Home
http://www.faz.net/-gqe-7gxsh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
CIO View

Metallindustrie Tarifparteien offen für niedrigere Einstiegslöhne

Das ist selten: IG Metall und VDMA können sich geringere Einstiegstarife vorstellen. Die Gewerkschafter wollen, dass es dafür weniger Werkverträge gibt. Ohne Werkverträge geht’s nicht, sagen die Arbeitgeber.

© ddp Metallverarbeitung

Im Zuge der Auseinandersetzung über umstrittene Werkverträge in deutschen Unternehmen diskutieren Vertreter der Industrie und der Gewerkschaft IG Metall offen über die Einführung niedrigerer Tariflöhne für industrielle Dienstleistungstätigkeiten. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) sprach sich dafür aus, den wirtschaftlichen Anreiz für eine Auslagerung einfacher Tätigkeiten an Fremdfirmen auch durch eine Anpassung der Tarifverträge zu verringern.

Dietrich Creutzburg Folgen:

Die Gewerkschaft IG Metall kündigte an, sie wolle sich einer Diskussion darüber zumindest nicht verschließen. Sie strebt allerdings ein Paket mit einer Vielzahl an Neuregelungen und einer Ausweitung der Arbeitnehmer-Mitbestimmung an.

VDMA-Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse sagte der F.A.Z., insbesondere für einfache Tätigkeiten sei „der derzeitige Einstiegstarif in der Metall- und Elektroindustrie von rund 15 Euro Stundenlohn mehr als üppig“. Daher sei es „naheliegend, unterhalb des aktuellen Tarifgefüges nach vernünftigen und bezahlbaren Lösungen für den industrienahen Dienstleistungsbereich zu suchen“, sagte Hesse. „Hier muss sich die IG Metall öffnen.“ Tatsächlich liegen die Einstiegslöhne des Metall-Tarifs je nach Region um bis zu 80 Prozent über der Marke von 8,50 Euro, die für Befürworter eines gesetzlichen Mindestlohns eine zentrale Messlatte ist.

Wetzel: Wir sind zu Gesprächen bereit

Die Gewerkschaft führt seit Monaten eine Kampagne gegen den Missbrauch von Werkverträgen. Sie geht davon aus, dass tarifgebundene Firmen immer häufiger nur deshalb Leistungen von Drittanbietern einkaufen, um die für ihre Stammbelegschaft geltenden Tarifbedingungen zu unterlaufen. Zwar strebt die IG Metall vor allem strengere Spielregeln für diejenigen Unternehmen an, die Tätigkeiten mittels Werkvertrag ausgliedern wollen. Ihr Zweiter Vorsitzender, Detlef Wetzel, sicherte gegenüber der F.A.Z. jedoch zu, dass seine Gewerkschaft bereit sei, mit den Arbeitgebern über die Einstiegslöhne des Metall-Tarifs zu reden.

„Wir verweigern uns keiner Diskussion“, sagte er. Allerdings werde dann „nicht nur über das Tarifniveau zu reden sein“. Notwendig sei ein „stimmiges Tarifkonzept für eine zukunftsfähige Metall- und Elektroindustrie in Deutschland“. Dazu zählten wirksame Regeln gegen ein Umgehen von Tarifverträgen.

Wetzel, der im November die Nachfolge von Berthold Huber an der Spitze der IG Metall antreten soll, verwies auf eine in der Tarifrunde 2012 vereinbarte Verhandlungsverpflichtung zwischen der Gewerkschaft und dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Sie sieht vor, dass die Tarifparteien „die Sicherung einfacher und die Förderung qualifizierter Tätigkeiten in Deutschland“ anstreben. Derzeit laufen in beiden Lagern die jeweiligen internen Vorbereitungen auf die geplanten Gespräche.

VDMA: Ohne Werkverträge geht's nicht

Die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie hatten die IG Metall schon im Jahr 2006 aufgefordert, den Metall-Tarif um ein sogenanntes „Dienstleistungsfenster“ mit einem geringeren Lohnniveau für von Auslagerung betroffene Tätigkeiten einzuführen. Die Gewerkschaft lehnte dies damals ab - was Wetzel heute als Fehler wertet. „Aus heutiger Sicht wäre die IG Metall sicher gut damit gefahren, diesen Weg einzuschlagen“, sagte er.

In jedem Fall will die Gewerkschaft nun neue gesetzliche Mitspracherechte für Betriebsräte bei Entscheidungen über Werkverträge einführen. Der VDMA wandte sich indes entschieden dagegen, das Instrument des Werkvertrags einzuschränken. „Kein Maschinenbauunternehmen könnte heute noch im internationalen Wettbewerb bestehen, wenn es alle anfallenden Arbeiten entlang der Wertschöpfungskette selbst durchführen müsste“, warnte Hesse.

Ohnehin kauften Maschinenbauer in erster Linie solche Fähigkeiten über Werkverträge ein, die einfach nicht zur eigenen Kernkompetenz zählten. Werkverträge seien vor allem Ausdruck von Spezialisierung und Arbeitsteilung und seien damit ein maßgeblicher Faktor für wirtschaftliche Dynamik und Produktivität.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Deutscher Arbeitsmarkt Hohe Löhne, viel bezahlte Freizeit

Deutschland steht für starke Industrie und geringe Arbeitslosigkeit. Doch es ist gleichzeitig das Land des bezahlten Müßiggangs - nirgends in Europa gibt es mehr Urlaubs- und Ferientage als hierzulande. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin

23.08.2015, 19:09 Uhr | Wirtschaft
Nach Wochen des Streiks Schlichtung im Kita-Tarifkonflikt

Aufatmen für Eltern? Eine Ende der Kita-Streiks ist in Sicht: Gewerkschaften und Arbeitgeber verständigten sich nach mehrfach ergebnislosen Tarifverhandlungen auf eine Schlichtung. Mehr

05.06.2015, 10:18 Uhr | Wirtschaft
Digitalisierung im Unterricht Industrie 4.0 zieht in die Berufsschule ein

In der Azubi-Cloud Arbeitsanweisungen empfangen, Maschinen vom Tablet aus steuern und im Hightech-Labor die Fabrik der Zukunft kennenlernen: Digitalisierung ist längst Alltag für Lehrlinge. Wie die neue Azubi-Generation heranwächst. Mehr

18.08.2015, 05:37 Uhr | Beruf-Chance
Tarifkonflikt Post und Verdi rechnen mit zähen Tarifverhandlungen

Die Deutsche Post und die Gewerkschaft Verdi rechnen nicht mit einem raschen Durchbruch in ihrem von massiven Warnstreiks begleiteten Tarifkonflikt. In diesem geht es um Geld, Arbeitszeiten und die Auslagerung von Jobs in neue Gesellschaften der Post. Mehr

20.05.2015, 17:17 Uhr | Wirtschaft
Smarte Arbeit Die Roboter ändern nicht die Bedürfnisse

Roboter übernehmen gerade lästige Arbeiten. Und bringen Familie und Beruf besser unter einen Hut. Ein Interview. Mehr

18.08.2015, 10:54 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 26.08.2013, 18:22 Uhr

Jugendliche wissen zu wenig über Wirtschaft

Von Lisa Becker

Wie funktioniert die Börse? Was sind Aktien? Darüber müssen Schüler mehr erfahren. So lernen sie auch mit eigenen wirtschaftlichen Entscheidungen verantwortungsvoller umzugehen. Mehr 21 17


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Gründer sorgen sich ums Geld

Was macht Menschen mit einer Unternehmensidee in Deutschland das größte Kopfzerbrechen? Die Finanzierung. Während sie vergangenes Jahr häufig auch den Fachkräftemangel anführten, treibt sie dieses Problem längst nicht mehr so stark um. Mehr 0