05.12.2006 · Die Morde an russischen Wirtschaftsführern nehmen kein Ende: Nun wurde der Generaldirektor eines Gasunternehmens erschossen. Der Mord am Vizepräsidenten der Zentralbank könnte unterdessen kurz vor der Aufklärung stehen.
Von Michael Ludwig, MoskauIn der russischen Geschäftswelt hat es wieder ein Todesopfer gegeben. Am Montagabend wurde der Generaldirektor des Gasunternehmens Itera-Samara, Aleksandr Samojlenko, unweit des Firmensitzes in der Provinzhauptstadt Samara an der mittleren Wolga erschossen.
Nach einer der beiden Versionen über den Tathergang wurde Samojlenko in seinem Auto von mehreren Kugeln aus einer automatischen Waffe getroffen. Nach der anderen Version fielen die Schüsse, als er das Büro verließ.
Leeres Magazin und Patronenhülsen
Samojlenko, der in Begleitung eines Kollegen war, der lediglich verletzt wurde, starb auf dem Weg ins Krankenhaus. In der Nähe des Tatorts wurde später ein Auto gefunden, das angezündet worden war und aus dem der oder die Täter vermutlich die Schüsse abgegeben hatten. Ebenso wurden ein leeres Magazin und Patronenhülsen gefunden. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, daß der Mord im Zusammenhang mit Samojlenkos Beruf stand.
Itera-Samara ist Teil des privaten Itera-Konzerns, der zur Gruppe der unabhängigen russischen Gasunternehmen zählt. Große Teile des Konzerns wurden in den vergangenen fünf Jahren allerdings vom staatlichen Gasmonopolisten Gasprom übernommen. Samojlenko war vor zwei Wochen überdies zum Chef der Firma Awtowaz-Energo bestellt worden, einer Tochter des Autoherstellers Awtowas.
Auftragskiller und Kalaschnikows
Der Autokonzern war im vergangenen Jahr von der staatlichen Rüstungsfirma Rosoboroneksport übernommen worden. Unter den Gründen für die Übernahme von Awtowas war, wie die „Moscow Times“ berichtete, damals das Bestreben genannt worden, das Unternehmen von kriminellen Elementen zu säubern.
Daß Banker oder Industrieunternehmer in Rußland gefährlich leben, weiß man seit den neunziger Jahren, als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine neue Unternehmenslandschaft entstand. Außer Pfiffigkeit und Chuzpe waren damals gut „geschmierte“ Beziehungen zu den Chefetagen der chronisch klammen Staatsmacht in Moskau und in den Provinzen hilfreich, um bei Privatisierungen zum Zuge zu kommen. Schon das war nach gängigen Maßstäben kriminell.
Um aber in den turbulenten Neunzigern als Unternehmer zu überleben oder Branchenführerschaften zu erlangen, kamen nicht selten auch Auftragskiller und Kalaschnikows zum Einsatz.
Neue Killerserie
Das alles schien mit dem Beginn des neuen Jahrtausends fast vorbei. Dieser Befund war wohl voreilig: Im November wurde der Vizepräsident der Spezstrojbank, Konstantin Meschtscherjakow, vor seinem Haus in Moskau erschossen. Einen Monat zuvor hatte ein gewaltsamer Tod von fremder Hand den Leiter einer Moskauer Filiale der Wneschtorgbank, Aleksandr Plochin, ereilt. Im selben Monat wurde auch der stellvertretende Chef des Unternehmens Rusia-Petroleum, Enwer Sigaschin, in der Banja von Killern niedergestreckt. Es glich einer Hinrichtung.
Die jüngste „Killerserie“, der bislang drei russische Banker zum Opfer fielen, hatte im September begonnen, als der Vizepräsident der russischen Zentralbank, Andrej Koslow, ermordet wurde. Es war ein Auftragsmord. Koslow hatte im Kampf gegen Geldwäsche in Banken Ernst gemacht und wurde auf offener Straße erschossen.
Bei den Tätern soll es sich um ukrainische Auftragskiller gehandelt haben. Die Hintermänner blieben bislang im Dunkel. Vielleicht erfährt man bald mehr, denn Generalstaatsanwalt Jurij Tschajka sagte am Dienstag in Moskau, der Mord an Koslowskij sei „praktisch aufgeklärt“, mehrere Personen seien verhaftet worden, die in einer unmittelbaren Beziehung zu dem Mord stünden. Roß und Reiter nannte Tschajka aber noch nicht.
Bedrohung aus Tschetschenien
Möglicherweise werden auch die Hintergründe der anderen Morde an russischen Geschäftsleuten in jüngster Zeit aufgeklärt und die Täter gefaßt. Gewiß ist das aber keineswegs, weil in Justitias russischen Gefilden viel versandet und die Ordnungskräfte, wie die russische Führung ja selbst eingestanden hat, nicht über jeden Verdacht erhaben sind, wenn es um Aufklärung von Verbrechen geht.
Hinzu kommt nun offenbar ein neues Element in der Gewaltszene, mit dem so schnell keiner gerechnet hatte, weil die kriegerischen Auseinandersetzungen in Tschetschenien noch nicht zu Ende sind und deshalb manche Hände gebunden schienen. Ein Ereignis in Sankt Petersburg zeigte das Gegenteil.
Eine Gruppe von Tschetschenen mischte dort vor einigen Wochen eine Fleischfabrik auf. Das Neue daran war, daß Angehörige tschetschenischer Spezialeinheiten an den Newa-Fluß gereist waren und der Kommandeur des berüchtigten Bataillons „Wostok“ und „Held Rußlands“, Sulima Jamadajew, höchstselbst die Petersburger Gewaltaktion leitete.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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