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Minenarbeiter in Südafrika Tückischer Goldstaub

31.10.2011 ·  In Südafrika fordern ehemalige Arbeiter in den Goldminen Entschädigungen für Lungenerkrankungen. Die Schadenssumme könnte mehrere hundert Millionen Euro betragen.

Von Claudia Bröll, Johannesburg
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© REUTERS Ein südafrikanischer Minenarbeiter im Goldstaub

Früher war Toto Willie ein kräftiger Mann. Heute muss der 50 Jahre alte Südafrikaner schon nach wenigen Sätzen nach Luft schnappen. Sein Atem rasselt wie der eines Kettenrauchers. Zehn Jahre lang fuhr er tagtäglich in die Schächte der südafrikanischen Goldminen von Anglo American. Er kauerte in Stollen, bohrte in Felswände, wuchtete Gesteinsbrocken. Wie Millionen schwarzer Minenarbeiter in Südafrika verdiente er sich unter Tage seinen Lebensunterhalt. Dann setzte ein Arztbesuch seinem Arbeitsleben abrupt ein Ende. Ersparnisse hatte er keine, eine Rente auch nicht, Lohn gab es noch für zwei Wochen. Seitdem sitzt Willie in Happy Valley, einem Armenviertel nahe Kapstadt. Durch das vergitterte Fenster seiner Wellblechhütte verkauft er Kartoffelchips und Kerosin. „Das Atmen fällt schwer“, sagt er, „richtig arbeiten? Das geht nicht mehr.“

Willie leidet an einer Staublunge, einer Krankheit, die Ärzte nicht umsonst auch die „Minenarbeiterkrankheit“ nennen. Die Arbeiter in Goldbergwerken sind permanent Schwaden von Staub ausgesetzt. Werden die Staubpartikel inhaliert, zersetzen sie über die Jahre hinweg die Atemwegsorgane. Eine Heilung ist ausgeschlossen. Tatsächlich sterben weitaus mehr Minenarbeiter an Lungenerkrankungen als bei Unfällen in den Bergwerken zu Tode kommen. Nur nimmt von ersteren kaum jemand Notiz.

300.000 Erkrankte

Im kommenden Jahr könnte sich das ändern. Anwälte in Südafrika bereiten eine Sammelklage gegen nahezu alle namhaften südafrikanischen Goldproduzenten vor, um Entschädigungen durchzusetzen. Es ist ein Präzedenzfall. Niemals zuvor gab es in dem Land eine Sammelklage. Auch das Ausmaß des Verfahrens dürfte bisherige ähnliche Rechtsstreitigkeiten bei weitem übertreffen. Groben Schätzungen nach leiden bis zu 300.000 frühere Minenarbeiter an Staublunge oder Tuberkulose. Analysten halten eine Schadenssumme von mehreren hundert Millionen Euro für möglich.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Anglo American. Der britisch-südafrikanische Konzern hat seine Entstehung und seinen Aufstieg dem gelben Metall zu verdanken, hat sich aber mittlerweile vom Goldgeschäft verabschiedet. Jetzt holt ihn die Vergangenheit ein. Stellvertretend für 450 frühere Arbeiter ziehen Anwälte in London gegen Anglo American vor Gericht. „Die große Frage ist, wie hoch die Entschädigungszahlungen sein werden“, sagt Leon Esterhuizen von RBC Capital Markets in London. „Alles hängt davon ab, ob man den Konzernen Nachlässigkeit nachweisen kann. Wir reden sicher nicht von kleinen Summen“. Die Fälle lenken die öffentliche Aufmerksamkeit aber auch auf die rauen Anfänge des Goldbergbaus in Südafrika und die spätere Politik der Rassentrennung. „Schwarze Minenarbeiter wurden wie eine Ware behandelt“, sagt der südafrikanische Anwalt Richard Spoor, der die Sammelklage anstrengt, dieser Zeitung. „Ständig strömten junge gesunde Männer in die Bergwerke, sie wurden benutzt und wenn sie nicht mehr arbeiten konnten, buchstäblich ausrangiert“.

Die tiefsten Minen der Welt

Welchen Status die Kumpel hatten, zeigt sich noch heute. Minenarbeiter sind bis vor kurzem die einzige Berufsgruppe gewesen, die Arbeitgeber nicht auf gesundheitliche Schäden verklagen konnte. Das hatten die Gesetzgeber vor mehr als 100 Jahren festgelegt - und nicht ohne Grund. Wer sich in der Zeit des Goldrauschs in die allerersten Bergwerke wagte, wusste, dass er dabei sein Leben riskierte. Erst Anfang dieses Jahres hat das Verfassungsgericht die alte Regelung faktisch für nichtig erklärt und damit eine neue Ära in den Arbeitsbeziehungen in der Bergbaubranche eingeleitet. Jetzt erwarten Rechtsexperten eine Flut von Entschädigungsklagen.

Auslöser war der Fall eines Arbeiters namens Thembekile Mankayi. Nach 16 Jahren Beschäftigung habe ihn sein Arbeitgeber Anglo Gold Ashanti - damals noch Teil von Anglo American - nach einer Röntgenuntersuchung einfach nach Hause geschickt, erzählt Spoor. Entsprechend der Rechtslage erhielt er aus einem staatlichen Entschädigungsfonds umgerechnet 1600 Euro. Ein lächerlicher Betrag aus Sicht von Mankayi. Er forderte 270.000 Euro für entgangenen Lohn und die Behandlungskosten. Seinen Sieg vor dem Verfassungsgericht sollte der Arbeiter tragischerweise nicht mehr erleben. Er starb wenige Tage zuvor im Alter von 53 Jahren an seiner Lungenerkrankung.

Der Staub ist in Südafrikas Goldbergwerken besonders tückisch. Zum einen sind die Minen die tiefsten der Welt, was die Ventilation erschwert. Zum anderen enthält der Staub quarzhaltige Partikel, die besonders großen Schaden in der Lunge anrichten. Heute treffen immer mehr Unternehmen Vorkehrungen wie moderne Belüftungssysteme, Staubmasken oder Wassersprenkler. Damit ist das Risiko zwar noch lange nicht beseitigt, aber verglichen mit der Lage vor 20 Jahren ist es ein Fortschritt. Ein Arbeiter berichtete auf der Hauptversammlung von Anglo American, wie sich die Kumpel damals aus der Not heraus selbst Staubmasken aus gestohlenem Verbandszeug bastelten. „Wir hätten zumindest jeden Abend unsere Anzüge waschen und duschen sollen, aber das wurde schwarzen Arbeitern vorenthalten“, lies er seine Frau vorlesen, weil er selbst kaum sprechen konnte. Nach einer Studie des Aurum Instituts in Johannesburg leidet beinahe jeder vierte Minenarbeiter in Südafrika an Staublunge. Schätzungen nach kommen immer noch 2000 bis 3000 Neuerkrankungen jedes Jahr hinzu.

Die Unternehmen schweigen

Schließen sich die Richter der Sicht der Arbeiter an, wäre dies ein harter Schlag für die Goldförderer, die ohnehin mit steigenden Produktionskosten zu kämpfen haben. Trotzdem wollen sich die Unternehmen bisher nicht dazu äußern. Es sei bekannt, dass eine Sammelklage vorbereitet werde, teilte die Kammer der Minengesellschaften mit. Man warte aber noch auf konkrete Informationen. „Wir akzeptieren, dass Lungenerkrankungen eine Herausforderung darstellen“, heißt es weiter. Seit einiger Zeit bemühten sich die Unternehmen auch um Hilfen für betroffene Arbeiter und um bessere Arbeitsbedingungen. Von 2014 an solle niemand mehr an Staublunge erkranken.

Willie mag das noch nicht überzeugen. Er hat in seinem Laden nur eine Sorge: Dass all die Bemühungen und Prozesse zu lange dauern und ihm ein ähnliches Schicksal wie Mankayi bevorsteht. „Aber auch wenn ich es nicht mehr erlebe, hat wenigstens meine Familie etwas davon“, sagt er.

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