03.06.2008 · Während konventionelle Landwirte gegen den Preisverfall auf die Barrikaden gehen, haben es Biobauern besser. Ihre Milch ist begehrt und deshalb teurer.
Von Marcus TheurerWütende Bauern, Traktorblockaden vor Toren der Molkereien und Milch, die hektoliterweiße im Ausguss landet - all das kennt Andreas Nissen nur aus der Zeitung. Im eigenen Betrieb, der Molkerei Söbbeke im Münsterland, gehen die Dinge dagegen ihren gewohnten Gang.
"Ein Lieferstreik ist bei uns kein Thema, der Betrieb läuft", sagt Prokurist Nissen. Während in Berlin Landwirtschaftsminister Horst Seehofer einen nationalen "Milchgipfel" einberufen will und in den Supermärkten streikbedingt die Kühlregale leer zu bleiben drohen, rollen bei Söbbeke wie immer die Lastwagen vom Hof. "Unsere Bauern sind zufrieden mit dem Milchpreis, den wir bezahlen", sagt Nissen.
Kein Versorgungsengpass in den Bioläden
Dass ausgerechnet hier auf dem flachen Land in Nordrhein-Westfalen die Welt noch heil ist, hat einen einfachen Grund: Söbbeke verarbeitet nur Biomilch und selbst in der hochregulierten Milchwirtschaft wirken eben noch die Marktkräfte. Der Preis für konventionell erzeugte Milch bricht ein, weil zu viel angeboten und zu wenig nachgefragt wird. Der Preis für Biomilch ist stabil weil, immer mehr Deutsche Biolebensmittel kaufen und die Landwirte kaum nachkommen mit dem Liefern. Und deshalb sei die Situation in vielen Biomolkereien trotz des heftigen Milchstreits vergleichsweise entspannt, heißt es in der Branche. Ein Versorgungsengpass in den Bioläden droht bisher nicht.
50 Cent je Liter angelieferter Milch zahlt Söbbeke seinen Bauern zur Zeit - fast die Hälfte mehr als konventionell wirtschaftende Landwirte erzielen können. Es ist ein neues Phänomen: Lange Zeit haben sich die Preise für konventionelle Milch und Biomilch weitgehend parallel entwickelt. "In den letzten Monaten haben wir uns mit unseren Preisen abkoppeln können", sagt Thomas Dosch, Präsident von Bioland, dem größten Ökoanbauverband in Deutschland.
"Alle in der Lebensmittelbranche wollen mit dem Attribut ,Bio' werben, aber das Angebot ist knapp". Und so ist der Erzeugerpreis für konventionelle Milch seit dem Spätherbst bei steigenden Produktionskosten um gut 20 Prozent gefallen, im Biolager dagegen praktisch gar nicht (Siehe Grafik). Vom Bio-Bonus profitiert freilich nur ein kleiner Teil der Bauern. Nur rund 5 Prozent der knapp 400.000 landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland produzieren Bionahrung.
Die Nische wächst rasant
Dass es der kleinen Schar der Biobauern besser geht als der Masse der Landwirte haben sie einem noch nie dagewesenen Öko-Boom auf deutschen Esstischen zu verdanken. Selbst in den Filialen der großen Supermarktketten gibt es heute ein breites Angebot an Ökonahrungsmitteln vom Hühnerschenkel bis zu den Bio-Schupfnudeln. Zu diesen greift zwar immer noch nur eine Minderheit der Kunden. Bioland schätzt, dass zum Beispiel nur rund 2 Prozent der in Deutschland verbrauchten Milch von Biohöfen erzeugt wird. Doch die profitable Marktnische wächst rasant.
"Wir hatten in den vergangenen Jahren im Schnitt jeweils ein Umsatzplus von rund 30 Prozent", sagt Gerhard Sailer, Einkaufsleiter der Biosupermarktkette Basic. Konkurrenten wie etwa Alnatura kommen im gesättigten deutschen Lebensmittelhandel auf ähnlich stolze Steigerungsraten. "Der Biomarkt wird weiter zulegen ", erwartet Sailer. Vor allem Obst und Milchprodukte sorgten für stetiges Wachstum. Schon heute ist Deutschland nach den Vereinigten Staaten weltweit der zweitgrößte Absatzmarkt für Bionahrung. Die Kunden sind bereit mehr zu zahlen. Bei Basic kostet der Liter Vollmilch zur Zeit 1,29 Euro. Aldi dagegen wirbt diese Woche mit einem neuen "Dauertiefpreis" von 61 Cent.
Ökobauern hoffen auf stabile Preise
Die sich immer weiter öffnende Preisschere zwischen Bio und Nicht-Bio macht allerdings mittlerweile auch den Ökobauern selbst Sorgen. "Bei unseren Mitgliedern gibt es Bedenken, dass wir uns dem Preisverfall im Milchmarkt nicht auf Dauer entziehen können", sagt Bioland-Chef Dosch. Wenn der Preisunterschied im Kühlregal zu groß wird - so die Befürchtung - lassen wieder mehr Kunden die Biomilch-Tüte stehen, auch wenn ihr Preis absolut nicht steigt. Von Dauer werde die Preisstabilität in der ökologischen Milchwirtschaft deshalb nicht sein, warnen Skeptiker bereits. Erste Versuche von Biomolkereien, niedrigere Preise durchzusetzen, gibt es bereits.
Die Meinungen gehen freilich auseinander. "Bisher können wir nicht feststellen, dass unsere Kunden weniger Biomilch kaufen, weil die konventionelle Milch billiger geworden ist", sagt Manon Haccius, Sprecherin von Alnatura. Etwas zurückhaltender ist dagegen Basic-Einkaufschef Sailer "Es gibt bei uns keine Anzeichen, dass der Preis für Biomilch unter Druck geraten könnte", sagt auch er. "Aber die wachsende Preisdifferenz birgt gewisse Gefahren."
Biobauern streiken mit
Vor allem in Süddeutschland haben sich deshalb auch Biolandwirte dem Streik der Milchbauern angeschlossen, obwohl sie selbst bisher gar nicht betroffen sind. Aufgeheizt ist die Stimmung in den Dörfern und deshalb auch heikel für die Biobauern. Einerseits geht es ihnen bislang besser als den Kollegen, andererseits wollen sie damit nicht auftrumpfen.
"Wir möchten keine Streikbrecher sein", sagt Bioland-Präsident Dosch. Deshalb werde der Protest der konventionell wirtschaftenden Kollegen unterstützt. Lange Zeit sind die Ökolandwirte in der Bauernschaft als Sektierer ausgegrenzt worden. Jetzt soll der Milchstreit keinen neuen Keil zwischen die Lager treiben. "Es ist nicht angebracht, jetzt Häme zu zeigen, weil wir bisher keinen Preisverfall haben", sagt Dosch.
Markt oder :Völker, hört die (Preis-) Signale
Steffen Rupp (steffenrupp)
- 03.06.2008, 22:07 Uhr
Gerechte Bezahlung?
Manfred Bessel (Fahrefix)
- 03.06.2008, 22:53 Uhr
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