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Mobiles Internet Die Telefonminute stirbt den Flatrate-Tod

Die klassische Telefonminute ist tot: Der Anbieter O2 lässt seine Kunden künftig nur noch für das mobile Internet bezahlen. Mit Sprachdiensten verdienen die Netzbetreiber immer weniger Geld.

© Bloomberg Vergrößern Reden ist Silber: Ein Besucher der Branchenmesse in Barcelona benutzt sein Telefon trendbewusst

Wer bisher beim mobilen Telefonieren sparen wollte, hielt sich kurz. Das ist in Zukunft die falsche Strategie, zumindest im deutschen Handynetz des spanischen Betreibers Telefónica, besser bekannt unter seinem Markennamen O2. „Wir schaffen die Telefonminute ab“, verkündete der Vorstandsvorsitzende der deutschen Telefónica-Tochtergesellschaft, René Schuster, am Rande des Mobile World Congress in Barcelona. Telefonate und SMS seien in den neuen Tarifmodellen künftig „überall unbegrenzt dabei“. Das bedeutet: Sprach- und Kurzmitteilungsdienste kosten nichts mehr; bezahlt wird nur noch für Daten und das mobile Internet.

Das neue Tarifmodell heißt O2 Blue und soll am Freitag starten. Telefónica bietet vier Varianten zu Preisen von 19,99 bis 49,99 Euro. Der Einstiegstarif beinhaltet neben Telefonaten und SMS einen Datenverkehr von 50 Megabyte in UMTS-Geschwindigkeit. Im teuersten Tarif stehen 5 Gigabyte im schnellen neuen LTE-Netz zur Verfügung. Wenn das Datenvolumen verbraucht ist, wird die Geschwindigkeit gedrosselt. „Wir sind der erste deutsche Netzbetreiber, der sein Tarifportfolio komplett nach den Datenbedürfnissen seiner Kunden ausrichtet“, sagte Schuster und sprach von einer „Revolution im deutschen Mobilfunk“.

„Sprachdienste werden komplett irrelevant“

Der Schritt lässt sich freilich auch anders interpretieren. In der Branche geht der Trend ohnehin mit hoher Geschwindigkeit weg vom Sprach- und hin zum Datengeschäft. Das ist die eigentliche Revolution. Mit normalen Telefonaten verdienen die Anbieter kaum noch Geld. Manche haben darauf schon in der Vergangenheit mit umfassenden Flatrate-Angeboten vor allem für Inlandstelefonate und SMS reagiert. Insofern passt Telefónica in Deutschland seine nach eigener Einschätzung „sehr aggressiven“ Preismodelle nur besonders konsequent an die faktische Entwicklung an.

Beratungsunternehmen wie Booz & Company haben das Jahr 2013 mit Blick auf die Entwicklung von Sprach- und Datendiensten bereits als „Wegscheide“ für die Mobilfunkindustrie identifiziert. Während die Datennachfrage steigt, sinken die Umsätze der Mobilfunkunternehmen aus ihren traditionellen Telefonangeboten sukzessive, sagt Booz-Partner Roman Friedrich. Die Konsequenz? „Sprachdienste werden komplett irrelevant“, prognostiziert Friedrich.

Wer sich derzeit auf dem Mobile World Congress umhört, dem größten Branchentreffen der Welt, bekommt diese These allenthalben bestätigt. Ob Gerätehersteller wie Nokia oder Netzbetreiber wie Vodafone, vom Telefonieren spricht hier kaum mehr jemand. Das große Thema ist vielmehr: Wie bringen wir die nächste Milliarde oder gar die nächsten zwei Milliarden Menschen, vor allem in den Schwellenländern, ins Internet?

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Der Vorstandsvorsitzende des indischen Mobilfunkunternehmens Bharti Airtel beispielsweise, Manoj Kohli, sagt in Barcelona: Die junge Generation in den Ländern Asiens und Afrikas sei „sehr hungrig“ danach, endlich mobil online zu gehen. Und darauf müssten sich die Unternehmen einstellen. Noch hat sich offenbar nicht überall diese Erkenntnis durchgesetzt. Kohli bezeichnete es als wichtig, das Unternehmensethos von der Sprache auf Daten neu auszurichten. Unternehmen wie Vodafone dringen mit Macht auf diesen Umbau. Für den VorstandsvorsitzendenVittorio Colao etwa ist die Bezeichnung „Telekommunikationsunternehmen“ fast schon ein Begriff aus der Vergangenheit.

Wie stark sich die Branche im Umbruch befindet, verdeutlichen wenige Zahlen. Dem Hightech-Verband Bitkom zufolge machen Datendienste schon heute rund 44 Prozent des deutschen Marktes für Mobilfunkdienste aus. Die Quote dürfte rasant steigen. Booz-Partner Friedrich hat ausgerechnet, dass 2011 das letzte Jahr war, in dem traditionelle Mobilfunker wie die Deutsche Telekom oder Vodafone global gesehen noch einen leichten Zuwachs für ihre Umsätze mit Sprachdiensten verzeichnen konnten. Bis 2016 werde dieser immer schneller sinken.

Auch für O2 ist die Sache klar. 95 Prozent der von dem Münchner Netzbetreiber verkauften Mobiltelefone sind inzwischen Smartphones. Und diese Geräte entfalten einen immer größeren Appetit auf Daten. Nach Prognosen des Telekommunikationsausrüsters Ericsson dürfte sich der Datenverkehr auf der ganzen Welt zwischen 2012 und 2018 in etwa verzwölffachen. Da scheint es nur logisch, sich auch in der Preisgestaltung genau darauf zu konzentrieren. Die anderen Mobilfunkunternehmen, glauben die Verantwortlichen von O2, dürften mit ähnlichen Tarifmodellen bald nachziehen.

Quelle: F.A.Z.

 
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