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Mode Die Karriere einer Badelatsche

14.08.2006 ·  Flip-Flops haben die Füße der Deutschen erobert - jetzt soll die Marke für mehr als nur Schuhe stehen. Selbst an Winterstiefeln hat sich der Hersteller schon versucht.

Von Henrike Roßbach
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Er ist ein Schuh von Welt. Als schickes Accessoire, oft teuer, weil von Designerhand, schmückt er die Füße der modebewußten Großstadtfrau von Los Angeles bis Sydney.

Zusammengebastelt aus einem Stück Seil, alten Autoreifen oder zertretenen Plastikflaschen, ist er dagegen in den armen Ländern der Welt die oft einzige Alternative zum Barfußlaufen.

Eine Sohle und zwei Schnüre

Der Flip-Flop, auch Zehengreifer oder einfach nur Badelatsche genannt, ist ein solch schlichtes Produkt, daß er es nur knapp in die Kategorie Schuh schafft. Eine Sohle und zwei Schnüre, die zwischen dem großen Zeh und seinem Nachbarn verlaufen - fertig.

Doch trotz aller Schlichtheit hat dieser Schuh das Zeug zum Siegertypen, ja sogar zum Mythos. Eigentlich gab es Flip-Flops schon seit den sechziger Jahren. Sie hießen nur nicht so, zumindest nicht in Deutschland, und richtig schick waren sie auch nicht. Schnell gekauft vor dem Italien-Urlaub, schnell zerlatscht und weggeworfen, das war's.

Eine neue Latschen-Generation

Dann kam Stefanie Schulze. Sie ließ sich den Namen Flip-Flop - der lautmalerisch das Geräusch beschreibt, das beim Laufen in den Latschen entsteht - in Deutschland und Europa als Marke schützen. In Amerika nannte man die Plastikschuhe schon länger so.

1998 gründete Schulze die Flip-Flop GmbH und begann, eine neue Latschen-Generation zu entwerfen: in den leuchtenden Farben des Sommers, aus weichem, angenehmem Gummi, waschbar, haltbar und trotzdem günstig genug, um mehr als nur ein Paar zu besitzen.

Der Markenname wurde Synonym für das Produkt

Der Erfolg war überwältigend. 2002 und 2003 wurden Flip-Flops zum Trendschuh des Sommers. Jeder trug sie, und angestoßen vom Original mit dem Flip-Flop-Namenszug, gingen plötzlich Tausende dieser Sandalen über die Ladentheken, auch andere Modelle, von billig bis teuer.

2002 wurden rund 6 Millionen Paar verkauft. Flip-Flop hatte einen Marktanteil von 10 Prozent. Was aber viel mehr zählte: Der Markenname war zum unangefochtenen Synonym für Zehengreifer jeglicher Machart geworden, vergleichbar nur mit dem Papiertaschentuch, das jedermann bloß Tempo nennt.

Die Schuhe haben Frauen infiziert

„Wie infiziert die Frauen von Flip-Flop waren“, sinniert Bernd Hummel, „das war Faszination pur.“ Der Inhaber der Bernd Hummel GmbH, die der größte Lizenznehmer der amerikanischen Schuhmarke Kangaroos ist und deren Sportschuhe in 16 Ländern Europas vertreibt, mußte einfach zugreifen, als sich ihm 2003 die Chance bot, die Flip-Flop-Markenrechte von Stefanie Schulze zu kaufen. Als dann noch seine Töchter sagten: „Ja, die kannst du kaufen“, war es entschieden.

Hummel ist ein Mann von gewinnendem Wesen, nicht groß, mit silberweißen Haaren und gemächlichem Pfälzer Zungenschlag. Wenn er den Erfolg des schlichten Schuhwerks zu erklären versucht, spricht er von Simplizität und Qualität und von „perfekter Farbgestaltung“.

Moonboots statt Sandalen

Von Anfang an aber glaubte er, daß in der Marke mehr schlummert als nur ein erfolgreicher 17-Euro-Sommerschuh. „Ich wollte nicht der König der Badelatschen werden, sondern mehr draus machen“, sagt er. Flip-Flop transportiert für ihn ein Gefühl von Urlaub.

Und weil sich das, so glaubt Hummel, gut verkaufen läßt, erweiterte er die Palette um Accessoires, Textilien und Schuhe jenseits der Badelatsche. Aus einem Produkt, dem Schuh, wurden 20, dann 40 Artikel. Die aktuelle Kollektion besteht aus fast 90 Teilen. Und: Die Marke sollte nicht länger nur im Sommer zu Hause sein. Das Unternehmen setzte 2005 dazu an, auch Herbst und Winter zu erobern, mit Moonboots statt Sandalen.

Eigener Flip-Flop-Laden

18 Mitarbeiter hat die Flip-Flop GmbH heute, vier weitere arbeiten im ersten Flip-Flop-Laden, der vor kurzem in Zweibrücken eröffnet hat. Die Schuhe entstehen in asiatischen Fabriken, die Textilien in der Türkei; Design und Vertrieb sind deutsch. Noch bedient sich das Unternehmen vor allem der Vertriebskanäle Online-Shop und Großhandel über Kaufhäuser oder Schuhhändler wie Peek & Cloppenburg oder Görtz.

Auch in den Benelux-Ländern, in Italien und Frankreich werden Flip-Flops verkauft. Nun sollen weitere eigene Läden eröffnen, im Januar in Berlin, dann nach und nach in allen deutschen Großstädten. Auch Shop-in-Shop-Konzepte schweben Hummel vor, sobald die Kollektion groß genug ist, um das ganze Jahr über die geforderte Flächenproduktivität zu gewährleisten. In Südkorea und auf Zypern gibt es schon jetzt Flip-Flop-Läden, geführt von Franchise-Partnern.

Entwicklung der Produkte wichtiger als schnelles Wachstum

Von den alten Handelsvertretern hat sich die neue Unternehmensführung getrennt. Nun setzt man in Pirmasens auf eigene Vertriebsleute - auch wenn das zunächst einmal Absatz- und Umsatzeinbrüche bedeutete.

Für 2006 rechnet Hummel mit einem Großhandelsumsatz von 3 Millionen Euro und einem Absatz von 150.000 klassischen Flip-Flops. Im kommenden Jahr sollen es 300.000 sein. „Wir sind klein, und das ist der absolute Anfang.“ Wichtiger als schnelles Wachstum sei ihm die Weiterentwicklung der Produkte. Den Kauf der Marke sieht er als Langfristinvestment.

Alte Fabrik wird zu Geschäfts-Palast

Im schneeweißen Showroom des Unternehmens breitet sich die schöne, bunte Flip-Flop-Welt aus. Neben Kangaroos und Flip-Flop ist der Umbau von historischen Industrie- und Militäranlagen in Wohn- und Geschäftsimmobilien das dritte Standbein von Bernd Hummel.

Sein erstes Projekt dieser Art war der „Neuffer am Park“ in Pirmasens. Hummel verwandelte die alte Schuhfabrik, die oberhalb der Stadt langsam verfiel, in einen strahlend weißen Palast, in den Ärzte, Restaurants, ein Radiosender und verschiedene Geschäfte Einzug gehalten haben.

Ballerinas von Himbeer bis Pistazie

Und eben Kangaroos und Flip-Flop. Weiß sind die hohen Wände, die Decken und Böden. Weiß sind die Quader, auf denen die Kollektion leuchtet: Ballerinas von Himbeer bis Pistazie, Espandrilles und für den Winter Stiefel. Sandalen mit Ledersohle, Taschen, Wendehüte, unifarbene Kleidchen und Bikinis, Schals und Notizbücher. An der Wand hängen die Ur-Flip-Flops in den Farben der Saison und werfen ihren Farbschatten auf die Kollektion für den Sommer 2007.

„Pudrig und abgewaschen“ nennt Designerin Nadia Tatomir die Töne, die „Schoko“, „Light Coral“ oder „Sky Blue“ heißen. Hinter der Marke stecke keine „Wahnsinnsphilosophie“, sagt sie. Liebhaberstücke seien das, die für sich selbst stünden. Eben Sachen, die Frauen eigentlich nicht brauchen - aber gerne haben.

Quelle: F.A.Z., 14.08.2006, Nr. 187 / Seite 16
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Jahrgang 1979, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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