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Microsoft „Die Erfolgsserie des iPod wird abreißen“

11.05.2005 ·  Bill Gates, Chairman des weltgrößten Softwarekonzerns Microsoft, über Alleskönner-Handys, Attacken auf den Blackberry und seine eigene Zukunftsplanung. Ein F.A.Z.-Gespräch.

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Der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft Corp., Redmond (Washington), hat sich einen Namen damit gemacht, spät in zukunftsträchtige Märkte einzusteigen, dann aber mit seinen immensen Ressourcen den Wettbewerb von hinten aufzurollen. Das Paradebeispiel dafür war der Internet-Browser Netscape, den Microsoft in den neunziger Jahren mit seinem Explorer aus dem Markt gedrängt hat. Auch heute hat die Gesellschaft viele Märkte im Visier, die sie zunächst lange ignoriert hat. Darunter sind zum Beispiel Internetsuche und Sicherheitssoftware.

Ebenfalls noch schwach ist das Geschäft mit Software für Handys und andere mobile Kommunikationsgeräte. Dies ist die mit Abstand kleinste, wenn auch wachstumsstärkste Microsoft-Sparte, und Microsoft liegt gegenüber Anbietern wie Symbian im Hintertreffen. Hier startet das Unternehmen nun mit einer neuen Version des Betriebssystems Windows Mobile eine weitere Attacke. Windows Mobile 5.0 erlaubt zum Beispiel mehr Multimedia-Anwendungen als das Vorgängerprodukt, unterstützt festplattenbasierte Geräte und wird zusammen mit einer neuen Server-Software einen E-Mail-Versand wie beim populären Gerät Blackberry ermöglichen. Anläßlich der Vorstellung der neuen Software in Las Vegas sprach Chairman Bill Gates mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über seine Pläne in dem Geschäft.

Herr Gates, Microsoft dominiert mit seinem Betriebssystem Windows den Markt für Personalcomputer. Im Zukunftsmarkt für Handys spielt Ihr Unternehmen aber noch immer kaum eine Rolle ...

... wir kommen aber voran. Allein in Europa sind im jüngsten Quartal eine Million Geräte mit unserem Betriebssystem ausgeliefert worden.

Ihr Marktanteil ist heute aber vernachlässigbar ...

Der Marktanteil ist etwas schwer zu bestimmen, weil die Grenzen zwischen den einzelnen Produktsegmenten fließend sind, also zum Beispiel zwischen Taschencomputern (PDA) und Multimedia-Handys (Smartphones). Sie können jedoch annehmen, daß wir bei Mobiltelefonen noch bei einem Marktanteil im einstelligen Prozentbereich liegen, bei Taschencomputern sind es dagegen 70 Prozent. Vergessen Sie aber nicht: Wir haben erst vor zwei Jahren den ersten Netzbetreiber als Kunden gewonnen, das war damals Orange aus Frankreich. Heute sind wir bei 68, damit sind wir sehr zufrieden. Außerdem beliefern wir 40 Handy-Hersteller. Dabei sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien im Moment unsere wichtigsten Märkte.

Wie wollen Sie es schaffen, ein größeres Stück vom Markt zu bekommen?

Wir haben keine Ziele für den Marktanteil. Aber wir wollen innerhalb der nächsten zwei Jahre einen Punkt erreichen, wo wir fast alle Netzwerkbetreiber auf der Welt bedienen. 40 Kunden auf seiten der Handy-Hersteller würden uns dagegen heute schon reichen, wenn nur jeder richtig starke Geräte produzieren würde, so wie zum Beispiel unser wichtiger Partner Samsung.

Bislang ist dieses Geschäft für Microsoft chronisch defizitär. Wann werden Sie die Gewinnzone erreichen?

Erwarten Sie da keine Prognose von mir. Wir sind zuversichtlich, daß wir irgendwann damit Gewinne machen, aber der Zeitpunkt ist uns gar nicht so wichtig. Gehen Sie davon aus, daß wir voll hinter diesem Geschäft stehen und Durchhaltevermögen zeigen werden. Für mich hat das Gebiet absolute strategische Bedeutung, und ich sage Ihnen auch, warum: Die Herausforderungen im Geschäft mit mobiler Kommunikation liegen genau dort, wo wir unsere Stärken sehen. Immer mehr Funktionen werden in einem einzelnen Gerät integriert sein, und dazu braucht es Softwarelösungen.

Also geht der Weg nach Ihrer Ansicht in Richtung eines Alleskönner-Handys, das spezialisierte Geräte aus dem Markt drängt?

Die Aussicht, alle relevanten Funktionen in einem einzelnen Gerät zu haben, muß doch für Verbraucher unwiderstehlich sein. Das Handy wird einen immer reichhaltigeren Strauß an Möglichkeiten bieten: Es wird zum Beispiel als digitale Geldbörse zum Bezahlen eingesetzt werden, es wird ein Navigationssystem sein, und es wird zum Unterhaltungszentrum mit Musik und anderen Inhalten.

Heißt das, das noch junge Segment der digitalen Musikspieler ist schon wieder bedroht?

Wir sind natürlich einerseits selbst auf diesem Gebiet vertreten und haben Partnerschaften mit Gerätemarken wie Creative. Und ich denke auch nicht, daß die spezialisierten Musikspieler ganz aussterben werden. Wenn Sie mich aber fragen, welches tragbare Gerät künftig an erster Stelle zum Musikhören genutzt wird, würde ich ganz klar auf das Mobiltelefon tippen.

Sagen Sie also ein Ende der Erfolgsgeschichte für den Musikspieler iPod Ihres Rivalen Apple voraus?

Ich glaube nicht, daß der Erfolg des iPod sich auf Dauer fortsetzen läßt, so gut Apple auch sein mag. Ich finde, man kann da Parallelen zum Computer ziehen: Auch hier war Apple mit seinem Macintosh und der grafischen Benutzeroberfläche früher einmal extrem stark - ähnlich wie der iPod heute - und hat dann seine Position eingebüßt. Die Verbraucher wollen mehr Möglichkeiten haben, und sie werden diese auch bekommen, weil es auf diesem Gebiet so viele Innovationskraft gibt.

Ein anderer erfolgreicher Rivale, auf den Sie es offenbar abgesehen haben, ist das E-Mail-Gerät Blackberry des kanadischen Herstellers Research-in-Motion. Bislang fehlte Ihnen die Vorzeigefunktion des Blackberry, der "Push"-Service, der E-Mails direkt von einem Netzwerkrechner (Server) auf die Geräte schickt.

Das wird sich jetzt ändern: Wir haben nun die neue Version des Betriebssystems Windows Mobile vorgestellt, und in den kommenden Monaten kommt die nächste Stufe der Server-Software Exchange. Diese beiden Programme werden den "Push"-Versand erlauben.

Und nun will Microsoft den Blackberry aus dem Markt drängen?

Der Blackberry ist großartig, aber wir bringen einen neuen Ansatz. Beim Blackberry brauchen Sie Zugang auf einen separaten Server, und das kostet einiges extra. Bei uns wird die E-Mail-Funktion zum Teil der Server-Software. Das ist billiger und weniger komplex. Und deshalb wage ich die Vorhersage, daß Microsoft den drahtlosen E-Mail-Verkehr zu einer Allerweltsfunktion machen wird.

Kam es Ihnen jemals in den Sinn, Research-in-Motion zu übernehmen?

Darüber haben wir nie nachgedacht. Wir schreiben unsere Software selbst, und schließlich sind wir das bedeutendste E-Mail-Unternehmen, mit Programmen wie Outlook, Hotmail und Exchange. Mir würde auf diesem Gebiet kein größeres Akquisitionsziel einfallen.

Das dachte man aber auch im Bereich der betriebswirtschaftlichen Standardsoftware. Und dann wurde im vergangenen Jahr auf einmal bekannt, daß Sie Übernahmegespräche mit der deutschen SAP AG geführt haben.

Richtig, aber diese Nachricht war ja letztlich keine. Es gab Gespräche, aber es gab kein Ergebnis. Wir haben jedoch unsere Partnerschaft mit SAP vertieft, und auf die Gespräche von damals geht die Entwicklungsallianz zurück, die wir gerade angekündigt haben.

Das Geschäft von Microsoft steht seit langem auf drei starken Säulen: dem Betriebssystem Windows für Personalcomputer, Software für Server und der Bürosoftware Office. Andere Sparten verblassen dagegen bis heute, ob Mobilfunksoftware, betriebswirtschaftliche Standardsoftware, Internet oder Videospiele. Werden Sie es jemals schaffen, eine vierte starke Säule zu haben?

Unsere Märkte sind einfach sehr unterschiedlich. So stark wie unsere drei großen Sparten wird daher wahrscheinlich keines unserer anderen Geschäfte jemals sein. Dennoch: Das Geschäft mit Standardsoftware kann noch sehr, sehr groß werden. Und das Mobilfunk- und Taschencomputergeschäft kann im Vergleich zu heute um einiges zulegen und dabei ziemlich gute Gewinne abwerfen. Und vergessen Sie nicht, daß viele unserer jungen Geschäfte für dramatischen Fortschritt in ihren Märkten sorgen, ob es jetzt Software für Autos oder die Videospielesparte sind.

Sie sind seit einigen Jahren nicht mehr Chief Executive Officer, sondern entwickeln als Chef-Softwarearchitekt strategische Visionen für die Zukunft. Wie nahe kann jemand mit einem Prominenzgrad wie Bill Gates am Puls der Verbraucherwünsche sein?

Der Verbraucher ist ohnehin unberechenbar. Im Prinzip kann man da nur Produkte auf den Markt werfen und dann aus seinen Fehlern lernen. Das ging uns zum Beispiel so mit der Videospielekonsole Xbox, bei der wir aus der ersten Version sehr viel für die nächste Generation gelernt haben. Ich habe aber zum Beispiel meine Vorstellungen vom Telefonieren in der Zukunft, das ganz anders aussehen wird als heute. So glaube ich, daß Telefonnummern überflüssig werden. Die Verschmelzung von Funktionalitäten wird dazu führen, daß eine Form der Identifikation für alle Kommunikationsarten ausreicht. Dabei ist eine am Namen orientierte E-Mail-Adresse eine viel näherliegende Wahl als die willkürliche Zahlenfolge in einer Telefonnummer. Grundsätzlich ist es meine wichtigste Aufgabe, die ganz großen technologischen Trends zu erkennen und die richtigen Wetten für das Unternehmen einzugehen, zum Beispiel in Gebieten wie Spracherkennung oder künstlicher Intelligenz.

Sie werden im Herbst 50 Jahre alt. Ist Ihre derzeitige Funktion bei Microsoft eine Aufgabe auf Lebenszeit?

Nein. Ich denke, wenn jemand 60 Jahre alt ist, sollte das Verfolgen technischer Trends besser in die Hände eines anderen gelegt werden. Aber bis es soweit ist, ist noch viel zu tun.

Das Gespräch führte Roland Lindner.

Quelle: F.A.Z., 12.05.2005
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