen den 2400 Hektar großen Industriepark Thilawa entwickeln.

Allerdings kommt Japan dabei den „Cronies“, den burmesischen Multimillionären, die ihr Vermögen durch die Nähe zur Junta machten, sehr nahe. Viele von ihnen stehen noch auf der schwarzen Liste der Amerikaner. Auch ist völlig offen, welche der Optionen am Ende eine wirkliche Rendite bringen wird. „Der politische Prozess ist jetzt auf dem richtigen Wege. Um unsere Wirtschaft aber aufzubauen, brauchen wir irgendein Modell, einen Fahrplan. Für so etwas gibt es aber kein Modell“, sagt Tin Maung Thann, der die burmesische Denkfabrik Egress in Rangun leitet. „Wir können doch nicht mehr die Lehren des 20. Jahrhunderts anwenden. Schließlich sind wir im 21. Jahrhundert.“

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kursstürze und Abwertungen Asiens Krise ist keine neue Asien-Krise

Schon geht die Furcht vor einer Asien-Krise wie 1997 wieder um. Doch sind die Staaten heute besser gewappnet als vor 17 Jahren. Die neue Krise ist anders. Mehr Von Christoph Hein, Singapur

26.08.2015, 08:39 Uhr | Wirtschaft
Rangun in Myanmar Attraktiv durch weniger Stau

Die Wirtschaftsmetropole Rangun leidet zunehmend unter verstopften Straßen. Denn seit dem Ende der Militärherrschaft 2011 gibt es immer mehr Autos. Deswegen steigen viele Pendler zunehmend auf ein Relikt aus der Kolonialzeit um: die Eisenbahn. Mehr

15.03.2015, 11:59 Uhr | Gesellschaft
Terror in Bangkok Der Anschlag zerstört auch die Hoffnungen der Junta

Die Attentäter von Bangkok hatten vor allem Touristen im Visier. Das Geschäft mit den ausländischen Gästen ist das einzige, was in Thailand derzeit noch funktioniert. Mehr Von Christoph Hein, Singapur

18.08.2015, 06:01 Uhr | Wirtschaft
16.000 Goldkacheln Neuer Glanz für Myanmars berühmteste Pagode

In regelmäßigen Abständen wird das Gold an der berühmten Shwedagon-Pagode in Rangun in Myanmar erneuert, so auch derzeit wieder. Dieses Mal haben besonders viele Menschen für die Renovierung gespendet: 16.000 Goldplatten zu umgerechnet jeweils rund 550 Euro sind zusammengekommen. Mehr

01.05.2015, 12:25 Uhr | Gesellschaft
Standort China Die Werkbank der Welt exportiert ihre Probleme

China muss seine Wirtschaft umbauen. Überkapazitäten in exportorientierten Sektoren stoßen auf langsameres weltwirtschaftliches Wachstum. Das sorgt nicht nur im eigenen Land für Unruhe. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Rolf J. Langhammer

18.08.2015, 21:09 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 19.11.2012, 17:26 Uhr

Brüssel greift deutsche Sparer an

Von Markus Frühauf

Deutschlands Sparkassen, Volksbanken und private Geldhäuser schützen Sparer über das gesetzliche Minimum hinaus. Diese Systeme werden geschwächt, wenn die Einlagensicherung in Europa vergemeinschaftet wird. Mehr 73 146


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden