http://www.faz.net/-gqe-7gxsh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.08.2013, 18:22 Uhr

Metallindustrie Tarifparteien offen für niedrigere Einstiegslöhne

Das ist selten: IG Metall und VDMA können sich geringere Einstiegstarife vorstellen. Die Gewerkschafter wollen, dass es dafür weniger Werkverträge gibt. Ohne Werkverträge geht’s nicht, sagen die Arbeitgeber.

von , Berlin
© ddp Metallverarbeitung

Im Zuge der Auseinandersetzung über umstrittene Werkverträge in deutschen Unternehmen diskutieren Vertreter der Industrie und der Gewerkschaft IG Metall offen über die Einführung niedrigerer Tariflöhne für industrielle Dienstleistungstätigkeiten. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) sprach sich dafür aus, den wirtschaftlichen Anreiz für eine Auslagerung einfacher Tätigkeiten an Fremdfirmen auch durch eine Anpassung der Tarifverträge zu verringern.

Dietrich Creutzburg Folgen:

Die Gewerkschaft IG Metall kündigte an, sie wolle sich einer Diskussion darüber zumindest nicht verschließen. Sie strebt allerdings ein Paket mit einer Vielzahl an Neuregelungen und einer Ausweitung der Arbeitnehmer-Mitbestimmung an.

VDMA-Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse sagte der F.A.Z., insbesondere für einfache Tätigkeiten sei „der derzeitige Einstiegstarif in der Metall- und Elektroindustrie von rund 15 Euro Stundenlohn mehr als üppig“. Daher sei es „naheliegend, unterhalb des aktuellen Tarifgefüges nach vernünftigen und bezahlbaren Lösungen für den industrienahen Dienstleistungsbereich zu suchen“, sagte Hesse. „Hier muss sich die IG Metall öffnen.“ Tatsächlich liegen die Einstiegslöhne des Metall-Tarifs je nach Region um bis zu 80 Prozent über der Marke von 8,50 Euro, die für Befürworter eines gesetzlichen Mindestlohns eine zentrale Messlatte ist.

Wetzel: Wir sind zu Gesprächen bereit

Die Gewerkschaft führt seit Monaten eine Kampagne gegen den Missbrauch von Werkverträgen. Sie geht davon aus, dass tarifgebundene Firmen immer häufiger nur deshalb Leistungen von Drittanbietern einkaufen, um die für ihre Stammbelegschaft geltenden Tarifbedingungen zu unterlaufen. Zwar strebt die IG Metall vor allem strengere Spielregeln für diejenigen Unternehmen an, die Tätigkeiten mittels Werkvertrag ausgliedern wollen. Ihr Zweiter Vorsitzender, Detlef Wetzel, sicherte gegenüber der F.A.Z. jedoch zu, dass seine Gewerkschaft bereit sei, mit den Arbeitgebern über die Einstiegslöhne des Metall-Tarifs zu reden.

„Wir verweigern uns keiner Diskussion“, sagte er. Allerdings werde dann „nicht nur über das Tarifniveau zu reden sein“. Notwendig sei ein „stimmiges Tarifkonzept für eine zukunftsfähige Metall- und Elektroindustrie in Deutschland“. Dazu zählten wirksame Regeln gegen ein Umgehen von Tarifverträgen.

Wetzel, der im November die Nachfolge von Berthold Huber an der Spitze der IG Metall antreten soll, verwies auf eine in der Tarifrunde 2012 vereinbarte Verhandlungsverpflichtung zwischen der Gewerkschaft und dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Sie sieht vor, dass die Tarifparteien „die Sicherung einfacher und die Förderung qualifizierter Tätigkeiten in Deutschland“ anstreben. Derzeit laufen in beiden Lagern die jeweiligen internen Vorbereitungen auf die geplanten Gespräche.

VDMA: Ohne Werkverträge geht's nicht

Die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie hatten die IG Metall schon im Jahr 2006 aufgefordert, den Metall-Tarif um ein sogenanntes „Dienstleistungsfenster“ mit einem geringeren Lohnniveau für von Auslagerung betroffene Tätigkeiten einzuführen. Die Gewerkschaft lehnte dies damals ab - was Wetzel heute als Fehler wertet. „Aus heutiger Sicht wäre die IG Metall sicher gut damit gefahren, diesen Weg einzuschlagen“, sagte er.

In jedem Fall will die Gewerkschaft nun neue gesetzliche Mitspracherechte für Betriebsräte bei Entscheidungen über Werkverträge einführen. Der VDMA wandte sich indes entschieden dagegen, das Instrument des Werkvertrags einzuschränken. „Kein Maschinenbauunternehmen könnte heute noch im internationalen Wettbewerb bestehen, wenn es alle anfallenden Arbeiten entlang der Wertschöpfungskette selbst durchführen müsste“, warnte Hesse.

Ohnehin kauften Maschinenbauer in erster Linie solche Fähigkeiten über Werkverträge ein, die einfach nicht zur eigenen Kernkompetenz zählten. Werkverträge seien vor allem Ausdruck von Spezialisierung und Arbeitsteilung und seien damit ein maßgeblicher Faktor für wirtschaftliche Dynamik und Produktivität.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tarifeinigung Chemie-Beschäftigte erhalten in zwei Stufen mehr Geld

Ohne großen Theaterdonner haben sich die Tarifpartner in der Chemie-Industrie auf eine neue Gehaltsstruktur geeinigt. Innerhalb von zwei Jahren gibt es zwei Mal mehr Geld. Mehr

23.06.2016, 16:53 Uhr | Wirtschaft
Kloster Beuerberg Für mich nichts, für Gott alles

Ein Kloster wird aufgegeben, und für ein paar Monate hat man Gelegenheit, es im Originalzustand zu besichtigen. Die Salesianerinnen haben Beuerberg verlassen, aber ihr Geist weht noch durch die Gänge. Mehr Von Hannes Hintermeier

22.06.2016, 17:07 Uhr | Feuilleton
Cobots Wenn Mensch und Maschine Hand in Hand arbeiten

An Roboter als Kollegen werden sich die Beschäftigten in der Industrie und in vielen Dienstleistungsunternehmen gewöhnen müssen. Die Generation der Cobots erobert die Arbeitswelt. Mehr

20.06.2016, 08:33 Uhr | Wirtschaft
Brexit Merkel: Einschnitt für Europa

Nach der Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel sich bestürzt, warnt aber vor schnellen und einfachen Schlüssen. Mehr

24.06.2016, 15:32 Uhr | Politik
Die Briten stimmen ab Die Schlussoffensive der britischen Chefs

Am Tag vor dem Volksentscheid auf der Insel bekundet eine Phalanx britischer Manager und Unternehmer ihre Unterstützung für die EU. Wird ihr Appell Wirkung zeigen? Ein Beispiel gibt es schon. Mehr Von Marcus Theurer, London

22.06.2016, 13:39 Uhr | Wirtschaft

Ein Urteil über die EU

Von Holger Steltzner

Manche werden den Briten mit ihren Sonderwünschen keine Träne nachweinen. Aber klar ist: Die EU kann nicht weitermachen wie immer. Sie hat berechtigte Reformwünsche zu lange ignoriert. Der Brexit ist die Quittung. Mehr 185 591


Märkte nach dem „Brexit“
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  FTSE 100 --  --
  Dow Jones --  --
  Gold --  --

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 50

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --